BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: Jens Krick/Picture Alliance

Der Bestseller-Autor will die "Welt retten" und empfiehlt gegen die Erderwärmung eine grundsätzliche Verhaltensänderung, wie sparsamere Duschen, fairen Handel und weniger Flüge. Und Feindbilder hat er auch - die Dinos gehören allerdings nicht dazu.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Saurier konnten nicht rechnen: Frank Schätzings Klima-Thriller

Der Bestseller-Autor will die "Welt retten" und empfiehlt gegen die Erderwärmung eine grundsätzliche Verhaltensänderung, wie sparsamere Duschen, fairen Handel und weniger Flüge. Und Feindbilder hat er auch - die Dinos gehören allerdings nicht dazu.

Per Mail sharen
Von
  • Peter Jungblut

Jetzt er also endlich da, der "zehnte Arm des Oktopus": Die vorherigen neun hat ja schon der Drogerie-König Dirk Rossmann beschrieben, in seinem gleichnamigen und viel beworbenen "Klima-Thriller". Da will Bestseller-Autor Frank Schätzing nicht nachstehen und gleich die "Welt retten", wenn auch mit einem Sachbuch statt einer Apokalypse. Oder ist es doch eher ein Krimi? "Beim Krimi steht die Eskalation am Anfang: Da liegt jemand rum, dann kommt der Kommissar und fragt, wo waren Sie zwischen fünf und neun und dann wird langsam Ordnung in die Sache gebracht und am Ende ist die Ordnung wieder hergestellt. Das hat der Deutsche gern. Aber die Lebensrealität ist eine andere, die Realität ist, dass wir in unserer Normalität leben und dann bricht irgendwas ein."

"Da platzte mir einfach der Kragen"

Beim Klima allerdings, das herrsche eben am Ende leider Chaos, so Schätzing gestern Abend im "Kölner Treff" in der ARD. Immerhin: Leser fördern mit dem Kauf seines Buchs ein Aufforstungsprojekt in Deutschland und im Klappentext wird versprochen, das Buch sei "wissenschaftlich fundiert, spannend und nie ohne Humor", was bei der Klima-Krise doch reichlich gewagt erscheint. Lachen beim Schwitzen ist halt nicht jedermanns Sache. Und manchen "Witz" erklärt Schätzing lieber gleich selbst, etwa, als er empfiehlt, doch bitte statt umweltschädlichen Kaffees lieber Tee zu trinken - nicht ernst gemeint! Und warum kam der Autor überhaupt auf die Idee, sich in die Klimadebatte einzumischen? "Dass das Thema letztes Jahr im Zuge der Corona-Pandemie praktisch vom Tisch war und dann noch diskutiert wurde, ob man die Kosten für den Klimaschutz jetzt nicht mal runterfahren solle, da platzte mir einfach der Kragen und ich habe mir gedacht, du musst das Thema jetzt mal erklären und Handlungsoptionen aufzeigen."

© Xinhua/Picture Alliance
Bildrechte: Xinhua/Picture Alliance

Dürre in Taiwan

Die Geleitworte zu Schätzings Buch stammen übrigens von Arthur Schopenhauer, dem Dalai-Lama, Leonardo DiCaprio und Albert Einstein – das ist also die geistige Fallhöhe in der wir uns hier bewegen. Die Botschaft dabei: Wer sich mit Untergangsszenarien beschäftigt, braucht nicht nur Nerven, sondern auch Überblick: "Bei aller Fortschrittlichkeit unserer Spezies sind wir evolutionär nicht dazu geschaffen, einem Übermaß globaler Bedrohungen Gleichrangigkeit einzuräumen. Bedroht waren wir immer. Aber nie waren wir so vielen potenziellen Schrecknissen gleichzeitig ausgesetzt wie heute. Man kann schon froh sein, dass die Besiedelung des Weltraums hinter den Träumen der Science-Fiction-Autoren zurückgeblieben ist, andernfalls hätten wir jetzt auch noch Horrormeldungen vom Mars zu verkraften."

