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Birkinstocks: Teure Sandalen

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    Sandalen für 76.000 Dollar: Künstler entweihen Luxushandtaschen

    Das nennt sich wohl kreative Zerstörung: Das New Yorker Kunstkollektiv MSCHF macht aus Hermès-Luxustaschen superteure "Birkinstock"-Latschen. Ist das Konsumkritik oder geschicktes virales Marketing? Der Erfolg der Truppe spricht für sich selbst.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Die Sohlen sind aus Kork und angeblich Originale des bekanntesten deutschen Sandalen-Herstellers Birkenstock. Doch das Leder und die Schnallen wurden aus "Birkin"-Handtaschen des Luxusanbieters Hermès gefertigt. Deshalb sollen die Treter, die effektvoll im Netz präsentiert werden, pro Paar zwischen 34.000 und 76.000 Dollar kosten, je nach Schuhgröße und "solange der Vorrat reicht". Einmal mehr hat das New Yorker Künstlerkollektiv MSCHF ein bizarres Produkt auf den Markt geworfen, teils Konsumkritik, teils Kunstaktion. "Wir sind einfach davon fasziniert, teure Sachen zu zerstören und daraus neues Zeug zu machen", so der 23-jährige "Strategiechef Daniel Greenberg gegenüber der "New York Times".

    Und Kreativ-Direktor Lukas Bentel, 28, liefert dazu den kunsttheoretischen "Überbau": "Birkin-Taschen sind ein kulturelles Kennzeichen, ein Sinnbild für eine bestimmte Art des Reichtums. Indem wir sie mit tatsächlich erreichbaren Objekten kombinieren, möchten wir den Fetisch in Frage stellen." Außerdem sei das Wortspiel mit "Birkinstock" ganz witzig. Die "New York Times" fühlte sich an Joseph Schumpeter erinnert, der den Begriff der "schöpferischen Zerstörung" einst populär machte.

    Börsentipps aus Horoskopen und Wasserpfeifen aus Gummihühnern

    Seit 2016 sorgt das Team von MSCHF für mediale Aufmerksamkeit, neuerdings jeden zweiten Montag im Monat. So entwickelten die Künstler bereits einen "Jesus-Schuh", dessen Sohle mit Weihwasser gefüllt war, vertrieben Börsentipps, die auf persönlichen Horoskopen beruhten, machten aus Gummi-Hühnern Wasserpfeifen zum Konsum von "weichen" Drogen, starteten auf Youtube einen Kanal, auf dem ausschließlich Videos zu sehen sind, in denen ein Mann Dinge verspeist und boten eine App an, bei der die Nutzer 25.000 Dollar gewinnen konnten, wenn sie ihren Finger nicht vom Display nahmen. Außerdem bezahlte MSCHF Interessierte für Kritik an "bösen" Multis wie Amazon, Facebook und Tesla.

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    Bildrechte: Dafyyd Owen/Picture Alliance

    Rapper "Future": Kunde bei MSCHF

    Die Abkürzung MSCHF soll wohl für "Mischief" stehen, was auch als "Blödsinn" oder "Unfug" übersetzt werden kann. Ob die Firma nun ein Künstlerkollektiv, ein Marken-Pirat oder eine antikapitalistische Guerillatruppe ist, das bleibt vorerst in der Schwebe. Gegenüber dem "Business Insider" sagte Gabriel Whaley, der Chef der siebenköpfigen Truppe, im Januar letzten Jahres: "Eine Marke von was? Keine Ahnung. Ein Unternehmen zu sein würde uns den ganzen Zauber nehmen. Wir versuchen etwas zu machen, was die Welt nicht mal definieren kann."

    Die "Birkinstocks" sind schon ausverkauft

    Was auch immer das Selbstverständnis von MSCHF sein mag, es scheint, dass sie "angekommen" sind, wo auch immer. Der Nachrichtensender CNN berichtet aktuell sehr ausführlich, die "New York Times" adelt die Nachwuchskünstler mit dem Hinweis, sie seien jetzt auf dem "High-Fashion-Radar" erkennbar und mit ihrer bisweilen bizarren Kombination aus Kunst, Technik und Streetwear Teil des sehr gehobenen Popkultur-Diskurses.

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    Bildrechte: MSCHF New York

    Edles Leder, gesunder Kork

    Von den vier "Birkin"-Taschen, die angeblich von MSCHF zum Preis von insgesamt 122.500 Dollar angekauft wurden, sollen bereits drei zu Sandalen verarbeitet worden und an potente Käufer abgeben worden sein, darunter soll ein anonymer Kunstsammler sein, außerdem die Rhythm & Blues-Sängerin Kehlani und der Rapper Future, der sich mit seiner Neuerwerbung auf seinem Instagram-Account brüstete, wie "Uproxx" berichtete. Ein Paar wollen die Leute von MSCHF für sich behalten, so dass die Luxus-Treter so gut wie ausverkauft sein dürften.

    Gezieltes Sakrileg

    Dass die Verehrer von Hermès-Produkten aufschreien, ist natürlich einkalkuliert: "Wir kommen damit klar, gehasst zu werden. Wir wollen nur keine Gleichgültigkeit", so Daniel Greenberg vom Kollektiv, und sein Kollege Kevin Wiesner wird mit dem Satz zitiert: "Wir glauben wirklich, dass in unserer Materialauswahl nichts heilig ist. Normalerweise würde ja niemand eine Birkin-Tasche auch nur anfassen." Es geht also um ein gezieltes Sakrileg in der profanen Welt des Konsums und tatsächlich, wer jemals die Schaufenster der Luxuskonzerne zum Beispiel in der Münchner Maximilianstraße näher betrachtet hat, der weiß: Dort werden Handtaschen gern auf "Altären" in Szene gesetzt und zur "Anbetung" der zahlungskräftigen Fans bereit gehalten. MSCHF gehört auf jeden Fall nicht dazu.

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