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Vom Flüchtlingsjungen zum Bestseller-Autor | BR24

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Interview mit Schriftsteller Saša Stanišić zu seinem Buch "Herkunft"

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Vom Flüchtlingsjungen zum Bestseller-Autor

Während des Bosnienkriegs floh Saša Stanišić als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland. In seinem neuen Buch "Herkunft" erzählt er, wem er seine geglückte Integration verdankt und warum er seine Heimatstadt nicht mehr mag.

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Als Saša Stanišić 2006 seinen Debütroman vorlegte, erntete er begeisterte Kritiken. "Wie der Soldat das Grammophon repariert" wurde ein Riesenerfolg und in 30 Sprachen übersetzt. Der Roman, balkanbunt wie ein Kusturica-Film, erzählt von einer Kindheit in Bosnien-Herzegowina. Als der Bosnien-Krieg begann, kam Saša Stanišić nach Deutschland, ein 14-jähriger Flüchtling in Heidelberg, der alle Chancen nutzte und mit spielerischem Talent zu einem erfolgreichen deutschen Schriftsteller wurde. Nun ist Saša Stanišić 41 und hat ein neues Buch vorgelegt: "Herkunft".

Cornelia Zetzsche: Sie wurden Vater, Sie wurden im letzten Jahr 40, Ihre Großmutter erkrankte an Demenz und starb im Oktober. Was von alledem war der Auslöser, sich mit Ihrer Herkunft zu beschäftigen?

Saša Stanišić: Ich hatte schon nach der Veröffentlichung meines ersten Romans das Gefühl, dass ich der Fiktion zu viel erlaubt hatte; dass ich das Leben, meine Kindheit in Bosnien, auch die Flucht und den Krieg und die Ankunft in Deutschland ein wenig ausgelagert habe; dass ich nicht das erzählt habe, was in mir richtig vorgegangen ist damals. Irgendwann reichte das nicht mehr, und ich beschloss, einmal zu sagen, wie es mir und meiner Familie hier tatsächlich ergangen ist. Und es kam der Zeitpunkt jetzt, an dem mehrere Dinge zusammenfielen: die Krankheit meiner Großmutter, mit der ich unbedingt noch viele Gespräche führen wollte und diese Gespräche auch in Geschichten festhalten, aber auch die politischen Debatten momentan in Deutschland, die diese Art von Befragung der Herkunft notwendig machen. Und all das hat dazu geführt, dass ich dieses Buch geschrieben habe.

Man könnte sagen, in Ihrem "Selbstporträt mit Ahnen" ist Herkunft ein Mosaik aus den verschiedensten Dingen. Manchmal sagen Sie, es ist ein Konstrukt, dann ist es das Quellwasser im Dorf ihres Großvaters oder ein Kostüm, das man sich an- und auszieht. "Meine Leute" kommen vor, dabei können "meine Leute" auch ganz schön fremd sein, wie im Dorf Ihres Großvaters erlebt, oder?

Ja, das ist richtig. Ich sprach mit einem älteren Mann in Oskoruša, einem kleinen Dorf. Er kannte meine Urgroßeltern noch als Kind, und er sagte zu mir immer wieder: "Dort, wo du bist, ist ganz weit weg, davon brauchst du mir gar nichts zu erzählen. Ich bin zwar neugierig, ich will wissen, wie es in diesem Deutschland so aussieht, ich werde mein Dorf zwar nie verlassen, aber lass‘ mich dir zeigen, wie es bei uns aussieht, du kennst das doch gar nicht." Und dieses Zeigen, das fand ich so faszinierend, dass es ihm gar nicht darauf ankam, mich von etwas zu überzeugen, dass etwas zu mir gehört, obwohl meine Vorfahren von dort kommen, sondern er wollte, mit gewissem Stolz, mir seinen Ort zeigen, ohne jegliche Blut-und-Boden-Ideologie, einfach nur: Hier bin ich aufgewachsen, das ist der Brunnen, das ist das Haus.

