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Filmemacherin Maryam Zaree über ihren Film "Born in Evin" | BR24

© Bayern 2

Maryam Zaree kennt man als Schauspielerin in Serien wie "4 Blocks" und diversen ARD-Tatorten. In ihrem Regiedebüt "Born in Evin" erforscht sie ihre Geschichte: Zaree wurde 1983 in einem politischen Gefängnis im Iran geboren.

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Filmemacherin Maryam Zaree über ihren Film "Born in Evin"

Maryam Zaree kennt man vor allem als Schauspielerin aus Serien wie "4 Blocks" und diversen ARD-Tatorten. In ihrem Regiedebüt "Born in Evin" erforscht sie ihre eigene Geschichte: Zaree wurde 1983 in einem politischen Gefängnis im Iran geboren.

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Viel weiß Maryam Zaree am Anfang von "Born in Evin" nicht über das Gefängnis, in dem sie geboren wurde. Denn ihre Mutter, der 1985 die Flucht nach Deutschland gelang, will über diese Erfahrungen nicht sprechen. Also macht sich die Tochter auf den Weg und erfährt – meist von anderen Exil-Iranerinnen, die im Film zu Wort kommen – vieles über ein politisches Gefängnis in Zeiten des Ayatollah Chomeini im Iran. Dort wurden etwa 10.000 Menschen gefoltert und ermordet, schätzt Maryam Zaree – und weil diese Gräueltaten fast vergessen zu sein scheinen, war das ihre Motivation, "Born in Evin" zu drehen: "Der Grund, warum ich angefangen hab, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, beziehungsweise mir zu überlegen, dass ich mich dokumentarisch damit auseinandersetzen möchte, hat damit zu tun, dass es jetzt seit über 40 Jahren Straflosigkeit gibt“, erzählt Zaree. "Die Täter sind bis heute an der Macht, die Zeugenschaft der Überlebenden findet nur im privaten Bereich statt. Selbst die Objekte, die von den Ermordungen ihrer Freunde oder ihrer Verwandten erzählen – alles ist in den privaten Bereich abgeschoben worden. Und ich fand, dass es würdig ist, diesen Menschen ein Gesicht zu und einen Raum zu geben, sprechen zu können."

Kein Versuch einer Trauma-Bewältigung

Wir sind in "Born in Evin" auch auf der Reise. Maryam Zaree trifft diverse Opfer der iranischen Diktatur in verschiedenen europäischen Ländern. Die meisten Frauen erzählen erstmals öffentlich über ihre traumatischen Erfahrungen. Mit der Zeit verlässt der Film die persönliche Perspektive der Autorin, die am Anfang noch dominiert. Immer mehr wird aus ihr eine aufmerksame Zuhörerin: "Es war keine Selbst-Suche oder kein Versuch einer Trauma-Bewältigung mit filmischen Mitteln. Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich finde, das gehört in den privaten Bereich. Der Film ist meine künstlerische und politische Auseinandersetzung mit dem Thema und nutzt eben das Persönliche als Zugang dazu."

© Real Fiction Filmverleih

Maryam Zaree protestiert mit Exil-Iranern in Florenz

Maryam Zaree sieht sich in "Born in Evin" weniger als Künstlerin und mehr als politische Aktivistin. Diese Haltung teilt sie mit ihren Eltern, die in den 1970er-Jahren fortschrittliche, linke Positionen vertraten und schon unter dem Schah unter Repressionen leiden mussten. Aber nach der Islamischen Revolution 1979 begann erst der eigentliche Leidensweg der Familie. Auch ihr Vater kommt im Film zu Wort und berichtet von Folter und Mord im Männerknast.

Aber Maryam Zaree geht es hier nicht allein um die Aufdeckung skandalöser Zeitgeschichte, sondern sieht in ihrem Film auch eine universelle Haltung: das Schweigen im Angesicht der Katastrophe: "Es ist auch eine wahnsinnig deutsche Geschichte. Das hat ganz viel mit Deutschland zu tun und wie auch innerhalb dieses Landes oft nicht gesprochen werden konnte. Und was die Konsequenzen sind, wenn man seine Eltern oder Großeltern nicht fragt. Und es ist ein Plädoyer, da hinzugehen, was einem Angst macht, wo man nicht weiß, was hinter der Tür steckt und zu sagen: Das ist aber wichtig! Denn das definiert unsere Gegenwart."

Im Kern ein humanitärer Appell

Auch in Deutschland liegt noch vieles im Argen, beklagt Maryam Zaree gleich am Anfang ihres Films. Wie oft musste sie als Schauspielerin schon Klischeevorstellungen von deutschen Produzenten und Regisseuren erfüllen, meint sie, wenn sie etwa als Geflüchtete besetzt wurde. „Born in Evin“ ist also nicht nur eine Anklage gegen die Täter von damals, sondern auch ein Appell an alle, sich den Problemen der Menschen, die zu uns kommen, wirklich zuzuwenden: "Wie wird eigentlich über Menschen gesprochen, die Flucht erlebt haben, die Entwürdigung erlebt haben, die Verfolgung erlebt haben? Und wie oft sind das Vermeidungsstrategien, wirklich zuzuhören, was es bedeutet? Denn wenn man sich anhört – und dafür steht ja meine Familie exemplarisch, wir haben ja die Entwürdigung und Verletzung der Menschenrechte erlebt – das heißt, diese Szene am Anfang ist der Auftakt zu sagen: 'Jetzt hören wir mal genau hin.' Und: 'Was können wir von den Menschen auch lernen?' Damit die Behauptung der Menschenrechte keine leere bleibt, sondern dass das einen auch berührt und ein Wert wird."

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