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Nur die Luftfahrt leidet nach einer Analyse der Wirtschaftsprüfer EY ähnlich schwer unter der Pandemie wie die Event- und Kulturbranche. Demnach brach der Umsatz 2020 um 31 Prozent ein. Die Folgen werden laut Studie noch bis 2025 zu spüren sein.

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Schock-Welle: Europas Kulturbranche verliert 200 Milliarden Euro

Nur die Luftfahrt leidet nach einer Analyse der Wirtschaftsprüfer EY ähnlich schwer unter der Pandemie wie die Event- und Kulturbranche. Demnach brach der Umsatz 2020 um 31 Prozent ein. Die Folgen werden laut Studie noch bis 2025 zu spüren sein.

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Von
  • Peter Jungblut

"Die Schockwelle wird in allen kreativen Sparten zu spüren sein", heißt es wenig verheißungsvoll von den Wirtschaftsprüfern bei EY in einer Bestandsaufnahme für den europäischen Kreativ-Verband GESAC. Er vertritt in Europa rund 1,1 Millionen Autoren und Komponisten. Die Studie zeigt, wie sehr die Kulturbranche während der Pandemie gelitten hat: Nur die Fluggesellschaften mussten ähnlich schwere Einbrüche verkraften, nämlich einen Umsatzrückgang von rund 31 Prozent. Zum Vergleich: Der Tourismus schrumpfte im letzten Jahr um 27 Prozent, die Autoindustrie um 25 Prozent. In absoluten Zahlen müssen die Veranstalter auf fast 200 Milliarden Euro Einnahmen verzichten: Der Umsatz schrumpfte von 643 Milliarden Euro 2019 auf nur noch 444 Milliarden im vergangenen Jahr.

Jeder dritte Musiker denkt ans Aufhören

"Letztlich kann die Krise zu einem nicht wieder gutzumachenden Verlust von Talent, von Zuversicht bei Kunden und Wirtschaft führen", so die Bilanz der Studie. Die Auswirkungen dürften bis mindestens 2025 zu spüren sein, denn nach der Erhebung scheuen sich potentielle Besucher von Theatern und Konzerten noch viele Monate oder sogar Jahre aus Angst vor Ansteckung, Zuschauerräume zu betreten. Die Furcht, ein Flugzeug zu besteigen oder eine Kreuzfahrt zu buchen, ist allerdings noch deutlich gravierender. Die Berufe in der Kulturbranche würden unattraktiver, so EY: 34 Prozent aller Musiker in Großbritannien überlegten derzeit, ihre Karriere an den Nagel zu hängen. Das deckt sich übrigens mit einer aktuellen Studie aus Berlin, wonach auch dort bereits jeder dritte Musiker beruflich neue Wege geht.

Einnahmen aus Urheberrechten stark rückläufig

Wenig verwunderlich, dass die Musikproduzenten und die Livekultur am meisten leiden. Während beim Buchverkauf europaweit ein Umsatzrückgang von 25 Prozent gemessen wurde und die Bildenden Künste und Ausstellungen ein Minus von 38 Prozent verkraften mussten, wurde die Livekultur praktisch ausradiert: Sie schrumpfte um neunzig Prozent, die Musikbranche um 76 Prozent. EY verweist darauf, dass Musiker auch von den geschlossenen Clubs und Restaurants massiv betroffen sind. Die damit verbundenen Urheberrechts-Einnahmen seien 2020 um 38 Prozent gesunken. Überhaupt seien weltweit nur noch 35 Prozent der sonst üblichen Copyright-Gebühren eingenommen worden.

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Betrüblich auch die Schätzung, wonach jedes achte Museum weltweit nach der Pandemie nicht wieder öffnen wird. Die vielen Versuche, ersatzweise digitale Angebote zu machen, gleichen den Erdrutsch bei der Livekultur nicht aus. Selbst Werbeagenturen bekommen die Pandemie herbe zu spüren: In traditionellen Medien gingen ihre Einnahmen um 21 Prozent zurück, auch im Netz mussten sie einen Rückgang von 5,5 Prozent hinnehmen. Die TV- und Filmproduzenten rechnen mit Kostensteigerungen von zehn bis dreißig Prozent durch die Pandemie: Sie müssen deutlich strengere Hygiene- und Abstandsregeln einhalten, Tests durchführen und den damit verbundenen Aufwand finanzieren.

"Kulturschock" in Estland und Bulgarien

Deutschland kommt im europäischen Vergleich mit Einbrüchen zwischen 27 und 32 Prozent noch glimpflich davon. Am schlimmsten ist der "Kulturschock" in Estland und Bulgarien mit jeweils über vierzig Prozent Umsatzeinbußen, auch in den anderen baltischen Ländern, in Polen, Ungarn und Rumänien ist es besonders schlimm. Benelux, Frankreich und Portugal liegen im Mittelfeld.

Die Forderungen der GESAC liegen auf der Hand: Deutlich mehr finanzielle Unterstützung für die europäische Kulturbranche. Damit meinen die Autoren und Komponisten nicht nur direkte Zuwendungen, sie wollen auch rechtliche Rahmenbedingungen optimiert sehen, damit private Investoren mehr Geld in die Kultur fließen lassen. Dazu gehört nach Angaben der GESAC, internationale Netz-Plattformen zu verpflichten, europäische Standards einzuhalten, die Ausbildung zu verbessern, die Aushöhlung des Urheberrechts zu verhindern. Auch die bessere Vernetzung mit anderen Branchen wie dem Tourismus wird gefordert.

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