Gauland, Trump und Palin diskutieren

Was eine Katastrophe ist, das kommt auf die Perspektive an, schreibt Schätzing sehr treffend und verweist auf die Saurier, die ihre Klimakatastrophe mutmaßlich nicht tragisch nahmen, sondern nur persönlich, denn, Zitat, ein "Reptilienhirn liest ja auch keinen Shakespeare". Wir Menschen dagegen könnten ausrechnen, dass 180 Millionen von uns obdachlos würden, wenn der Meeresspiegel um einen Meter steigt.

Wir haben also Angst – und wenn es nach Schätzing geht, sollten wir die auch dringend haben, zum Beispiel vor Leuten wie Alexander Gauland, Sarah Palin und Donald Trump, die er bei einem so fiktiven wie bizarren Klima-Talk zu Wort kommen lässt: "GAULAND: Ja, darum wollen wir alle Klima-Schutzmaßnahmen stoppen. Weil, wir brauchen die Sonne ja. Ich meine, wenn sie stärker scheint, wird es wärmer, das leugnen wir gar nicht. Das ist halt der Klimawandel, aber wir... TRUMP: Klimawandel ist eine Erfindung der Chinesen. GAULAND: ...können ja schlecht Schutzmaßnahmen gegen die Sonne befürworten, weil... PALIN (interessiert): Warum haben die Chinesen den eigentlich erfunden?“

© S. Ziese/Picture Alliance
Bildrechte: S. Ziese/Picture Alliance

Braunkohlekraftwerk in Nordrhein-Westfalen

Schätzing versucht die ohnehin deprimierenden Fakten leider auf fast jeder Seite weiter zu dramatisieren, womöglich unterhaltsamer zu machen, lesetauglicher, was auf die Dauer eher anstrengend als spannend wirkt. Und als der Untergang schon ganz nah ist, nennt er die vielen Möglichkeiten, wie ihn jeder von uns verhindern kann: Weniger Fleisch essen, fairer Handel, weniger Plastik, nachhaltigere Kleidung, sparsamere Duschen, umweltfreundlichere Kaffeemaschinen, weniger heizen, kürzer lüften, nicht so viel im Netz surfen, nicht fliegen, sondern in Deutschland Urlaub machen. Und natürlich grünes Wachstum, das mit Bildungswachstum beginne.

Frank Schätzing: "Das Buch ist ein Plädoyer vorauszudenken, es ist aber auch ein Aufzeigen der Vielfalt von Handlungsoptionen, die wir haben, denn wir können was tun. Es ist nicht so, als müssten wir was erfinden, der Werkzeugkasten ist da, der ist weit offen, es bedarf der mutigen Entscheidungen, beispielsweise der Politik."

"Raus aus der Mutlosigkeit"

Alles nicht neu, aber das Fatale am Klimawandel ist ja gerade, dass jeder wissen könnte, was dagegen hilft, aber sich kaum einer aufrafft, sein Leben danach auszurichten. Insgesamt eine kurzweilige und trotzdem erschöpfende Selbstanklage der Gattung Mensch. Da hatten es die Saurier irgendwie einfacher: "Ja, wir brauchen eine Revolution. Eine Revolution der Zuversicht, die uns irgendwann abhandengekommen ist, des positiven Denkens. Raus aus der Mutlosigkeit, Unwissenheit, Ungerechtigkeit, raus aus dem fatalen Immer-mehr, das für viele ein Immer-weniger bedeutet. Wie wir das Neue dann nennen, können wir immer noch überlegen. Erst müssen wir das Bestehende ändern, und das geht nur gemeinsam, ungeachtet gefühlter Verantwortung. Das ständige Weiteradressieren, wer die Krise zu lösen hat – das ist unsere eigentliche Krise."

Frank Schätzing: "Was, wenn wir einfach die Welt retten?: Handeln in der Klimakrise", Kiepenheuer & Witsch, 20,00 Euro, auch als Hörbuch.

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!