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Schleiermacher: Religion als "Anschauung und Gefühl" | BR24

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Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher

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Schleiermacher: Religion als "Anschauung und Gefühl"

Vor 250 Jahren wurde der evangelische Theologe Friedrich Schleiermacher geboren. Seine "Reden über die Religion" etablierten einen revolutionären Religionsbegriff, der bis heute aktuell bleibt.

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Berlin, im Jahr 1799. Im Unger-Verlag erscheint unter dem Titel "Über die Religion – Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern" ein Buch, das bald für Furore sorgt:

"Religion ist nur das unmittelbare Gefühl der Abhängigkeit des Menschen von Gott; es ist noch nicht durch den Begriff hindurchgegangen, sondern nur im Gefühl erwachsen. Daher muss alles Handeln und Thun ein religiöses werden. Die Offenbarung ist keine von oben her gekommene, außerordentliche Mitteilung, sondern das Bewusstwerden des eigenen innersten Lebens und einer neuen Anschauung des Unendlichen." Aus "Über die Religion – Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern"

Sein Verfasser will zwar anonym bleiben. Doch bald weiß man, dass es sich um den evangelischen Prediger des Charité-Krankenhauses handelt. Sein Name: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. In seiner revolutionären theologisch-philosophischen Schrift wagt er die Verbindung von Romantik und Religion.

Religion als eine eigene "Provinz im Gemüt"

Schleiermacher, der heute als einer der bedeutendsten Theologen des 19. Jahrhunderts gilt, gehört zum inneren Kreis der Romantiker. Mit einem von ihnen, Friedrich Schlegel, teilt er sich sogar die Wohnung. Die beiden Männer verbindet eine inspirierende Freundschaft.

"Schlegel ist der Spontane, Extrovertierte, während Schleiermacher ein eher introvertierter Mensch ist in damaliger Zeit, der sehr zurückgezogen lebt. Schlegel entriegelt Schleiermacher gleichsam, er regt ihn zu seinen ersten eigenständigen literarischen Publikationen an. Zunächst in dem Organ der Romantikerschule, dem Athenäum, und dann später zu seinen berühmten Reden über die Religion", Martin Ohst, Herausgeber des Schleiermacher-Handbuchs

Friedrich Schleiermacher wurde am 21. November 1768, also vor 250 Jahren, in Breslau geboren. Sein Vater war ein reformierter Feldprediger. Nach dem Theologiestudium in Halle wird der junge Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher Hilfsprediger in Landsberg an der Warthe.1796 kommt er als Prediger nach Berlin.

"Die Theater waren voll in seiner Zeit, die Salons waren voll, die Kirchen waren aber nicht so voll. Das heißt, irgendetwas fehlte. Und Schleiermacher hat gesagt: Wir müssen mit den Menschen über Religion reden, die kein Gefühl mehr dafür haben." Christian Stäblein, Probst der Evangelischen Kirche Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz

Der Kontakt mit den Romantikern einerseits und der insgesamt sehr säkular ausgerichteten Berliner Bevölkerung andererseits motiviert Schleiermacher, nach der Gestalt einer Religion zu fragen, die die Menschen wieder erreicht.

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Rationalismus

Schleiermachers Denkansatz: Die menschliche Vernunft stößt immer wieder mit ihren Fragestellungen auf einen Rest von Unerklärbarkeit. Diese Grenzen, an die der Mensch nun gerät, lassen ihn ahnen, dass es etwas Absolutes geben muss, das sich jeder verstandesmäßigen und wissenschaftlichen Analyse entzieht.

"Seine Wendung heißt, Religion ist eine eigene Provinz im Gemüt. Er hat versucht, Religion eigenständig zu begründen, indem er sie weder als Stütze der Moral noch als Konsequenz philosophischer Reflexion darstellte, sondern in jedem Menschen voraussetzte, dass dort ein ursprünglicher Ansatz religiösen Bewusstseins vorhanden ist, wenn auch zugedeckt oder verschüttet, den man durch entsprechende Maßnahmen dann freilegen kann und soll." Albrecht Beutel, Theologe.

Religion, so Friedrich Schleiermacher, kommt von innen. Ebenso wenig wie sich die Existenz Gottes mit den Mitteln der Wissenschaft beweisen lässt, kann man eine schlüssige verstandesmäßige Erklärung darüber abgeben, warum Menschen religiös sind.

Schleiermachers Theologie - auch heute noch modern

In der Philosophie der Aufklärung hatte man versucht, der Religion einen randständigen Platz im Reich der Vernunft zuzubilligen. Das ging jedoch auf Kosten der Spiritualität. Demgegenüber versucht Schleiermacher einen für seine Zeit überaus modernen, erfahrungsbasierten Religionsbegriff geltend zu machen, der bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

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Autoren
  • Friederike Weede
  • Michael Reitz
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