"Herkunft" ist kein sentimentales Buch, aber eines, das ergreift, weil solche Sätze drin vorkommen wie: "Ich bin in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt“ oder "Meine Leute sind fremde Leute“. Was bedeutet es für Sie, in einem Land geboren zu sein, das es nicht mehr gibt?

Wir sehen uns um und schauen auf unsere Kindheit, und wenn sie gut ausgefallen ist, dann sind wir darum froh und erinnern uns an bestimmte Dinge, Gerüche und so weiter. Bei mir ist das ein bisschen anders, ich kann diesen Ort nicht mehr mögen. Diese Stadt, Visegrád, in der ich geboren bin, hat sich durch den Krieg so verändert, dass man nicht das Gefühl hat, man kehrt irgendwie nach Hause zurück. Da sind neue Menschen dort, die ich nicht kenne, die mich nicht kennen. Das ist eine aggressive Folge des Krieges. 3.000 Menschen sind in meiner Stadt ermordet worden, und all das ist ein ganz ambivalentes Gefühl. Ich habe die Kindheitsbilder im Kopf, und die sind unfassbar schön, ich hatte eine wahnsinnig behütete, schöne Kindheit, und darüber liegt wie ein Filter all das Wissen über die Gräueltaten in dieser Stadt, alles Wissen über die Opfer, die Täter, die Orte, an denen die Verbrechen begangen worden sind, und das geht nicht mehr überein. Ich mag meine Stadt nicht.

Visegrád wurde "ethnisch gesäubert“. Sie kommen aus einer gemischten Familie, und damit setzt sich das Mosaik Herkunft fort: der Vater Serbe, die Mutter bosnisch-muslimisch, der Opa Pero Kommunist. "Herkunft" erzählt von Ihren jugoslawischen Wurzeln und Ihrem Ankommen in Heidelberg, Ihrem Werdegang. Sie kamen 1992 nach Deutschland mit wenigen Begriffen: "Lothar Matthäus“, "Mein Name ist“ und "Fluchtling“ oder "Flüchtling“. Sie lebten in Heidelberg, Emmertsgrund war die zweite Adresse, mit einem hohen Migrantenanteil, Türken, Griechen, Bosnier, Schlesier und so weiter. Aber Sie haben sich als Jugendlicher ganz klar fürs Dazugehören entschieden, wie kam das?

Einer der vielen Zufälle, die ich beschreibe in diesem Buch. Ich hatte sehr früh Freunde, die tatsächlich von überall herkamen, vor allem Schlesier waren aus irgendeinem Grunde viele dort, auch Türken, und das war ein glückliches Miteinander. Bei uns war das Zusammengehören nicht nur von meiner Seite jetzt erwünscht, sondern wir haben diese Clique tatsächlich schon begriffen als etwas, was vielleicht sogar außergewöhnlich ist für deutsche Verhältnisse; in dem man nicht danach gefragt hat, wo kommst du her, sondern eher wissen wollte, was hast du drauf? Und diese Frage nach dem Talent, nach den Fähigkeiten, nach den Geschichten, die man zu erzählen hat, war viel wichtiger als irgendeine Art von Herkunftstrennung, die wir heute so gerne vornehmen, das hat mich wahnsinnig geprägt.

© Luchterhand

Buchcover

Das war die Aral-Gruppe, die sich an der Aral-Tankstelle traf. Sie hatten keine Probleme, Deutsch zu lernen, haben Basketball gespielt, Bach auf der Gitarre gespielt und vieles mehr. Sie sind HSV-Fan geworden. Wichtig aber schien mir auch und absolut aktuell, dass es Helfer gab, die die Stufen bereiteten, auch wenn man sie dann selber gehen muss. Da gehörte ein Deutschlehrer dazu?

