| BR24

 
 

Bild

Dreharbeiten in Sarajevo
© BR
© BR

Dreharbeiten in Sarajevo

Wer das erste Mal nach Sarajevo kommt, den beeindruckt vor allem die topographische Lage der Stadt: zwischen langgezogenen üppig-grünen Berghängen, eingeschmiegt ins Tal des Flusses Miljacka. Noch faszinierender aber: In Sarajevo leben seit Jahrhunderten vier Religionsgemeinschaften – katholische und orthodoxe Christen, Muslime und Juden – sowie drei Ethnien – Bosniaken, Serben und Kroaten – miteinander.

Unter Tito: Religion nur im Geheimen

Milan Trivic vertritt die serbisch-stämmigen Einwohner von Sarajevo als 2. Bürgermeister. Als er 1952 zur Welt kam, gab es offiziell keine Unterscheidung zwischen den drei Ethnien. Tito hatte dem Balkan eine Art "Kommunismus light" übergestülpt und den Vielvölkerstaat "Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien" erschaffen. Religion fand nur im Geheimen statt, der Kirchgang wurde als Sonntagsausflug getarnt, erzählt Milan Trivic. Dennoch fühlte er sich als serbisch-orthodoxer Christ in Sarajevo über viele Jahrzehnte daheim, bis Jugoslawien dann blutig zerfiel.

1.425 Tage – fast vier Jahre lang – war Sarajevo Anfang der 1990er-Jahre während des Bosnienkrieges belagert. Bosnisch-Serbische Milizen hatten den Stadtkern umzingelt, beschossen die Menschen von den umliegenden Bergen aus. Nur mit Mühe konnten sich die eingeschlossenen Bewohner in der Stadt bewegen. Alle drei Ethnien hatten täglich Tote und Verletze zu beklagen. Nach Angaben der Regierung Bosnien-Herzegowinas starben zwischen 1992 und 1996 mehr als 10.000 Menschen.

Angst vereint die Religionen

Wer nun, gut ein Vierteljahrhundert später, mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Straßen geht, spüre die fortwährende Anspannung, die immer noch über der Stadt liegt, sagt Sabina Cudic. Die Bosniakin wurde streng muslimisch erzogen, definiert sich selbst aber als liberal, ihre Familie lebt seit Generationen in Sarajevo. Jeder, sagt sie, fürchtet irgendwie, dass die dunklen Tage des Krieges wieder kommen könnten. Auf beängstigende Weise fördere diese Angst den Zusammenhalt. Denn die Rückkehr des Krieges wolle niemand hier – weder Christen, Juden noch Muslime.

Religion, sagt Milan Trivic, hat in Sarajevo seit Jahrhunderten eine große Bedeutung. Hier trafen sich die Menschen auf der Suche nach Identität, um sich als religöse Gruppe von anderen abzugrenzen – und das funktioniert bis heute. Denn Religion und ethnische Zugehörigkeit waren und sind in Sarajevo vor allem auch eines: ein politisches Machtinstrument: "Ich glaube das Problem liegt nicht bei den einfachen Menschen. Menschen hassen niemanden, weil jemand einer anderen Religion oder einer anderen Nation oder Ethnie angehört. Aber die Politiker treten als Beschützer ihrer Ethnie und ihrer Religion auf und missbrauchen dies, so halten sie sich an der Macht."

Muslimische Fundamentalisten auf dem Vormarsch

Nur ein paar Kilometer von Sarajevo entfernt beginnt das Gebiet der Republika Srpska. Regelmäßig drohen die bosnischen Serben mit einem Referendum und der Abspaltung ihres Landesteils. Hier lebt man noch immer in der Vergangenheit, sieht eine Teilung Bosnien-Herzegowinas als unvermeidlich an. Aber auch muslimische Fundamentalisten sind auf dem Vormarsch. Sichtbares Zeichen: die von Saudi-Arabien finanzierte neue König Fahd Moschee. Mit ihr wuchs auch der Einfluss des Islam auf die Politik. Länder wie Saudi-Arabien oder die Türkei haben in Bosnien und Herzegowina Hunderte Millionen Euro investiert. Geld, das man im muslimischen Teil gerne angenommen hat, denn die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei mehr als 20 Prozent. Doch inzwischen wachsen auch bei den Bosniaken die Zweifel, ob diese religiös motivierten Investitionen dem Zusammenhalt im Land nicht mehr schaden als nutzen.

Programm-Tipp:

Till Rüger trifft in seiner Reportage "Uns hat der Krieg nicht getrennt" vier Einwohner Sarajevos, von denen jeder für sich, eine ganz eigene Erklärung hat, warum das Zusammenleben der Religionen und der drei Ethnien trotz aller Spannungen um sie herum funktioniert.