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Saufen und raufen auf Ithaka: "Pénélope" in Frankfurt | BR24

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20 Jahre warten, weben und weinen: Die Frau des Odysseus versauert auf Ithaka, während ihr Mann Abenteuer besteht. So wollte es Homer nun mal. In der Opern-Fassung von Gabriel Fauré überzeugt das nicht: Selten schien der Klassiker so fremd und fern.

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Saufen und raufen auf Ithaka: "Pénélope" in Frankfurt

20 Jahre warten, weben und weinen: Die Frau des Odysseus versauert auf Ithaka, während ihr Mann Abenteuer besteht. So wollte es Homer nun mal. In der Opern-Fassung von Gabriel Fauré überzeugt das nicht: Selten schien der Klassiker so fremd und fern.

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Geht natürlich heute gar nicht mehr: Eine Frau, die zwanzig Jahre auf ihren vermissten Mann wartet und sich die Zeit unterdessen Tag für Tag mit weben und weinen vertreibt, obwohl jede Menge fesche Kerle bereitstehen. Was in der Antike noch als Zeichen von ehelicher Treue galt, würde heute wohl eher belächelt oder gar therapiert - eine Frau, die solange nicht in der Lage ist, einen Verlust zu verarbeiten, keinen Neuanfang hin bekommt, beziehungsunfähig bleibt, die dürfte jedenfalls bei den allermeisten kein leuchtendes Vorbild mehr sein.

Ewige Warterei nicht sonderlich kurzweilig

Insofern war schon interessant, wie die junge Regisseurin Corinna Tetzel an der Oper Frankfurt ausgerechnet "Pénélope" inszenieren würde, die selten gespielte Oper von Gabriel Fauré. Klar, die so unglaublich treue Frau des Odysseus hat viele Komponisten inspiriert, obwohl die ewige Warterei von Penelope auf Ithaka nun wahrlich nicht sonderlich kurzweilig oder gar dramatisch ist, sondern ganz schön auf die Nerven gehen kann. Claudio Monteverdi würzte das in seiner populären Renaissance-Opern-Version 1640 wenigstens noch mit dem süffigen Auftritt der Götter, aber die waren 1913, als Fauré am Start war, natürlich schon tot.

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Die Jungs wollen nur spielen

In Frankfurt hat sich die Frau äußerlich perfekt der Männerwelt angepasst, trägt schwarzen Anzug und weiße Bluse, läuft rum wie eine Führungskraft aus irgendeinem Banken-Hochhaus. Ist also gleichsam unsichtbar zwischen all den Jung-Managern, die sich auf Ithaka zum Teambuilding mit Saufen und Raufen treffen. Bühnenbildner Rifal Ajdarpasic machte das triste Dach eines Strandbungalows zum Schauplatz der Geschichte: Ein paar Treppenabgänge, eine rostige Satellitenschüssel, herumstehende Weinkisten, billige, kunststoffbespannte Gartenstühle.

Öde Zypressen ragten in die Höhe

Insgesamt eine schäbige Ecke mit einer allerdings überraschenden Aussicht: Weißes Rauschen ist am Horizont zu sehen, also das Flimmern wie bei einem Fernseher, der keinen Empfang hat. Das hatte Witz, zumal davor ein paar öde Zypressen in die Höhe ragten. Vom tröstlichen Meer, vom beschaulichen Strand war in diesem Fall also wirklich nichts übrig geblieben.

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Verrostete Satelliten-Schüssel

Allerdings ergaben sich damit auch ein paar Fragen, die leider in den zweieinhalb Stunden nicht beantwortet wurden. Warum haust eine Königin wie Penelope in dieser schäbigen Umgebung, warum sieht sie aus wie eine coole, durchsetzungsstarke Spitzenkraft der Finanzbranche und vergammelt trotzdem auf dieser deprimierenden Dachterrasse? Auch das Interview mit der Regisseurin im Programmheft war dazu leider wenig erhellend.

Was würde Homer dazu sagen?

Immerhin, am Schluss gab es natürlich kein harmonisches Miteinander zwischen Odysseus und Penelope, sondern die Geschlechter wurden buchstäblich von einem Graben getrennt, der sich plötzlich auftat. Eine Art feministisches Erdbeben sozusagen, bei dem sich die Männer auf der einen, Penelope auf anderen Seite des Abgrunds wiederfanden. Was Homer wohl dazu gesagt hätte? Für ihn wäre vermutlich eine Welt zusammengebrochen, ach was, dreitausend Welten - solange ist das alles ja schon her! Selten wurde so augenfällig, wie fremd uns die Werte der archaischen antiken Welt doch sind.

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Opfer der Männerwelt

Während sich die Inszenierung also recht unentschlossen und voller Rätselbilder dahin schleppte, blieb auch die Musik von Gabriel Fauré so "steif und statisch", wie dem Komponisten selbst sein Werk vorkam. Zwischen Wagner, Debussy und Massenet konnte er sich nicht so recht entscheiden, so dass weder die Fans von impressionistischer Blumigkeit, noch die Anhänger von spätromantischem Furor so recht auf ihre Kosten kamen. Es hat schon seinen Grund, warum es Fauré als Opernkomponist schwer hat, zumal er für diese "Pénélope" wegen Arbeitsüberlastung geschlagene fünf Jahre brauchte, was dem Werk nicht gerade viel innere Spannung verlieh. Bei der Instrumentation ließ sich der Meister teilweise von einem Schüler helfen, auch das war zu hören.

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Projektgruppe Hochzeit

Gleichwohl holte Dirigentin Joana Mallwitz, im Hauptberuf Nürnberger Generalmusikdirektorin, alles raus aus dieser Partitur, ja sogar mehr, als drin war. So leidenschaftlich, mit soviel Gespür und auch wohl eminenter Probenarbeit ging sie an das Zusammenmischen der Farben, was bei einem so unentschlossenen Impressionisten wie Fauré ja ungemein wichtig, aber eben auch schwierig ist. Unter den Solisten war Paula Murrihy in der Titelrolle von stimmlich bezwingender Präsenz, schauspielerisch durchaus glaubwürdig, und dennoch recht konturenlos. Dasselbe galt für Eric Laporte als Odysseus, der keineswegs als der Kraftlackl daherkam, der er doch eigentlich sein müsste, keine furchteinflößende Respektsperson war, sondern eher ein brummiger Sozialarbeiter. Insgesamt zeigte diese "Pénélope" also nicht, wie nah dieser Stoff unserer Gegenwart noch sein könnte, sondern wie fern. Warten kann offenkundig furchtbar alt machen.

Wieder am 6., 11. und 15. Dezember an der Oper Frankfurt, weitere Termine im Januar 2020.

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