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"Schlaf" – ein Psycho-Thriller aus der deutschen Provinz | BR24

© Bild: Salzgeber/ Audio: Bayerischer Rundfunk

"Schlaf", ein Horrorfilm von Michael Venus. In einem abgeschiedenen Dorf kommt es zu einer Mordserie.

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"Schlaf" – ein Psycho-Thriller aus der deutschen Provinz

Der Horrorfilm ist kein bevorzugtes Genre des aktuellen deutschen Kinos. Regisseur Michael Venus hat nun trotzdem einen Psycho-Thriller gedreht. Kritiker vergleichen ihn mit Stanley Kubricks "Shining".

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Wie kommt der Ort aus meinen Träumen in die Anzeige aus einem Bordmagazin? Das fragt Marlene ihre Tochter Mona. Der Ort ihrer Träume ist ein riesiges, altmodisches Hotel in der deutschen Provinz. Und die Träume: Albträume. Düstere Märchen-Motive – Wildschweine, Selbstmörder, Wälder – bevölkern Marlenes Nächte nun schon seit Jahren, sie lassen ihren Atem stocken und sie solange schreien, bis Mona, die Tochter, zur Mutter ins Bett gekrochen kommt, sie beruhigt und langsam wieder in die Realität zurückholt.

Seit Jahren plagen Albträume die Mutter

Die Rollen haben sich längst verkehrt, Mona muss stark sein, sie muss ihre offensichtlich traumatisierte Mutter davor bewahren, völlig verrückt zu werden. Aber was entgegnet man, wenn der Ort aus den Alpträumen wirklich existiert? Und warum sollte man nicht den Verstand verlieren, wenn in den Träumen mehr Wahrheit steckt als in der Wirklichkeit?

Marlene jedenfalls folgt nicht dem Realitätssinn der Tochter, sondern ihren nächtlichen Fantasien: Sie fährt in die Provinz und betritt das Hotel, das ihr den Schlaf raubt. Vielleicht, das immerhin hofft sie, wacht sie hier endlich aus dem schlafwandlerischen Leben auf. Aber das Gegenteil geschieht: Marlene fällt in eine Schockstarre, verkrampft am ganzen Körper, ist unfähig, sich zu bewegen, zu sprechen, und gibt die Suche nach Traum und Trauma damit – unausgesprochen – an die Tochter weiter: "Was kann der Mutter ihre Lebenskraft rauben?", fragt sich Mona. Sie geht selbst in das Hotel und sucht bei den Besitzern nach Antworten.

© Salzgeber

Sandra Hüller in "Schlaf" von Michael Venus

Im Abseits der Provinz

Regisseur Michael Venus entdeckt im Trüben der Provinz das Gestaltungsprinzip seines Films: Immer wieder denkt man, ein Schleier liege über dieser Welt – die Gegenwart wirkt verblichen wie alte Bilder, denen die Zeit ihre Strahlkraft entzogen hat. Kräftige Farben kommen erst wieder ins Spiel, als auch Mona zu träumen beginnt: von einer Frau – wasserstoffblondes Haar, knallroter Mantel. Plötzlich steht sie da und ebenso plötzlich ist sie wieder verschwunden. Traum oder Wirklichkeit? Gegenwart oder Vergangenheit? Wer sich in dieses Hotel und in diesen Film hineinwagt, verliert schnell die Sicherheit.

In der Provinz, im Hotel kreuzen sich alte Traumata aus der NS-Zeit und jüngste nationalistische Fantasien, das privat und gesellschaftlich Verdrängte bricht hier auf und führt in die Schockstarre, aber auch zu neuen, kraftvollen Allianzen zwischen den Generationen, die sich aus der Starre lösen und ihrem Erbe entkommen wollen. Der Film analysiert – und darin liegt sein Reiz – familiäre wie gesellschaftliche Ängste nicht logisch, sondern begegnet ihnen selbst wie im Traum.

Teilweise überinszeniert

Regisseur Michael Venus kann sich bei diesem Experiment auf seine Schauspielerinnen verlassen. Gro Swantje Kohlhof stellt einem das Unheimliche ohne große Effekthascherei vor Augen. Und als Zuschauerin spürt man die Kraft der Dämonen förmlich, wenn man ihrer Mutter, gespielt von Sandra Hüller, beim Schlafen und Träumen zusieht. Deshalb schadet dem Film manche Überzeichnung – der Auftritt von Wildschweinen und anderen dunklen Geistern, die Bebilderung der Albträume, nimmt diesem Spiel eher die Intensität, als es zu stärken.

Ab Donnerstag im Kino: "Schlaf" - FSK 16 Jahre, 101 Minuten Deutschland 2020.

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