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Was Netzexperte Sascha Lobo vom "Realitätsschock" erwartet | BR24

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In seinem neuen Buch gibt sich der Berliner Publizist unbescheiden: Er handelt von der Umweltzerstörung über Migration und China-Politik so ziemlich alle großen Themen der Gegenwart ab. Der Text ist voller Allgemeinplätze, aber trotzdem lehrreich.

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Was Netzexperte Sascha Lobo vom "Realitätsschock" erwartet

Umweltzerstörung, Migration, Digitalisierung: In seinem neuen Buch handelt der Berliner Publizist Sascha Lobo quasi alle großen Themen der Gegenwart ab. "Realitätsschock" ist deshalb voller Allgemeinplätze – und trotzdem lehrreich.

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Es ist ja recht nahe liegend, die Gründe für die Verwerfungen der Gegenwart und den Wandel der Welt in der Digitalisierung und der Globalisierung zu suchen – wer würde das nicht bestätigen? In vielen Branchen, Fächern, Themengebieten, schreibt Sascha Lobo mit großer Geste, hätten sich Realitätsschocks ereignet. Gemeint ist die Überforderung der Menschen durch technologische Veränderungen, die sie nicht, oder viel zu spät verstehen und einordnen können. "Digitalisierung und Globalisierung haben vorher Unverbundenes vernetzt, vorher Übersehenes sichtbar gemacht und uns die Hoffnung geraubt, Politik, Wirtschaft und Eliten hätten eine gewisse Kontrolle über den Lauf der Dinge", schreibt Lobo.

Mut zum großen Flug

So weit, so gut. Auf knapp 400 Seiten bietet der 44-jährige Spiegel-Online-Kolumnist und Internet-Fachmann ein Panorama an anspruchsvollen Allgemeinplätzen auf und verzichtet lieber auf eine steile, schräge oder streitbare These. Hingegen hat er keine Scheu, sich auf kurzer Strecke die ganz großen Brocken vorzunehmen: Umweltzerstörung, Migration, Rechtsruck, China. Künstliche Intelligenz, Transhumanismus und Fake News. All diese höchst komplexen Phänomene verbindet seiner Ansicht nach eines: Dass sie durch Digital-Plattformen und Netzwerke radikalisiert, beschleunigt und intensiviert werden. Solcherlei Mut zum großen Flug verdient Respekt, denn für sich genommen würde ja schon jeder Unterpunkt allein ein Kompendium rechtfertigen.

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Verstärkt sich Migration durch soziale Medien?

Dabei ist "Realitätsschock" mit Verlaub, ein ungünstiges, weil großmäuliges Wort. Alles, was darunter zu verstehen sein könnte, kennt man seit langem. Wer aufmerksam Radio hört und Zeitung liest, hat ja durchaus schon vor diesem Buch von Klimawandel, virtualisierter Wirtschaft und Massenmigration gehört. Für den Autor jener Beispiele, mit und an denen er exerzieren will, welche Akteure durch welche Form der Aufmerksamkeitsmasche ihre Agenda auf digitalem Wege öffentlich durchsetzen. Wenn zum Beispiel Schlepper ein äußerst idealisiertes Bild von Europa als einem paradiesischen Ort zeichneten, an dem man Jobs, Wohnraum und Zugang zum Gesundheitssystem garantiert bekommt, weckt das unrealistische Erwartungen bei Flüchtlingen, weshalb Migranten meist dorthin zu gehen versuchen, wo Bekannte oder Verwandte bereits einigermaßen mit den Gegebenheiten vertraut seien. Auf diese Weise, schlussfolgert Lobo, verstärke sich Migration über soziale Medien selbst.

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Reichlich Fakten und Zahlen

Keine Frage, der Autor hat fleißig recherchiert, das Buch bietet reichlich Fakten und Zahlen auf. Und auch wenn es hier und da ein paar Klischee-Wertungen und Ich-Aussagen gibt, ist Lobo erfreulicherweise nicht ideologiegetrieben. Er moralisiert, missioniert, maßregelt und doziert nicht, sondern analysiert, fügt zusammen und beschreibt. Eine angenehme Offenheit durchzieht dieses Buch – und eine gewisse Ratlosigkeit. "Etwas scheint zu Ende zu gehen, etwas anderes scheint anzufangen, aber wir können die Umrisse des Neuen bisher nur schemenhaft erkennen", schreibt Lobo.

Lobo setzt auf die Jugend

So weit, so misslich. Weil ein Realitätsschock nach Ansicht des Autors aber nichts ausschließlich Negatives sein muss, sondern im Gegenteil oft auch Handlungsfenster öffne, wartet man am Ende begierig auf die Lehre aller Lehren. Was also bietet uns Sascha Lobo an?

Er setzt auf die Jugend. Der Fluss der Erfahrung habe sich umgedreht, schreibt er, junge Menschen erklärten ihren Eltern die Jetztzeit und ihren Lehrern, wie das Netz funktioniert. Die Jugend habe ein Rezept gegen den Klimawandel gefunden: Millennials seien kaum an Autos interessiert und wollten tatsächlich Konsumverzicht üben. Und das ist noch nicht alles: "Diese jüngere Generation unterscheidet sich von allen davor dadurch, dass sie früh lernt, mit Feedback durch das Publikum umzugehen. Mädchen benutzen soziale Medien dabei fast immer intensiver als Jungs. Eine durchschnittliche Sechzehnjährige hat bereits Hunderte Stunden in eine Kamera gesprochen und ihre Kommunikation immer wieder mit den öffentlichen Reaktionen abgeglichen."

Ja, wenn das so ist, dürfen wir von der Realität geschockte Bürger uns beruhigt zurücklehnen und auf die Mädchen hoffen. So etwas hört man selten. Lobos solides Buch ermöglicht eine nette, streckenweise lehrreiche Lektüre. Von seinen 100.000 Facebook- und 750.000 Twitter-Followern geliket und gepostet, wird so etwas vermutlich ein Bestseller.

© Kiepenheuer & Witsch

Sascha Lobo: "Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart", Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten

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