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Eisige Zeiten: Gunter und Siegfried bedrängen Brünnhilde
© Kirsten Nijhof/Theater Chemnitz

Autoren

Peter Jungblut
© Kirsten Nijhof/Theater Chemnitz

Eisige Zeiten: Gunter und Siegfried bedrängen Brünnhilde

Da ist beim Après-Ski aber einiges schief gelaufen: Draußen ist es furchteinflössend neblig, in der Bar werden haufenweise Drogen vertickt, alle sind bewaffnet und keiner kommt mehr weg. Die einen sind tot, die anderen bleiben im Schnee stecken. Wahrhaftig ein eiskalter Weltuntergang, den sich die viel beschäftigte Regisseurin Elisabeth Stöppler da für Wagners "Götterdämmerung" einfallen ließ. Der Walkürenfelsen erinnert mit seinen trostlosen grauen Granitblöcken verdächtig an eines der berühmtesten Gemälde von Caspar David Friedrich, "Das Eismeer".

Kostüme wie von Willy Bogner

Schaurig wabert der Sturm, bei dieser Inszenierung wären geradezu Frostbeulen zu erwarten, würden alle Mitwirkenden nicht angemessene Outdoor-Klamotten tragen, manche so grell-gelb, giftgrün, schreiend rosa oder im Leoparden-Look, als ob der prominente Skifilmer Willy Bogner für die Ausstattung verantwortlich war. Tatsächlich hat Gesine Völlm die Kostüme und Annika Haller das Bühnenbild entworfen - neben der Felslandschaft eben auch eine schicke Location in Kirschholz-Optik, wie geschaffen für eine vergnügungssüchtige Wintersport-Gesellschaft. Süchtig ist hier augenscheinlich jeder, es wird gesoffen ohne Ende, und Siegfried, der einfältige Held, der in Kniebundhosen und mit einem Schlitten aufkreuzt, wird dermaßen angefixt, dass er fortan nur noch an die Röhrchen mit dem Stoff denkt. Einer, der sich mehr und mehr selbst verliert.

Gutrune blickt in den Winter

Gutrune blickt in den Winter

Brünnhilde "scheitert" im entscheidenden Moment

Wie übrigens auch alle anderen Kerle: Elisabeth Stöppler zeigte in Chemnitz eine betont feministische "Götterdämmerung". Männer sind allesamt aggressiv und versoffen, Frauen versammeln sich dagegen im Schlussbild zur großen Umarmung mit Urmutter Erda und setzen den lächerlichen Schlitten von Siegfried in Flammen, Sinnbild aller Machos und Alphatiere. Das funktionierte optisch alles hervorragend, war plausibel und berührend. Zu Siegfrieds Trauermarsch erscheint Brünnhilde als Leichenwäscherin, ein ganz starkes Bild. Ebenso wie ihre Unfähigkeit, sich selbst anzuzünden: Sie "scheitert" an ihrer Selbstzerstörung, versagt also im entscheidenden Moment. Wagner hätte sich wahrscheinlich mit Grausen abgewandt, doch so menschlich ist seine Heldin selten zu erleben. Irritierend war lediglich die Szene mit den Rheintöchtern am Beginn des dritten Aufzugs, die wegen der Kostüme sehr an das Musical "Cats" erinnerte. Ansonsten ein technisch wie konzeptioneller großartiger Erfolg, der minutenlang mit stehenden Ovationen beklatscht wurde.

Brünnhilde im Schneesturm

Brünnhilde im Schneesturm

Beachtliche, ja imponierende Leistung

Und auch musikalisch gab es wenig auszusetzen. Der Kölner Heldentenor Daniel Kirch als Siegfried und die Schweizer Mezzosopranistin Stéphanie Müther als Brünnhilde begannen stimmlich dermaßen auftrumpfend, dass nicht zu erwarten war, das sie dieses Niveau über sechs Stunden Vorstellungsdauer halten würden. Doch beide leisteten sich keinen einzigen Durchhänger, keine Unkonzentriertheit, keine Artikulations- und sehr wenig Text-Schwächen. Eine beachtliche, ja imponierende Leistung. Der französische Bariton Pierre-Yves Pruvot als Gunther und der rumänische Bass Marius Boloş als Hagen spielten überzeugend, allerdings konnten beide stimmlich mit den Hauptpartien nicht mithalten. Boloş fehlte es für eine derart destruktive Figur wie Hagen sängerisch an diabolischem Ausdruck, auch an unergründlicher Tiefe. Cornelia Ptassek ist eine herrlich lässige Gutrune: Ein Playgirl mit Sonnenbrille, das schon alles erlebt hat und sich am liebsten gemütlich auf einem Eisbärenfell lagert. Sie weiß, dass sich das Aufstehen für Männer selten lohnt und behandelt selbst den Superhelden Siegfried mit erlesener Herablassung.

Bunte Klamotten für kalte Zeiten

Bunte Klamotten für kalte Zeiten

Da "malochte" jemand im Graben

Allerdings passte seine vergleichsweise helle Stimmfärbung zum Rollenporträt: Hier ist er nämlich ein Opfer seiner Erziehung, ein hilfloser Außenseiter, der sich als Drogendealer durchschlagen muss. Dem erst 40-jährigen spanischen Dirigenten Guillermo García Calvo war jederzeit anzusehen, was die "Götterdämmerung" für eine orchestrale Schwerstarbeit ist. Da malochte jemand buchstäblich im Graben, immer bemüht, alles zusammenhalten, den Überblick zu bewahren über diese gigantische Partitur. Das klangliche Ergebnis war von ganz wenigen Patzern abgesehen außerordentlich dynamisch, vielschichtig, transparent, also alles andere als pompös und pathostrunken. Eine ungewöhnliche "Götterdämmerung", die auch eine längere Anreise jederzeit lohnt.

Wieder am 22. Dezember 2018, sowie am 26. Januar, 22. April und 10. Juni 2019 als Teil der zyklischen "Ring"-Aufführung an der Oper Chemnitz.

An der Drogen-Bar

An der Drogen-Bar