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Ingo Schulze: Immer werden die Ostdeutschen auf die Couch gelegt | BR24

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Wie tief sind die Gräben zwischen Ost- und Westdeutschen dreißig Jahre nach dem Mauerfall? Der Dresdener Schriftsteller Ingo Schulze sagt, er streite vor allem mit anderen "Ostlern", er sieht im Beitritt der DDR die Ursache vieler Probleme.

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Ingo Schulze: Immer werden die Ostdeutschen auf die Couch gelegt

Wie tief sind die Gräben zwischen Ost- und Westdeutschen dreißig Jahre nach dem Mauerfall? Der Dresdener Schriftsteller Ingo Schulze sagt, er streite vor allem mit anderen "Ostlern", er sieht er im Beitritt der DDR die Ursache vieler Probleme.

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Wie nah sind sich Menschen in Ost- und Westdeutschland, dreißig Jahre nach dem Mauerfall? Darüber wird rund um das Jubiläum viel geschrieben und geredet. Der Schriftsteller Ingo Schulze aus Dresden hat schon einige Ost-West-Geschichten erzählt. Er sagt, Ende der 90er Jahre konnte man gelassener über den Osten sprechen als heute. Warum das so ist, erklärt er im Interview mit Joana Ortmann.

Joana Ortmann: Herr Schulze, gibt es diese Gräben zwischen Ost- und West, von denen jetzt gerade wieder so oft die Rede ist?

Ingo Schulze: Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Das Problem ist halt, dass das keine Vereinigung gewesen ist, sondern eben nur ein Beitritt. Ich gehörte ja zu den Naiven, die dachten, wir machen jetzt einen demokratischen Sozialismus, das schien mir völlig unausweichlich. Das Tolle der Erfahrung von '89 war ja auch: Diese Demokratisierung und diese Freiheit machte ja nicht halt vor der Ökonomie und der Wirtschaft – und das war eigentlich das Sensationelle daran. Und mit der ersten freien Wahl im Osten und dann natürlich spätestens mit der Einführung der D-Mark war dieser Prozess abgebrochen. Da ist bei mir schon so eine Trauer gewesen: Man musste eigentlich plötzlich über nichts mehr reden, das war eigentlich alles gegessen: Jetzt kommt die Bundesrepublik.

Diese Fehleinschätzung, dass das Zusammenwachsen vielleicht doch mehr Zeit gebraucht hätte, als man sich damals vorstellen konnte. Inwiefern ist das jetzt die Kerbe, aus der Populismus gemacht werden kann?

Na ja, das Problem fängt schon da an, dass Sie von "zusammenwachsen" sprechen. Diese Willy Brandt-Metapher halte ich für höchst fragwürdig. Man kann sagen, das Schienennetz, das Busnetz, das Straßennetz, das flicken wir jetzt so zusammen, dass das wieder etwas ergibt. Aber das sind ja alles sehr politische Prozesse. Und viel trennender als die Erfahrung bis '89, ist die Erfahrung danach, dieses Abräumen der DDR-Wirtschaft, die natürlich mit der Einführung der D-Mark zu tun hat, die von der Mehrheit gewollt war. Daraus politisches Potenzial zu schlagen, hat meiner Ansicht nach damit zu tun, dass eigentlich die Linke nicht funktioniert hat. Dieser Markenbegriff Kapitalismus war eigentlich verschwunden, geschweige denn, da hätte jemand noch von Klassen gesprochen.

Sie haben es schon angesprochen: Welche Rolle spielt die Sprache dabei?

Ich glaube, dass die Sprache, die wir benutzen, ganz wichtig ist. Denn so wie ich etwas benenne, lege ich – ohne dass ich mir dessen immer bewusst bin – auch mein Verhältnis dazu fest: Wenn ich von "Verlierern" spreche, ist das etwas anderes als wenn ich sage "da gibt es so und so viele, die kriegen einfach keine Arbeit mehr".

Das hieße, dass Sie sich eigentlich für die Zukunft einen wertschätzenderen Umgang wünschen würden, der mehr ist als nur dieses "Es war ja nicht alles schlecht!", der ja auch ein Klischee ist.

Ich finde es halt nicht gut, wenn die Bundesrepublik zum Maßstab erhoben wird und von da aus argumentiert wird. Man muss eigentlich auch die Bundesrepublik kritisch betrachten. Man muss beide Systeme kritisch sehen und dann lässt sich, glaube ich, sehr viel einfacher reden. Es ist halt so, dass immer die Ostdeutschen auf die Couch gelegt werden und ich würde viele Fragen gerne einfach mal umdrehen – und dann kommt entweder die Absurdität der Sache zu Tage oder es kommt vielleicht tatsächlich eine Diskussion in Gang.

Das ganze Interview hören Sie, wenn Sie auf das Audio-Symbol oben klicken.

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