Der alte Heustock – jetzt ein Veranstaltungssaal
Bildrechte: BR / Markus Wessely

Lisa Gräsel, Philipp Haggenmüller und Sebastian Herz haben für ihre "Hoimat" einen alten Kuhstall samt Scheune umgebaut.

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Umbau statt Abriss: Potenziale alter Gebäude in Bayern

Überall in Bayern stehen Häuser und Höfe leer. Gleichzeitig fehlt in vielen Orten der Wohnraum. Statt die alten Gebäude abzureißen, vertreten immer mehr Baufachleute den Standpunkt: Umbau statt Abriss. Das hätte viele Vorteile.

Überall in Deutschland fehlt der Wohnraum. Immer mehr Menschen, darunter eine wachsende Zahl von Architekten, fordern deshalb ein Umdenken: Umbau statt Abbruch. Erst kürzlich hatte der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA), ein Verband der Immobilienwirtschaft, erklärt, in diesem Jahr fehlten so viele Wohnungen wie seit 20 Jahren nicht mehr. Und das Umweltbundesamt legte am vergangenen Montag eine Studie vor, die besagt: Die wichtigste Stellschraube für mehr Umweltschutz beim Wohnungsbau sei der Erhalt vorhandener Gebäude – und deren sinnvoller Umbau.

Wie viel leer steht, weiß keiner

Auch in Bayern stehen viele alte und ältere Gebäude leer. Wie viele es genau sind, wissen noch nicht einmal die Kommunen. Seitens der Politik wird das Thema zu wenig beachtet, klagt Alexander Stumm, Sprecher der Initiative "Abrissmoratorium". Doch gerade durch das Umwidmen und den Umbau von Büro- und Verwaltungsgebäuden könne in Ballungsräumen mit überschaubarem Aufwand Wohnraum gestaltet werden, so Stumm auf BR24-Anfrage.

Welche Faktoren den Leerstand beeinflussen

Beim Leerstand sieht der Landesverein für Heimatpflege in Bayern zudem ein gewisses Gefälle. Beispielsweise gebe es in touristischen Regionen und im Einzugsgebiet der großen Städte ein deutlich höheres Interesse, alte Wohnhäuser, insbesondere Bauernhöfe, zu sanieren, sagt Vinzenz Dufter, Leiter der Abteilung Baukultur beim Landesverein. So sei es insbesondere im Alpenvorland, also im südlichen Oberbayern und Schwaben, schwer, an leerstehende Häuser zu kommen. Andernorts brauche es lokale Initiativen, die mit "best practice"-Beispielen das Potenzial älterer und alter Gebäude für die Kommunen und die Bevölkerung herausarbeiten, so Dufter.

Allgäuer Architekten listen positive Beispiele auf

Der Architekt Dufter sieht noch viel zu oft den Fortschrittsglauben der 1960er Jahre durchblitzen. Damals galt die Einstellung: "Weg mit dem alten Zeug", Neubau statt Sanierung. Dabei würden aber nur die individuellen Baukosten berücksichtigt, nicht die tatsächlich anfallenden Kosten, wie das Recycling der Baustoffe, betont Dufter. Wie sich scheinbar nur noch für den Abriss taugende Häuser retten und mit neuem Leben füllen lassen, zeigt eine Publikation des Architekturforums Allgäu mit dem Titel "weiter/nutzen". Aus rund 100 Sanierungsprojekten im Allgäu hat eine Jury 19 Beispiele ausgewählt, um aufzuzeigen, wie einstige Bauernhäuser modern umgebaut und mitunter einer neuen Nutzung zugeführt werden können.

Junges Unternehmer-Trio hat erfolgreich umgebaut

Auf einer Anhöhe bei Kempten, in Eschach, findet sich der Unternehmenssitz von Lisa Gräsel, Philipp Haggenmüller und Sebastian Herz. Sie haben für ihre "Hoimat" einen alten Kuhstall samt Scheune so umgebaut, dass darin nun die Käserei, ein Hofladen und ein Veranstaltungsraum Platz finden. Dabei nutzten sie so viel wie möglich von der vorhandenen Bausubstanz. Der Laden zog in den alten Ponystall ein. Aus der einstigen Güllegrube wurde ein Käsekeller. Der Heustock wurde zum Veranstaltungsraum.

Dort imponiert vor allem der offene Dachstuhl, den man so groß und aufwendig heute nie mehr bauen würde, zeigt sich Architektin Martina Buchs überzeugt. Sie hat den Umbau fachlich begleitet. Philipp Haggenmüller gehört das Gebäude, er wurde auf der Hofstelle in Eschach groß. "Mir gefallen alte Sachen, wir machen ein handwerkliches Produkt - und das soll alles handwerklich und im Kleinen, gemütlich passieren", sagt er. "Es heißt ja nicht, dass alles alt sein muss, es kann ja mit was Neuem kombiniert sein und das machts ja erst richtig gemütlich."

Diese Vorteile hat ein Umbau

Durch den Erhalt alter und älterer Häuser wird nicht nur der individuelle Charakter der Orte und ein Teil ihrer Geschichte bewahrt, sondern auch die Umwelt geschont, meint Architekt Florian Aicher. Man müsse wegkommen von der Wegwerfgesellschaft, die Bauwirtschaft verursache noch immer über die Hälfte des deutschlandweiten Müllaufkommens. Je länger Gebäude genutzt würden, desto nachhaltiger sei es, so Aicher. Die CO2-Bilanz eines Umbaus sei im Vergleich zum Neubau "unschlagbar".

Die Politik hat bisher nicht reagiert

Der bundesweite Zusammenschluss "Abrissmoratorium" fordert unter anderem, dass der Abriss von Gebäuden künftig genehmigungspflichtig sein muss. Auf einen offenen Brief an Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) aus dem vergangenen September habe man bisher aber noch keine Antwort erhalten, so Sprecher Alexander Stumm. Durch das Weiternutzen würden Flächen gespart, Umwelt und Klima geschont, es entstünden dadurch weniger Folgekosten für die gesamte Gesellschaft. Und nicht zuletzt würde jeder Ort einzigartig und unverwechselbar bleiben.

Umgebauter Bauernhof bei Buchenberg im Oberallgäu
Bildrechte: Foto Hermann Rupp Kempten

Umgebauter Bauernhof bei Buchenberg im Oberallgäu

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