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Das sagt Schorsch Kamerun zur Instrumentalisierung der Angst | BR24

© Audio: BR / Bild: dpa / Bernd Weißbrod

Theatermacher Schorsch Kamerun fragt sich, wer heute in unserer Gesellschaft Ängste erzeugt und davon profitiert: "Wir leben wir zurzeit in einer Dauerkrise – angeblich."

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Das sagt Schorsch Kamerun zur Instrumentalisierung der Angst

Vom Bühnenstück zum Hörspiel zur Konzert-Installation: In seinen Adaptionen des Filmklassikers "M – Eine Stadt sucht einen Mörder" setzt sich Theatermacher Schorsch Kamerun mit Ängsten auseinander. Ein Gespräch über Krisen, Neo-Populismus und Punk.

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Erst war es als Theaterinszenierung geplant, dann wurde daraus ein Hörspiel. Am Mittwochabend gab es eine Konzertinstallation auf dem Münchner Marstallplatz und in der kommenden Spielzeit Ende September soll das Ganze endlich auf die Bühne. "M – Eine Stadt sucht einen Mörder" von Schorsch Kamerun nach dem Filmklassiker von Fritz Lang ist ein Projekt mit vielen Häutungen und fast so schwer zu fassen wie der Serien- und Kindermörder, um den es darin geht und der eine Stadt in Atem hält. Christoph Leibold hat mit Schorsch Kamerun gesprochen.

Christoph Leibold: Der österreichische Regisseur David Schalko hat Fritz Langs Film unlängst als Fernsehserie adaptiert und den Stoff in die Gegenwart geholt. Der hat was dran entdeckt, was ihm heute erzählenswert erscheint. Was ist für Sie das Aktuelle?

Schorsch Kamerun: Eine Parallele könnte sein, dass auch dort eine Gesellschaft in der Krise gezeigt wird, in Angst und Schrecken. Allerdings mit einem anderen Hintergrund. Dort, in einer Zeit, wo es wirklich sehr gewackelt hat – Erster Weltkrieg grad vorbei, Weltwirtschaftskrise. Von daher gab es dort eine bestimmte, ängstliche Atmosphäre. Das haben wir glaube ich heute auch. Allerdings mit einem ganz anderen Hintergrund. Erst einmal sind wir hier ein Stück weit safer, nur wird ständig behauptet, dass man das nicht sei. Und wir fragen uns jetzt: Wer hat was davon? Wer erzeugt Ängste? Sind es wahre oder unwahre? Und möglicherweise werden sie instrumentalisiert. Und es gibt einen Unterschied, weil wir zurzeit in einer Dauerkrise leben, angeblich.

Rein auf der Handlungsebene geht es um einen Serienmörder bei Fritz Lang. Der wird von der Polizei gejagt, aber auch von der Unterwelt, was eine seltsame Allianz bringt, aber auch Konkurrenz ist. Es ist fast so eine Art Wettlauf: Wer bringt ihn zuerst zur Strecke? Sie stellen die Frage im Untertitel: Wem nutzt welcher Schrecken? Sie haben gesagt: Ja, es geht um Instrumentalisierung. Das heißt zum Beispiel staatlicherseits lassen sich Repressalien vielleicht auch leichter durchsetzen in so einer Situation, um für Recht und Ordnung zu sorgen.

Das ist damals wie heute so. Das erleben wir auch bei Corona, das doch schnell danach gerufen wird. Was Angst angeht, habe ich mich einmal so halb hobbymäßig mit Neurologie beschäftigt. Und da habe ich verstanden: Wenn Angst vorhanden ist, ist es immer vorgeschaltet. Und wenn das benutzt wird, dann hat man es auch leichter mit mehr Sicherheitsforderungen, man kommt auch mit Argumenten besser durch. Wenn jetzt ständig jemand sagt: Wir haben zu viele Fremde, Achtung, Achtung! Dann kann man möglicherweise auch sagen: Wählen Sie mich, und das Fremde verschwindet. So funktioniert zum Beispiel Neo-Populismus.

Ich interessiere mich einfach für Autorität. Das hat vielleicht mit meiner Biografie zu tun, weil ich ein etwas gestörtes Urvertrauen erlebt habe in meiner Sozialisation. Das hat mit Eltern, Lehrern, Ausbildung, mit einem Dasein zu tun, was einem so vorgehalten wurde. Da war es günstig zu meiner Zeit, dann eben Punker zu werden, weil man dadurch eine Irritation erreichen konnte, die das ein Stück weit aushebelt. Das ist heute vielleicht ein bisschen schwieriger geworden, weil diese Äußerlichkeiten funktionieren so nicht mehr ganz.

Und somit stolpert man dann, finde ich, ohne wirklich gut und laut und länger reagieren zu können von Krise zu Krise. Wir hatten ja Fridays for Future bei der ökologischen Krise, die auch endlich mal wieder gesagt haben: Wir nehmen uns wirklich raus, wir gehen nicht zur Schule, wir nehmen unseren Körper und setzen aus. Ein echter Einsatz von allem, um zu protestieren. Mein Tipp wär dort gewesen, gar nicht mehr zur Schule zu gehen, weil dann passiert endlich mal was.

Ihre Bearbeitung von "M" war als "M1" ein Hörspiel, koproduziert vom BR. Was im Hörspiel anklingt, ist fast eine Art Selbstoptimierungs-Strategie nach den Regeln der Gesellschaft. Sie haben vorhin gesagt: Ich war Punk. Viele kennen Sie gar nicht als Theatermacher, sondern als Sänger der Goldenen Zitronen. Punk ist unangepasst. Jetzt sind Sie hier an einem Staatstheater und plötzlich Staatskünstler. Schwingen bei so einer Beschäftigung auch Selbstzweifel mit: Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Funktioniere ich vielleicht auch viel zu sehr nach den Regeln der Gesellschaft?

Ich glaube, das ist immer so. Mein ganzes Zeugs kümmert sich um Widersprüche, bei der Punkband genauso. Auch da müssen wir ständig Widersprüche aushalten. Worum ich mich kümmere: Ich probier's mir selbst bewusst zu machen und das wiederzugeben. Also ich glaube, ohne das hält man es auch gar nicht aus.

Aber ich weiß schon, dass es eine Grätsche ist. Das Staatstheater – oder die Staatsknete, wie man früher gesagt hat – ist vielleicht genau so eine Grätsche. Aber ich glaube, dass wir gar nicht so schlecht damit fahren, solche Orte in den Städten zu haben – also diese Theater. Man könnte sie ja abwählen. Aber solange es sie gibt und man darin probieren darf und das zugelassen wird, halte ich das für gute Orte.

Das, was ich jetzt an Inhalten mache, kommt auch bei der Band vor. Die Band kann sich allerdings auch an Orten wiederfinden, die genauso ultra-widersprüchlich sind. Auf Festivals steht man plötzlich vor irgendeinem Werbebanner. Das ist beim Theater nicht unbedingt so. Ich will damit sagen: Solange man das machen kann, was man möchte, und das völlig unzensiert, plädiere ich dafür. Da landet man natürlich teilweise bei Begriffen wie "der Bildungsauftrag". Aber ich glaube, dass das gar nicht so falsch ist.

Würden Sie sich als politischen Künstler bezeichnen?

Ich glaube schon, dass meine Themen daraus rühren. Dass mein Engagement, auch Kunst zu betreiben, immer aus politischen Erwägungen entsteht. Ich scheine schon als Punker auf diesen Marktplatz zu gehen. Ich musste dorthin und mich da irgendwie einmischen wollen, und das ist so geblieben.

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