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Schluchz, schleck, mampf: "Orpheus in der Unterwelt" in Salzburg | BR24

© Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele

Hoch die Beine und die Biene!

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    Schluchz, schleck, mampf: "Orpheus in der Unterwelt" in Salzburg

    Im Jacques-Offenbach-Jubiläumsjahr wagten sich sogar die Salzburger Festspiele an eine seiner Operetten. Barrie Kosky inszenierte eine opulente Satire über Männer-Marotten und Frauen-Power. Das war musikalisch träge, schauspielerisch jedoch rasant.

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    Die allerbeste Szene war gestern Abend gar nicht inszeniert, die ist einfach passiert: Auf der Bühne stand die schwedische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter und mahnte zu Beginn von Jacques Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" in der Rolle der "Öffentlichen Meinung" pflichtgemäß eheliche Treue an, und zwar in ihrer Muttersprache, also auf schwedisch. Ganz in schwarz gekleidet, eine Art skandinavische Trauerweide, die vor Seitensprüngen und erotischen Abenteuern warnt. Und wer saß im Publikum? Der schwedische König Carl XVI. Gustaf und seine Frau Silvia, also ein Ehepaar, das die öffentliche Meinung mit seinen Turbulenzen mehr als einmal beschäftigte.

    "Im Zweifel für den Angeklagten"

    Und gleich daneben, wie es das Protokoll erfordert, nahm die Salzburger Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler Platz - auch sie ist gerade hochaktuell mit äußerst heiklen Moralfragen befasst, stärkte sie doch gerade Placido Domingo den Rücken, einem Sänger, der wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe im Feuer der öffentlichen Meinung steht, ungeachtet dessen in Salzburg aber Ende August zwei Mal auftreten soll. "Im Zweifel für den Anklagten" urteilte Rabl-Stadler in ihrer schriftlichen Stellungnahme, und irgendwelche Vorwürfe seien ihr nicht zu Ohren gekommen.

    © Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele

    Konzert für den Imker

    Eurydice hat den "Längsten"

    Jacques Offenbach hätte so ein Auftakt nicht nur gefallen, er hätte vor Begeisterung selbst Cancan getanzt. Die bürgerliche Scheinmoral war sein großes Thema, ihre Lebenslügen und absurden Ausreden der Stoff, aus dem er Operetten machte. Klar, dass auch Regisseur Barrie Kosky "Orpheus in der Unterwelt" als Kommentar zur Metoo-Debatte inszenierte. Das Männerballett trägt rosa Rüschenröcke, die sehr deutlich an weibliche Geschlechtsorgane erinnern. Die äußerst selbstbewusste Eurydice, die im Originalstück von Pluto und Jupiter vernascht wird, übrigens sehr freiwillig, hat hier buchstäblich den "Längsten und Größten", während Jupiter mühselig an seiner deutlich zu kurz gekommenen Männlichkeit herumspielt.

    Vorhersehbarer Klamauk über weiße, alte Männer

    Das ist optisch gewitzt gemacht, ganz groß, ja luxuriös ausgestattet (farbenprächtige Belle-Epoque-Kostüme: Victoria Behr) geht aber dennoch nicht auf: Offenbach war jede Art angeberischer Moral zuwider und es wäre die Frage zu stellen gewesen, ob die Hohenpriester und Ankläger aller Geschlechter von Metoo tatsächlich so uneigennützig und aufrichtig sind, wie sie vorgeben, oder ob da nicht doch eine neue Prüderie und Benimm-Polizei im Anmarsch ist. So blieb es ein reichlich bemühter und vorhersehbarer Klamauk über weiße, alte Männer und ihre bizarren Rituale.

    © Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele

    Höllischer Spaß

    Schauspieler Max Hopp sprach sämtliche Dialoge allein, die Sänger bewegten dazu ihre Lippen: Das war von comichafter Skurrilität, zumal Hopp auch noch die Geräusche imitierte, als ob er einen Stummfilm zu vertonen hatte. Kein Wunder, dass er den größten Applaus bekam, so textsicher, so prustend und quietschend, wie er die drei Stunden durchstand. Der Mann rettete den Abend mit seiner Präsenz, seinem Understatement und seinem notorischen Selbstmitleid. Ja, so sind die Kerle: Schluchz, schleck, schlabber, mampf und kreisch!

    Musikalisch verblüffend träge

    Bei den Sängern dagegen kam vergleichsweise wenig Freude auf: Die amerikanische Koloratursopranistin Kathryn Lewek als Eurydice ist ein Ladykracher, eine Powerfrau mit untersetzter Figur und ganz viel Ego. Sie spielte furios, sang jedoch erstaunlich konturenlos. Der spanische Tenor Joel Prito war äußerlich als Orpheus ein stark unterkühlter Latin Lover, stimmlich wenig emotional. Martin Winkler als Jupiter und Marcel Beekman als Pluto waren außergewöhnlich spielfreudig, ja albern bis zur Raserei, aber auch sie ließen stimmlich den ätzend-subversiven Offenbach-Sound vermissen. So blieb der Abend musikalisch insgesamt verblüffend träge.

    © Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele

    Orpheus hat Musiker-Probleme

    Schrille Slapstick-Blödelei

    Dirigent Enrique Mazzola und die Wiener Philharmoniker wirkten geradezu schläfrig, was womöglich an der nachmittäglichen Uhrzeit lag. So fade, lahm und schwergängig klang Offenbach selten: Das war Salzburger Tempo, aber sicher nicht Pariser Rhythmus. Der Höllengalopp krachte denn auch ziemlich unvermittelt in die gediegene Atmosphäre. Gleichwohl sehr freundlicher Applaus, aus dem Fanblock von Barrie Kosky sogar begeisterte Reaktionen. Womöglich passt diese Art schrille Slapstick-Blödelei tatsächlich ganz gut zum Koproduktions-Partner, an die Komische Oper Berlin, wo Kosky im Hauptberuf Intendant ist. Und für besondere Moral ist die deutsche Hauptstadt ja nun wirklich nicht bekannt, eher für ihre Spaß-Kultur, was sie mit Paris verbindet. Ob der schwedische König allerdings auch für die Berliner Premiere Zeit haben wird, muss sich noch erweisen.

    Wieder am 17. und 21. August um 15.00 Uhr, sowie am 23. August um 19.30 Uhr und am 26. und 30. August um 19.00 Uhr.

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