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Scharfes Geflügel: So erfolgreich ist das koreanische Kino | BR24

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Die Kritiker sind wohlwollend, das Publikum begeistert, die Festival-Jurys überzeugt: Filme aus Korea haben derzeit einen Lauf. Wer sich davon persönlich überzeugen möchte, kann derzeit zwei Action-Filme streamen - mal düster, mal witzig.

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Scharfes Geflügel: So erfolgreich ist das koreanische Kino

Die Kritiker sind wohlwollend, das Publikum begeistert, die Festival-Jurys überzeugt: Filme aus Korea haben derzeit einen Lauf. Wer sich davon persönlich überzeugen möchte, kann derzeit zwei Action-Filme streamen - mal düster, mal witzig.

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Das südkoreanische Kino wird nach den Oscars für "Parasite" gern als das im Moment beste der Welt bezeichnet. Nicht ganz zu Unrecht. Ab sofort kann man zwei interessante Genrefilme aus Korea streamen. Zum einen den düsteren Actionfilm "Time to Hunt", der bei der Berlinale lief und dort gefeiert wurde. Zum anderen die vergnügliche Thrillerkomödie "Extreme Job - Spicy-Chicken-Police", die in Südkorea mit 17 Millionen Zuschauern einen sensationellen Besucherrekord aufstellte. Beide Filme erzählen viel über die Umwälzungen in der koreanischen Gesellschaft der letzten Jahrzehnte.

Polizei kocht selbst

In Südkorea isst man gerne frittierte Hühnerschenkel zum Bier. In Seoul gibt es spezielle Chimaek-Lokale nur für scharf gewürztes Geflügel, "Spicy Chicken". In ein solches quartiert sich eine erfolglose Fahndertruppe der Polizei ein, um einen internationalen Drogenring auszuspähen. Doch der Besitzer des Restaurants will den Laden dichtmachen, da er zu wenig Kunden hat. Also entscheidet sich Captain Ko, das Lokal mit seiner Truppe privat zu übernehmen, um weiter observieren zu können.

Für einen Actionfilm ist das eine ziemlich lustige Ausgangslage. Anfangs holen die Polizisten die Hühnchenteile noch aus einem anderen Restaurant. Plötzlich kommen mehr Gäste, und weil die Tarnung echt wirken soll, entschließt sich die Truppe – vier Männer und eine Frau – selbst zu kochen.

Als der Captain dann auch noch ein altes Familienrezept beisteuert, bleibt kaum mehr Luft für die Observierung. Turbulent geht es weiter. Das Lokal wird berühmt für das beste Hühnchen der Stadt, das Fernsehen berichtet, eine Franchise-Kette wird gegründet, die Polizei suspendiert die Truppe, die Tarnung fliegt auf, die Drogendealer bekommen Wind von der Sache.

In die Hyper-Moderne gebeamt

"Extreme Job - Spicy-Chicken-Police" ist eine deftige Burleske – der Humor eher geradeaus, der Rhythmus stoisch, die Action bizarr komisch bis slapstickhaft. Das halbstündige Finale artet zu einer unglaublichen Prügelei aus, mit Faust- und Karate-Kämpfen, nur geschossen wird so gut wie gar nicht. Der Film lebt von seinem Retrocharme – und macht klar, was Südkorea vor ein paar Jahrzehnten noch war: Eine dörfliche Kultur. Die hat sich in enorm kurzer Zeit in eine digital globalisierte Hypermoderne gebeamt, in einer Geschwindigkeit, bei der die Seele der Gesellschaft wie ihrer einzelnen Mitglieder irgendwie auf der Strecke geblieben ist.

© Everett Collection/Picture Alliance

Durchbruch des koreanischen Kinos: Oscar-Gewinner "Parasite"

Das Tempo war enorm und hat den Alltag radikal verändert. Dieser identitären Lücke spürt Spicy-Chicken nach – und machte die Actionkomödie mit rund 17 Millionen Zuschauern zu einem der größten Hits des südkoreanischen Kinos. Aus deutscher Sicht erinnert das an den Erfolg der bayerischen Eberhofer-Krimis und besitzt zudem die Anarchie jenes kleinen gallischen Dorfes aus den Asterix-und-Obelix-Comics.

Knüpft "Extreme Job - Spicy-Chicken-Police" eher an die bäuerlichen Traditionen Koreas an, katapultiert uns "Time to hunt" in die Hipster-Moderne – als Thrillerdystopie einer nahen Zukunft. Nach einer Finanz- und Wirtschaftskrise katastrophalen Ausmaßes wird Seoul zu einer Geistermetropole mit leeren Shopping-Malls und verlassenen Büros. Vier aufgeregte junge Männer, die alles andere als erwachsen sind, überfallen ein illegales Spielcasino und werden danach von einem Killer gejagt.

Liebe zu den Abgehängten

Hier schwirren dem Zuschauer auf der famos ausgearbeiteten Tonspur gefühlt fünf Millionen Schuss um die Ohren. Die Lichtsetzung ist wahnwitzig stylish und die Farbdramaturgie irreal überzogen – kein Wunder, dass das einflussreiche amerikanische Branchenblatt „Screen Daily“ schrieb, „Time to hunt“ würde alle Hollywood-Actionkracher der letzten Jahre in die Tasche stecken. Was keineswegs übertrieben ist.

Was die beiden Filme eint, ist die Liebe der Regisseure zu den Abgehängten des globalisierten Turbokapitalismus. Prekäre Existenzen werden – wie auch schon im Oscargewinner "Parasite" – zu komplexen Helden. Das ist im Moment ein Alleinstellungsmerkmal des südkoreanischen Genrekinos. Die Filme sind obrigkeitskritisch, alles andere als systemaffirmativ und denken kreativ nach über Klassengegensätze.

Der Spagat zwischen stilistischer Erneuerung und der Solidarisierung mit sympathischen Außenseitern gelingt ohne jede Sozialromantik und macht Werke wie diese beiden im Moment so besonders.

Auf Netflix: "Time to hunt", auf Amazon Prime und Youtube: "Extreme Job – Spicy-Chicken-Police".

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