Beim Schreiben dieses Buches kam ich immer wieder auf einzelne Personen, die mich ausmachen; die dadurch, dass sie so zu mir und meiner Familie waren wie sie waren, heute noch eine wahnsinnige Bedeutung für mich haben. Sie haben mir geholfen, hier Fuß zu fassen. Dieser Deutschlehrer, Herr Nikisch, half mir, in der Schule Selbstbewusstsein zu gewinnen. Er hat meine Gedichte gelesen, mochte sie, hat sie die Klasse interpretieren lassen, hat sich privat Zeit genommen für diese Texte, um mit ihnen zu arbeiten. Dann gab es noch einen Sachbearbeiter bei der Ausländerbehörde, der mal nicht Dienst nach Vorschrift gemacht hat, sondern er hat, nachdem ich meinen Wunsch geäußert hatte, ich würde gerne in Deutschland bleiben, was gibt es für einen Weg, tatsächlich nachgedacht und sich eine Lösung für mich überlegt. Wer macht das denn heute? Wir kriegen fast nur noch Geschichten von schnellen Abschiebungen. Nachts werden die Schwangeren aus den Krankenhäusern geholt. Und ich hatte dieses Glück, dass dieser Mann sagt: Na gut, ich guck mal, was es gibt. Und ich konnte bleiben, sonst würden wir beide dieses Gespräch nicht führen. Und das wollte ich unbedingt auch erzählen, also positive Erfahrungen. Neben dem ganzen Identitätsstress, der sonst so mitläuft, und auch die Erniedrigung, die meine Eltern erlebt haben, die auch ich teilweise mitbekommen habe, gab es immer wieder solche Glanzlichter an Charakter und Zuspruch und Zuneigung von einzelnen Menschen, teilweise dann auch Behörden, die etwas mit einem wollten, und das war gut, das war positiv, das war Weiterbringen, Weitererzählen, und das fand ich sehr schön.

Ihr Vater, Ihre Eltern, beide studiert, der Vater auf dem Bau, die Mutter als Politologin in einer Wäscherei arbeitend, und Sie erzählen von ihrer Scham, Gäste nach Hause einzuladen; von Ihrer Ablehnung, eine Matratze vom Sperrmüll zu akzeptieren und lieber auf dem Fußboden zu schlafen.

Ja, meine Eltern haben tatsächlich eine unfassbare Zähigkeit bewiesen. Sie haben die Tatsachen unserer Ankunft und unseres Aufenthaltes hier in Deutschland wie Boxer einen Kampf angenommen. Ich habe Sie niemals klagen hören, bis heute nicht.

Ihr Buch zeigt, Ankommen ist eigentlich nie abgeschlossen, sondern ein lebenslanger Prozess?

Ja, weil die Geschichten sich wiederholen, weil wir heute nach wie vor eine große Anzahl von Neuankömmlingen in Deutschland haben, die die Abläufe und das Zurechtfinden in einem Land und dabei zu sein durchlaufen müssen - genauso wie ich damals in den Neunzigern. Das heißt, das Nachdenken über Herkunft und Zugehörigkeit und irgendwo sein, wo man nicht so ist wie die Mehrheit, das bleibt einfach ein Thema. Angefangen von Politikern, die damals was zu sagen hatten und sich immer noch dagegen wehren, dass wir hier tatsächlich ein offenes Migrationsrecht haben, das den Leuten den Zugang zu Deutschland eher erleichtert als erschwert. So jemand wie Seehofer war damals auch ein Lautsprecher wie heute. Das heißt also, diese Themen, über die wir sprechen heute, auch wenn ich sie in Geschichten packe, sind tatsächlich Debatten, die im Land stattfinden und notwendig sind, damit man vielleicht irgendwann, wenn ich das so blöd sagen kann, aus positiven Beispielen wie meinem lernen könnte.

Welche Rolle spielt denn das Schreiben in diesem Prozess des Ankommens, diesem "Wo gehöre ich hin“, "Wo will ich hin“?

Ich glaube, es war immer schon mein Weg, mit der Welt umzugehen und auch das Problematische an ihr für mich festzuhalten und damit auch ein Stück weit mich selber vom Schmerz zu erlösen. Ich begann wirklich, alles aufzuschreiben, was mir auffiel. Viele von den kleinen Passagen im Buch habe ich aus meinen Tagebüchern von damals, aus den kleinen Geschichten, die ich geschrieben habe damals. Ohne das Aufschreiben meiner Ankunft wäre das Buch "Herkunft“ heute so gar nicht existent.

Saša Stanišić : "Herkunft", Luchterhand-Verlag, 22 Euro.

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