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Schallplattenspieler.

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Schallplatten-Boom: Vinyl als Ausgleich zum digitalen Konsum

Die Verkaufszahlen von Schallplatten steigen seit Jahren. Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Vinyl ist aber nicht nur bei Sammlern ein Objekt der Begierde. Auch die junge Generation aus dem Zeitalter der Digitalisierung fährt auf Vinyl ab.

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Von
  • Frank Schwarz

Seit Jahren steigen die Verkaufszahlen von Schallplatten. Und es sind nicht nur ältere Musikfreunde, die sich an der Qualität von Vinyl erfreuen, gerade bei den Jungen sind Platten im Trend.

Viel Geld für einst verscherbelte Plattensammlungen

Es ist ein spannendes Phänomen, das sich bei so manch einem Musikfan beobachten lässt. Während viele in den 1990er-Jahren ihre Schallplatten verkauften, um auf die neu herausgekommene CD umzusteigen, wollen sie heute ihre Plattensammlungen von anno dazumal wieder zurückhaben - und zahlen teils Unsummen dafür.

Kein Wunder: Die Lust auf Vinyl ist deutlich gestiegen und das treibt die Preise auf dem Gebrauchtmarkt nach oben. Aber auch die heute 20- bis 30-Jährigen, die praktisch ohne Plattenspieler im Elternhaus aufgewachsen sind, interessieren sich für dieses analoge Zeitalter und kaufen Vinyl. Aber was ist es, was Menschen so anziehend an diesem Tonträger finden?

Der Schallplatten-Hype

Als "Hype" und Vintage-Trend bezeichnet es Kleopatra Sofroniou auf der einen Seite, wenn sie an die junge Generation denkt. Aber sie sieht in diesem wachsenden Interesse für Schallplatten auch etwas Nostalgisches - eine Sehnsucht nach einer technologisch weniger komplexen Zeit und einen Ausgleich zu einer "Digitalisierung des ganzen Lebens", wie sie sagt.

"Der Besitz einer Schallplatte scheint für viele ein Ausgleich zum digitalen Konsum zu sein." Kleopatra Sofroniou

Als General Manager Classics kümmert sich Kleopatra Sofroniou um die weltweite Vermarktung und Kommunikation aller Aufnahmen und Projekte des Labels Deutsche Grammophon. Sie weiß, dass Vinyl für Sammler nie ganz weg gewesen sei, insbesondere in der klassischen Musik. Hier habe es über die Jahre hinweg Pressungen von "ikonischen Aufnahmen" gegeben, etwa die Beethoven-Sinfonien mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung des legendären Herbert von Karajan.

"Man kauft eine Schallplatte, um seine Lieblingsmusik besitzen zu können." Kleopatra Sofroniou

Anfassen und Hören

Während die einen Musikfans ganz auf den Komfort von Streaming setzen, wollen andere wiederum ihre Lieblingsmusik in Händen halten und besitzen. Und durch bewusstes Musikhören die Zeit entschleunigen, in einer Welt, die sich jeden Tag schneller zu drehen scheint. Andere dagegen sind vom Klang einer Schallplatte überzeugt und dann gibt es noch Sammler, die in Vinyl wie in Aktien investieren und auf eine mögliche Wertsteigerung spekulieren.

Vinylverkäufe in Deutschland

Laut Bundesverband Musikindustrie steigt seit 2007 der Absatz von Schallplatten in Deutschland - abgesehen von 2018, hier waren die Verkäufe leicht rückläufig. Während 2006 noch etwa 300.000 Schallplatten über die Ladentheke gingen, waren es 2019 schon 3,4 Millionen Einheiten. Dennoch bleibt die Schallplatte eine Nische im Musikmarkt. So betrug der Umsatzanteil von Vinyl im gesamten Musikverkauf 4,5% im ersten Halbjahr 2020 in Deutschland. Zum Vergleich: Der Anteil der CD-Alben betrug 20%, Audio-Streaming 65,7%. (Bundesverband der Musikindustrie)

Neben aktuellen Aufnahmen, die auf CD, im Stream und auch auf Vinyl erscheinen, gibt es wegen der großen Nachfrage auch Nachpressungen alter Aufnahmen - von den 1950ern bis heute. Sammler und Musikfans, die vergriffene Schallplatten suchen, werden auf Flohmärkten, auf speziellen Plattenbörsen, im Internet und in Schallplattenläden fündig. Die Preise reichen dabei von der 1-Euro-Platte bis hin zu mehreren 1.000 Euro pro Stück - je nach Alter, Zustand und Sammlerwert.

Tipps vom Plattenexperten

Ein Profi in Sachen Vinyl ist Stefan Maierhofer. Der Musikfan, der lange Jahre im Hauptberuf IT-Berater war, sprang damals nicht auf den CD-Trend auf und eröffnete 1990 einen Schallplattenladen. Stefan Maierhofer war einer derjenigen, der ganze Plattensammlungen zu teils Spottpreisen aufkaufte oder sogar geschenkt bekamen. Lagerfläche fand er, aus Platz- und Kostengründen, wie er erzählt, über einen Freund und verteilte seine wachsende Sammlung auf verschiedene Keller in München. Ende 2019 ist er mit seinem Laden umgezogen - von München-Haidhausen, wo er 40.000 Platten unterbekam, nach Otterfing im Süden Münchens. Hier hat er die Möglichkeit, seine ganze Sammlung von 500.000 Titeln an einem Ort zu lagern.

"1990 war eine Zeit, wo jeder auf das digitale Medium gesprungen ist. Jeder hat seine Platten verkauft oder verschenkt und ich habe die alle eingesammelt." Stefan Maierhofer
© Stefan Maierhofer

Vinyl-Freunde Stefan Maierhofer (l) und Ernst Nebhuth.

Staubfrei durch eine Plattenwaschmaschine

Dort besteht auch die Möglichkeit der Plattenreinigung, um aus verstaubten, knisternden Scheiben wieder frische Platten zu zaubern. Dafür benetzt Stefan Maierhofer die Schallplatte händisch mit einer Reinigungsflüssigkeit, die tief in die Rille eindringt und nach dem Reinigungsvorgang von einer seiner professionellen Reinigungsmaschinen wieder abgesaugt wird. Für den Heimbedarf empfiehlt er eine günstige Schallplattenwaschmaschine der Marke Knosti.

"Man sollte auf jegliche Automatik verzichten, weil die kaputtgehen kann und eigentlich nur stört." Stefan Maierhofer über Plattenspieler

Neben der Reinigung legt der Experte auf gute Innenhüllen wert, da bei Papierhüllen sogenannte Hairlines, also Mikrokratzer, auf der Platten entstehen können, die dann unangenehm hörbar werden können. Mit speziellen Plastikhüllen könne man diese Kratzer vermeiden, so Maierhofer. Kunden habe er im In- und Ausland, wie er erzählt. Bestellungen kommen telefonisch und übers Netz herein und Interessierte können nach Absprache auch bei ihm Lager in Otterfing vorbeischauen. Und wer weiß: Vielleicht kommen jetzt auch wieder die Musikfans zu ihm, dessen Plattensammlungen er vor 30 Jahren aufgekauft hat.

© BR / Frank Schwarz

Im digitalen Zeitalter von Download und Streaming ist ein Tonträger zurückgekehrt, der seit Erscheinen der CD nahezu im Untergrund verschwunden war - die Schallplatte. Ein KlassikPlus für Plattenfreaks und alle, die es werden wollen.

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