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Kreditkarte mit Hologramm
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Joana Ortmann
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Kreditkarte mit Hologramm

Kommt der gläserne, total manipulierte Konsument? Der Volkswirt und Journalist Norbert Häring beschreibt in seinem Buch "Schönes neues Geld" (Campus-Verlag) die Gefahren der bargeldlosen Gesellschaft. Joana Ortmann sprach mit ihm in der kulturWelt auf Bayern 2.

Joana Ortmann: Der Titel Ihres Buches legt ja den Verdacht nahe, es gebe heute Parallelen zu Aldous Huxleys Science-Fiction-Roman "Schöne Neue Welt".

Norbert Häring: Die Parallelen sind beängstigend. Ich denke da vor allem an China als Beispiel dafür, wie das aussehen kann. Da arbeitet die Regierung an einem "Sozialpunkte-System", das in wenigen Jahren fertig sein soll, mit dem Ziel, den perfekten Bürger zu erziehen. Das ist ja genau das gleiche Ziel, das die Technokraten, die dort die Weltregierung stellen, in Huxleys "Schöner neuer Welt" eben auch haben und verfolgen.

Welche Eigenschaften hat denn dieser Mensch in China?

Er fügt sich in seine Rolle. Er kritisiert nicht. Schon gar nicht die Regierung. Er kauft das, was er kaufen soll. Er verhält sich sozial, also es hat durchaus auch angenehme Aspekte. Antisoziales Verhalten wird mit Punktabzug bestraft. Soziales Verhalten, also sich z.B. um seine Eltern, sich um andere zu kümmern, wird belohnt, aber wenn man die Regierung kritisiert, gibt es sehr viel Abzug.

Auf welcher Ebene findet diese Form der Kontrolle statt?

Das ist praktisch die Fortsetzung dessen, was wir als "Kredit-Rating" schon kennen, wonach die Kreditwürdigkeit beurteilt wird nach dem, was man finanziell macht. Das kommt ja aus dem Westen und hat seine Fortsetzung darin gefunden, dass wir auf allen Portalen bewerten dürfen, dass wir selber bewertet werden als Kunden bei der U-Bahn oder als Fahrer beim Fahrdienstleister Uber. Und die Chinesen perfektionieren das jetzt eben.

Jetzt könnte man relativ naiv wahrscheinlich sagen, na ja, davon sind wir in Deutschland vor allem mit unserer ja kritische Grundhaltung gegenüber dem bargeldlosen Bezahlen noch ziemlich weit weg.

Ja, sehr gut denkbar, dass das bei uns ein bisschen länger dauert, aber man muss nur in die USA schauen. Das schönste Beispiel, worauf ich gern verweise, sind die Läden des Internetanbieters Amazon, die "Amazon Go Läden", also physische Läden. Dort wird das Gleiche praktiziert wie in China, nur geht es eben in Richtung des idealen Konsumenten. Es gibt keine Kassen mehr und keine Ladendetektive, man wird technologisch so total überwacht, dass man sich einfach aus dem Regal nehmen kann, was man will, und sobald man etwas in seine Tasche gepackt hat, wird es im Hintergrund abgerechnet und abgebucht. Wenn man das weiterdenkt, führt das im Prinzip zu den gleichen Möglichkeiten, und es wird auch so genutzt wie das chinesische System, nur mit anderen Zielen. Ein bemerkenswerter Aspekt dabei ist, dass Amazon die Technologie dahinter auch vermarktet, weltweit – an Polizeibehörden. Amazon weiß ja alles von jedem, weiß genau, worauf jeder anspringt, jeder kann genau vor irgendein Produkt gelotst werden, und das hat zudem einen Preis, den der Kunde gerade noch zu zahlen bereit ist. Da wird man zum idealen Konsumenten hin manipuliert.

Ökonom und Buchautor Norbert Häring

Ökonom und Buchautor Norbert Häring

In ihrem Buch gehen Sie noch einen Schritt weiter und sagen, das ist nicht nur die Wirtschaft, die daran Interesse hat, sondern es ist eine Zusammenarbeit aus Staat und Wirtschaft.

