BR24 Logo
BR24 Logo
BR24

Schröders "Reformationsfenster" darf in Kirche eingebaut werden | BR24

© Peter Steffen

Langjährige Freunde: Markus Lüpertz (links) und Gerhard Schröder

Per Mail sharen

    Schröders "Reformationsfenster" darf in Kirche eingebaut werden

    Rund 100.000 Euro hatte der Altkanzler aus seinen Honoraren gespendet, damit sein Künstlerfreund Markus Lüpertz ein 13 Meter hohes Glasfenster für die Marktkirche in Hannover schaffen konnte. Nach langem Streit kommt das Werk jetzt an Ort und Stelle.

    Per Mail sharen
    Von
    • Peter Jungblut

    Jetzt wird die Hannoveraner Marktkirche also doch ein spektakuläres neues Fenster erhalten. Nach dem Urteil der 18. Zivilkammer des Landgerichts spricht nichts dagegen, dass ein Werk von Markus Lüpertz, das Gerhard Schröder mit gut 100.000 Euro gefördert hatte, in das historische Gebäude eingesetzt wird. Das kirchliche Selbstbestimmungsrecht und die Religionsfreiheit seien höher zu bewerten als das Urheberrecht des Architekten, der die Pläne für den Wiederaufbau der Marktkirche nach dem Zweiten Weltkrieg erstellt hatte, so die Richter.

    Der inzwischen 79-jährige Lüpertz ließ sich für sein dreizehn Meter hohes Glasfenster, das in einer hessischen Manufaktur angefertigt wurde, von einer Anekdote aus dem Leben von Martin Luther inspirieren. Demnach warf der Reformator beim Übersetzen der Bibel auf der Wartburg mit einem Tintenfass nach einer Fliege, die ihn belästigte und seiner Ansicht nach wohl vom Teufel geschickt worden war. Lüpertz verwies darauf, dass dieser im Christentum auch als "Herr der Fliegen" bezeichnet wird. So finden sich auf dem Fenster neben einem recht abstrakt dargestellten Luther, der segnend beide Hände hebt, auch tatsächlich fünf Insekten. Neben schwarz-weißen Flächen dominieren rote, grüne und hellblaue Farbtupfer, sowie Braun-Töne.

    Kläger wollte "Einfachheit" des Innenraums schützen

    Gegen den Einbau des umstrittenen Fensters hatte der Stiefsohn und Erbe des Architekten Dieter Oesterlen (1911 - 1994), Georg Bissen, mit Hinweis auf seine Urheberrechte geklagt. Oesterlen hatte nach dem Zweiten Weltkrieg die Pläne für den Wiederaufbau der durch Bomben schwer beschädigten Marktkirche erstellt. Zu den herausragenden Bauten des Architekten gehören in Hannover außerdem das Landtagsgebäude und das Historische Museum.

    Nach Ansicht von Bissen, der in Tokio als Anwalt arbeitet, ist der Innenraum seit der Umgestaltung im Sinne von Oesterlen von einer "Atmosphäre von großartiger Einfachheit und Geschlossenheit" geprägt. Wörtlich ließ der Erbe im Oktober 2018 der "Hannoverschen Allgemeinen" über seinen Anwalt ausrichten: "Die Marktkirche zählt zu den schönsten Räumen Hannovers, das von Lüpertz entworfene Fenster fügt sich in diesen besonderen Raum nicht ein." Über die Kunst von Markus Lüpertz wollte sich Bissen dagegen damals ausdrücklich nicht äußern.

    © Hauke-Christian Dittrich/BR Bild

    Das Modell steht schon: Lüpertz-Fenster

    Die zuständige 18. Zivilkammer des Landgerichts Hannover hatte die Marktkirche bei einem Ortstermin am 21. Oktober in Augenschein genommen, um sich persönlich davon zu überzeugen, ob die "Schlichtheit" des Innenraums durch bunte Fenster beeinträchtigt würde. Umstritten war insbesondere, ob das "streitgegenständliche" Lüpertz-Fenster vom Altar aus zu sehen ist. Richter Florian Wildhagen kam zunächst zum Ergebnis, es sei wegen einer davorstehenden Säule nicht direkt einsehbar, hielt nach Angaben der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" dann jedoch auf seinem Diktiergerät fest: "Wenn man sich etwas nach links begibt, kann man das Fenster aus sehr schräger Ansicht erkennen."

    "Gewisse Lichteffekte" sorgten für Diskussionen

    Außerdem fiel dem Gericht auf, dass die bisher eingebauten Fenster in der Marktkirche nicht ganz so "neutrales Licht" erzeugen, wie zunächst erwartet worden war. Es war von "gräulich-bläulicher Farbgebung" mit "rötlichen Einsprengseln" die Rede, auch "Türkis-Töne" wurden wahrgenommen. Kläger Georg Bissen erklärte das damit, dass sein Vater den Boden mit Backsteinen auslegen ließ, was mit "gewissen Lichteffekten" einher gehe.

    Die evangelisch-lutherische Marktkirche St. Georgii et Jacobi ist die älteste der drei Pfarrkirchen in der Altstadt von Hannover und gilt mit ihrem 97 Meter hohen Turm als Wahrzeichen der Stadt. Ihre Baugeschichte reicht zurück bis ins 12. Jahrhundert, der Innenraum wurde im 19. Jahrhundert aufwändig restauriert und ausgemalt. 1943 wurde sie bei zwei Bombenangriffen bis auf die Außenmauern zerstört. Politisch hat sie Bedeutung als offizielles Gotteshaus des niedersächsischen Landtags und als Predigtkirche des Landesbischofs der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover und des Stadtsuperintendenten des Stadtkirchenverbands Hannover.

    Markus Lüpertz hat bereits Fenster für die Dorfkirche in Landsberg-Gütz, die Kathedrale von Nevers in Frankreich und die Marienkirche in Lippstadt entworfen. Zwischenzeitlich muss er noch einen weiteren Großauftrag bearbeiten: In der Kölner Dominikanerkirche St. Andreas soll er nach Angaben des Erzbistums Köln insgesamt sieben große und vier kleinere Fenster gestalten. Das erste dieser Werke wurde am 30. Juni enthüllt und beschäftigt sich mit dem Heiligen Peter von Mailand. Bereits von 2005 bis 2010 hatte Lüpertz in St. Andreas zwölf Glasfenster gestaltet.

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang