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Saufen aus Prinzip: "Jahrmarkt von Sorotschinzi" als Rauschparty | BR24

© Monika Rittershaus/Komische Oper Berlin

Schweine in Ekstase

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Saufen aus Prinzip: "Jahrmarkt von Sorotschinzi" als Rauschparty

In Russland ist die Hölle los und dagegen hilft nur Alkohol: Bei Modest Mussorgsky flüchtet sich das Volk ins Delirium und selbst der Teufel greift zum Wodka. Oper als Schnaps-Ritual, in Berlin düster inszeniert. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Er war sicher der größte Alkoholiker der Operngeschichte, und das will was heißen: Modest Mussorgsky begann schon in jungen Jahren zu saufen, und ob er danach jemals richtig nüchtern war, erscheint fraglich. Jedenfalls hatte er in seinen letzten Jahren Halluzinationen, geistige Ausfälle und starb nach mehreren Krampfanfällen mit 42 - ein denkbar unglückliches, chaotisches russisches Leben. Kein Wunder, dass auch in den Opern von Mussorgsky fleißig gebechert wird: Seine Sympathie gehörte dem einfachen Volk, speziell den Säufern, Schnapsbrüdern und Narren.

Selbst der Teufel trinkt

Ob sie alle aus Frust trinken, aus Schwermut, Geselligkeit, Verzweiflung oder aus Prinzip, das sei dahin gestellt. Jedenfalls fließt bei Mussorgsky der Wodka in Strömen, und in seinem letzten hinterlassenen Opernfragment "Der Jahrmarkt von Sorotschinzi" von 1880 ist das gleichnamige ukrainische Dorf eigentlich durchgehend besoffen. Zunächst einmal aus Angst vor dem Teufel, der hier sein Unwesen treibt, aber der hängt selbst an der Flasche, weil er aus der Hölle vertrieben wurde und in Russland nicht nüchtern bleiben wollte. Das Leben ist bei Mussorgsky also überhaupt nur im Rausch zu ertragen, und wer in Suff und Eiseskälte einschläft, hat noch Glück gehabt, denn der Tod kümmert sich.

1948 in der Trümmerlandschaft

Wem das alles zu wirr oder zu düster klingt, der hat wahrscheinlich gerade nur Kaffee oder Mineralwasser zur Hand. Es ist schon bemerkenswert, dass der "Jahrmarkt von Sorotschinzi" 1948 zum letzten Mal in Berlin aufgeführt wurde, also in der Trümmerlandschaft, als das Publikum für Mussorgskys melancholischen Weltschmerz offensichtlich empfänglich war. Aber wie lässt sich das gut zweistündige Fragment heutzutage auf die Bühne bringen, mitten in der Überfluss-, Leistungs- und Spaßgesellschaft? Regisseur Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper Berlin, setzte ganz auf die Groteske.

Dirigent mit Taschenlampe

Seine Deutung beginnt und endet in rabenschwarzer Nacht, in völliger Dunkelheit, und wer weiß, wie schwer es ist, in einem Theatersaal dem Orchester und dem Chor das Licht abzudrehen, der wird das respektvoll würdigen. Der ungarische Dirigent Henrik Nánási musste den Mitwirkenden in der gespenstischen Düsternis zeitweise mit Taschenlampe den Takt vorgeben und die Spielerin der Bandura, eine ukrainische Form der Zither, war auf eine denkbar sparsame Leselampe angewiesen. Soviel Finsternis war natürlich wohl begründet: Dieses russische Volk scheut das Licht, jede Art von Fortschritt und versteckt sich im Schatten der Geschichte.

Liebhaber steckt in der Pute

Hell wird es nur im Suff, dann aber richtig. Kosky erfindet einen wilden, wahrhaft diabolischen Bilderrausch, in dem der Teufel einen Chor mit Schweinemasken, unheimliche Stelzenläufer und eine grellrote Höllenarmee aufmarschieren lässt. Ein bizarres Weltgericht, in dem wüst gezecht und getafelt wird. Ausstatterin Katrin Lea Tag sparte an nichts. Großartig auch die zentrale Szene eines erotischen Gastmahls: Die frustrierte Ehefrau backt und kocht bis zum Umfallen, um ihren Liebhaber in Stimmung zu bringen. Der allerdings muss sich am Ende in einer Pute verstecken.

Kein Wodka am Buffet

Soviel absurder Spuk irritierte anscheinend manchen Zuschauer: Es gab ein paar lautstarke Proteste und eher höflichen Beifall. Mussorgsky muss verstören, wenn er ernst genommen wird, und er muss befremden, vermutlich sogar in Russland selbst. Unter den Sängern überzeugten Bass Jens Larsen im abgetakelten Look von Gerard Depardieu und Agnes Zwierko als seine so emsige wie liebestolle Frau Chiwrja. Als sich ein Zuschauer nach der Vorstellung am Theaterbuffet einen Wodka genehmigen wollte, stellte sich übrigens heraus, dass der nicht geführt wird. Keine Ahnung, wie Mussorgsky das Problem gelöst hätte.

Wieder am 9., 14. und 22. April 2017.

© Monika Rittershaus/Komische Oper Berlin

Teufel in Aktion

© Monika Rittershaus/Komische Oper Berlin

Auf hohen Stelzen