Ja, das wird vor allem von den USA aus durchgesetzt, wobei die anderen Regierungen mitmachen. Die US-Regierung versteht sich da blendend in der Sache mit der chinesischen Regierung, mit der türkischen. Die wollen alle das bargeldlose Bezahlen haben. Die russische genauso. In den USA ist das deshalb besonders ausgeprägt, weil die USA sozusagen die ganze Welt als ihr Einflussgebiet betrachten, und dort gibt es eine Kooperation der Regierung mit den einschlägigen US-Konzernen. Die haben die Internettechnologie und Bezahlsysteme wie Mastercard, die weltweit führend sind und die praktisch dominieren, das heißt, wenn man die Leute in dieses System reinbekommt, sind sie zentral überwachbar und analysierbar, und deswegen gibt es die "Bargeld-Allianz", englisch "Cash Alliance", die besteht aus der US-Regierung, der Bill Gates Stiftung, der Citibank als früher größter US-Bank und Visa und Mastercard. Die haben sich zum Ziel gesetzt, das Bargeld zurückzudrängen.

Durchleuchteter Mensch?

Durchleuchteter Mensch?

Hat da unser Datenschutz überhaupt eine Chance oder läuft das auf anderen Wegen?

Unser Datenschutz hat ja schon lange weitgehend aufgegeben gegenüber den amerikanischen IT-Konzernen, aber was ich auch erst im Zuge der Recherchen an dem Buch gelernt habe: Unsere Regierung ist auch mit dabei in dieser Allianz. Es gibt eine globale Partnerschaft für "finanzielle Inklusion", das ist ein Tarnwort für Bargeldabschaffung. Es geht also darum, die Leute in dieses digitales System zu bringen, diese globale Partnerschaft arbeitet mit der Bargeld-Allianz zusammen und die Bundesregierung und die anderen 20 größten Wirtschaftsnationen sind alle Teil davon und machen zum Teil widerstrebend mit, was jetzt zum Beispiel die Bundesbank angeht, aber sie machen mit.

Jetzt haben Sie, würde ich mal sagen, eine steile, aber sehr spannende These. Sie schaffen einen Zusammenhang zur Migrationskrise und schreiben, dass nach ihren Recherchen Flüchtlinge sozusagen in einer Versuchsanordnung derzeit benutzt werden. Ich sage es in Anführungszeichen, um zu schauen, wie das gehen könnte. Sie berufen sich dabei auf Zahlen der Hilfsorganisation Oxfam, wonach letztes Jahr bereits vier Millionen Flüchtlinge in ungefähr vierzig Ländern biometrisch erfasst wurden, natürlich teilweise ohne ihr Wissen, teilweise auch ohne Begrenzung. Welche Belege haben Sie dafür, und was wären die Konsequenzen von so einem Prozedere?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich stelle nicht die These auf, dass die Flüchtlingskrise aus solchen Gründen irgendwie inszeniert worden ist. Um Gottes willen! Die Fluchtbewegungen sind nun mal da und die Flüchtlinge werden in ihren Flüchtlingslagern als Versuchskaninchen gebraucht, die können sich halt nicht wehren. Die bekommen gesagt, hier gibt es jetzt diese Kameras, ihr bekommt jetzt kein Geld mehr und auch keine Waren, sondern ihr dürft euch jetzt scannen. Also ihr guckt jetzt in die Kamera und dadurch werdet ihr erkannt. Ihr dürft euch jetzt so ausweisen. In den Läden in den jordanischen Flüchtlingslagern kann man eben dann nur noch so einkaufen. Das ist sehr aufwendig, sehr teuer, die ganze Technologie, aber sie wird von denen gepusht, die das Bargeld zurückdrängen wollen und es gibt natürlich von allen Seiten Interesse, die Flüchtlinge genau zu erfassen. Von daher gibt es auch keinen Widerstand, und deswegen hat es so extreme Formen angenommen, was natürlich für die Betroffenen auch sehr problematisch sein kann, denn die Daten sind dann in Datenbanken, an die sogar die Herkunftsländer herankommen. Die Gastländer haben sowieso Zugang zu all diesen Daten, die Geldgeber haben Zugang und jeder, der sich da reinhackt oder offiziell Zugang hat. Die Geheimdienste haben sowieso Zugang.

Da wird geübt, wie umfassend die Überwachung sein kann und diejenigen, die die Technologie herstellen, wollen das erklärtermaßen später auch im Massenmarkt ausrollen. Das ist ja auch eine Tendenz. In China ist es schon Pflicht, dass man sich biometrisch anmelden muss, die Plattformen dort, die Facebook-Entsprechungen und ähnliches und die Bezahldienste, dürfen einen gar nicht agieren lassen, ohne dass man sich an seinem Gerät durch Gesichtserkennung oder Fingerabdruck identifiziert hat. Das gibt es ja bei unseren Geräten auch immer mehr, und das macht die Daten dann noch einmal viel genauer, weil man eben nicht mehr die Möglichkeit hat, wenn man was vernebeln will, Geräte auszutauschen.

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