Kabarettistin und Autorin Teresa Reichl aus Regensburg
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Kabarettistin und Autorin Teresa Reichl aus Regensburg.

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Schüler genervt von Faust: Autorin fordert neuen Literaturkanon

Junge Menschen lesen keine Bücher mehr. So das gängige Vorurteil. Kabarettistin, Youtuberin und Autorin Teresa Reichl sagt: Das Lesen ist nicht das Problem. Das Problem ist der althergebrachte Literatur-Kanon.

Über dieses Thema berichtet: kulturWelt am .

Es war irgendwann während der Corona-Lockdowns, als die Kabarettistin Teresa Reichl beschloss, aus ihrer Leidenschaft für Literatur Youtube-Videos zu machen. Das Konzept ist so simpel wie unterhaltsam: Teresa Reichl redet vor der Kamera profund über Literatur-Klassiker und trinkt dazu die ein oder andere Weinschorle. Dabei erfährt man zum Beispiel, warum sie Dantons Tod für überbewertet hält, wieso Effi Briest für sie nicht als Ikone des Feminismus taugt und wie Iphigenie auf Tauris die Friendzone erfunden hat. Maßstab ist dabei nicht die lexikarische Analysehilfe, sondern der eigene Geschmack. Und die Frage: Wenn man den moralischen Kompass eines Menschen von heute anlegt: Welche Botschaft steckt dann noch in den Werken, die wir Klassiker nennen? Was machen die Bücher, denen man in der Schullektüre oder auf Theater-Spielplänen begegnet heute noch mit uns?

Videos über trockene Unterrichts-Lektüre

Die Videos der Regensburgerin sind tausendfach geklickt. In den Kommentaren freuen sich vor allem Schüler und Schülerinnen, dass endlich jemand über die trockene Unterrichts-Lektüre so spricht, dass sie etwas damit anfangen können. Und dass es außer ihnen noch jemanden gibt, der eine Abneigung gegen Faust, Woyzek und die Buddenbrooks hat - und zwar nicht aus mangelndem Verständnis, sondern literaturwissenschaftlich begründet. Die Kommentare unter ihren Videos zeigen: Es gibt viele Menschen, die bereit sind, sich der Literatur zu öffnen. Aber es wird auch eine gewisse Verzweiflung angesichts sperriger und voraussetzungsreicher Werke spürbar.

Müssen wir das alles Lesen?

Natürlich haben klassische Werke Relevanz, sagt Teresa Reichl in ihrem gerade erschienenen Buch "Muss ich das gelesen haben?". Aber warum wird in der Schule nicht mit etwas angefangen, das den Schülern und Schülerinnen näher ist? Sie schlägt vor, in den Klassen erst mal TikTok-Videos, Youtube-Clips oder Chat-Verläufe zu analysieren. Es kann ja durchaus ermutigend sein, zu erfahren, dass wir schon beim Lesen von Chat-Nachrichten so etwas wie Textanalyse betreiben (Autor, Textgattung, Kontext, Intension). Wenn die Schüler und Schülerinnen mit den Methoden vertraut sind, kann man immer noch den Faust durchnehmen. Stattdessen falle man im Deutschunterricht oft mit der Tür ins Haus, lese schwer zugängliche Stoffe und analysiere schon Versformen und Text-Aufbau, bevor überhaupt die Story begriffen wurde. Dabei legen die Lehrpläne sogar längst einen offenen Literaturbegriff nahe. In der pädagogischen Praxis werde dann aber eben oft das Werk für den Unterricht gewählt, zu dem es bereits viel Begleitmaterial gibt. Und das ist halt eher für Rilke der Fall als für Rezo. Kann man alles machen, sagt Reichl, dann braucht man sich aber auch nicht wundern, wenn sich die Begeisterung für Literatur unter den Schülern und Schülerinnen in Grenzen hält.

Buchcover: Teresa Reichl will einen neune Kanon
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Cover : Teresa Reichl: Muss ich das gelesen haben?

Wann wird ein Werk kanonisch?

Es ist eine Frage von unvergänglicher Relevanz: Welche Bücher muss man gelesen haben in einem Leben? Anhaltspunkte dafür gibt der Kanon der Weltliteratur. Allerdings ist auch der ständiger Veränderung unterworfen. Ständig werden Literaturschaffende wieder aus dem Kanon gestrichen oder neue hinzugefügt. Und es gibt mehr als einen Kanon. Seit den 80er-Jahren brachten zum Beispiel große deutsche Zeitungen eigene "Bibliotheken" heraus. Und setzen damit auch Maßstäbe fest, welche Bücher man gelesen haben muss. Gemeinsam haben alle Literatur-Listen dieser Art: Sie sind mehrheitlich männlich und weiß. Bücher von Autorinnen, von People of Colour, von Menschen mit Behinderung und queeren Menschen kommen dort nur vereinzelt oder gar nicht vor.

Was ein Klassiker wird, hat viel mit Klasse zu tun.

Dass der Kanon so weiß und männlich ist, hat natürlich damit zu tun, dass er meist von weißen Männern definiert wurde, sagt die Schriftstellerin Sibylle Berg, Teil der Initiative #DieKanon, in der Autorinnen und bedeutende Schriftstellerinnen in einem weiblichen Kanon zusammengenfasst haben. Auch Teresa Reichl hat gewissermaßen einen Gegenkanon geschrieben. Sie hat allen unterrepräsentierten Gruppen im Kanon ein eigenes Kapitel gewidmet. Mit vielen Buch-Tipps und Hintergründen zu den einzelnen Büchern. Ihr geht es um eine Vielzahl von Perspektiven. Erst, wenn nicht mehr eine Bevölkerungsgruppe das Recht zugesprochen bekommt, über alle anderen zu schreiben, sondern jede mögliche gesellschaftliche Perspektive literarisch abgebildet wird von einer Person, die aus einem eigenen Erfahrungsspektrum davon berichten kann, wird die Literatur ihrer Aufgabe wirklich gerecht. Dafür müssen aber zuallererst der Kanon und die Schullektüren diverser werden. An Stoff mangelt es nicht, das zeigt Teresa Reichl eindrucksvoll. Ihr Buch zeigt: Wenn man richtig hinschaut, dann findet man auch Bücher von Menschen, über die es sonst gern heißt "da gibt es nichts".

"Muss ich das gelesen haben" ist ein eindringliches Plädoyer für das Lesen. Literatur macht uns schlauer, empathischer und gelassener. Alles wichtige Fähigkeiten, um in der modernen Welt zurecht zu kommen, stellt Reichl fest. Sich sicher zu fühlen in Literaturanalyse kann ein Schlüssel sein zum Verständnis zur Welt. Es ist also höchste Zeit, das Buch wieder cool zu machen.

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