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Schoßhund und Schlachtschwein: Ändert Corona unseren Tierblick? | BR24

© BR/ Lisa Müller

Kamel

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    Schoßhund und Schlachtschwein: Ändert Corona unseren Tierblick?

    Die Liebe zu Hund, Katze und Co scheint größer denn je. So groß, dass in Tierheimen sogar Gehege leer stehen. Doch in Mastbetrieben drängen sich Schweine und Rinder noch immer auf engstem Raum. Politiker geloben Besserung – Ethiker sind skeptisch.

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    28 Kinder eines Ferienlagers wuseln um die aufgesattelten Kamele, die Alpakas, Lamas und Esel in der Hofeinfahrt herum. Kinderstimmen voller Ungeduld und Vorfreude auf den tierischen Ausflug. Schnell wird noch ausgehandelt, wer als Erstes eines der Kamele reiten darf.

    Sehnsucht nach Ruhe und Nähe

    Nach anstrengenden Wochen mit Home-Office und Home-Schooling sehnen sich viele nach der beruhigenden Wirkung von Tieren. Wer weder Hund noch Katze zu Hause hat, macht sich auf den Weg zur nächsten Tierfarm.

    Bei den "Bayern Kamelen" im oberbayerischen Miesbach herrscht deshalb ein Andrang wie nie zuvor. Die Leute kommen zum Kamelreiten oder auch einfach nur zum ausgiebigen Kuscheln. Denn auch körperliche Nähe fehlt vielen gerade, sagt Besitzerin Bianca Klages. "Gerade bei Kindern merkt man, dass die noch viel mehr den Kontakt suchen und schmusen und an den Tieren hängen".

    Haustiere sind hoch im Kurs

    Viele nehmen die Corona-Pandemie zum Anlass, sich den lang gehegten Wunsch nach einem Vierbeiner zu erfüllen. Im Home-Office bleibt schließlich genug Zeit, um das Tier einzugewöhnen. Bayerische Tierheime berichten von einer so hohen Nachfrage, dass inzwischen sogar Gehege leer stünden. Auch Umfragen aus den USA belegen den aktuellen Haustier-Trend. Drei Viertel der Befragten wollen trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage nicht an ihren vierbeinigen Lieblingen sparen.

    Hunde in der Seelsorge

    Unter allen Haustieren ist der Hund die Nummer 1 gegen Einsamkeit. Einer Studie der University of London zufolge erkennt er die Gefühle seines Gegenübers und geht sehr sensibel darauf ein. Dafür muss der Hund die Person noch nicht einmal kennen.

    Davon profitiert auch Pfarrer Heinrich Spittler aus Lohr am Main. Sein Großpudel begleitet ihn in Krankenhäuser oder Seniorenheime und spielt bei den Seelsorgegesprächen eine wichtige Rolle. "Er fördert die Beziehungsbildung zwischen mir und den Menschen", erklärt Spittler. "Da herrscht schneller eine Leichtigkeit und eine Vertrautheit, wenn so ein Tier im Raum ist."

    Liebenswerte Haustiere und wertlose Nutztiere?

    In der Pandemie wachsen Tierhalter noch enger mit ihren Vierbeinern zusammen. Wer niemand anderen treffen darf, sitzt gerne mit Bello oder Tiger auf der Couch und kuschelt. Gleichzeitig zeigen die Nachrichten Bilder, wie Schweine und Rinder getötet und zerlegt werden. Die Corona-Ausbrüche in Schlachtbetrieben rücken das Grauen der Intensiv-Tierhaltung neu ins Rampenlicht.

    Tier ist hierzulande eben nicht gleich Tier, sagen Tierethiker wie Dr. Simone Horstmann, die an der TU Dortmund katholische Theologie lehrt. An der Corona-Krise merke man, dass die Unterscheidung zwischen Haus- und Nutztieren vom Mensch künstlich geschaffen wurde.

    Wege zu einer neuen Tier-Ethik

    Die neuen Bemühung der Politik um mehr Tierwohl verfolgt die Theologin mit einer gewissen Skepsis. Sie reichten bei weitem nicht aus, führten höchstens zu ein bisschen weniger Tierleid. Doch Horstmann hat trotzdem Hoffnung: "Die Krisen-Symptome, die wir verspüren, drängen einfach dazu, dass wir auch ein eigenes Interesse haben, dieses Problem zu überwinden."

    Und wenn rationale Überlegungen die menschliche Sicht auf Tiere nicht veränderten, helfe immer noch eines, sagt die Ethikerin: Ein persönlicher Besuch bei den Tieren, die sonst nur auf dem Teller landen.

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