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Make Genua great again: Verdis "Simon Boccanegra" in Salzburg | BR24

© Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Zumindest der Herrenschneider hatte seinen Spaß: Andreas Kriegenburgs "Simon Boccanegra" in Salzburg

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Make Genua great again: Verdis "Simon Boccanegra" in Salzburg

Liebe und Eifersucht, Intrigen und Rachedurst und dann noch ein Mordanschlag: Giuseppe Verdis Opernklassiker hat alles, was es braucht. So ganz ist es Regisseur Andreas Kriegenburg dann aber doch nicht gelungen, den prallen Stoff ins Heute zu hieven.

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„Make Genua great again“ – ein Schelm, wer da an Zeitgenossen denken würde. Doch während Giuseppe Verdis emotional aufgepeitschter Politthriller „Simon Boccanegra“ eigentlich im fernen 14. Jahrhundert spielt, geht die aufgebrachte Gesellschaft nun in der Neuinszenierung von Andreas Kriegenburg bei den Salzburger Festspielen per Twittergewitter auf die Bühne.

Es ist wohl so gedacht, als seien der Kampf und die unüberbrückbare gesellschaftliche Spaltung zwischen den Genueser Plebejern und Patriziern hier gleich unter uns fanatischen Handyusern, als seien wir es, die da den Korsaren und neuen Dogen Boccanegra mit unseren Tweets entweder als Verräter oder neue Heilsfigur adressieren.

Emotionaler Höhepunkt: Verschollene Tochter taucht wieder auf

„Make Genua great again“: Wirklich schaffen wird das der Hoffnungsträger Boccanegra auch in den 25 Jahren nicht, die zwischen seinem ungewollten Machtantritt im Prolog und dem Rest der Oper liegen. Noch immer zündeln alle an der weiterhin explosiven gesellschaftlichen Stimmung und zugleich spitzt sich im Geflecht der Politik die hochkomplizierte private Geschichte des Dogen Boccanegra zu, die der Oper ihr tragisch gefühliges Fleisch gibt. Da taucht die lang verschollen geglaubte Tochter wieder auf, da gibt es ihre Liebhaber und solche, die es werden wollen.

Da gibt es Liebe und Eifersucht, Intrigen, Rachedurst und schließlich den Mordanschlag auf den Dogen, der auf den letzten Metern seines durchaus dramatischen Lebens seine Macht in die Hände seines neuen Schwiegersohns legen und sich mit seinem Erzfeind, dem Patrizier Fiesco, versöhnen kann.

Weiter Raum, starke Stimmen

Das ist so ein Stoff aus dem die Opern sind und es ist nicht so einfach, bei all dem „wer ist wer“ und vor allem „wer will was“ jenen hellsichtigen Hintergrund und jene Heilsbotschaft herauszuarbeiten, die in dieser vielleicht politischsten Oper Verdis noch jenseits von Liebe, Mord und Versöhnung stecken. Doch wenn diese Versöhnung von zwei so klangschönen Männerstimmen wie der von Luca Salsi als Simon Boccanegra und der von René Pape als Jacopo Fiesco gesungen wird, dann versöhnt das zugleich wieder ein wenig mit dem sicherlich ernsthaften Versuch von Regisseur Andreas Kriegenburg, diesen Stoff für die Salzburger Festspiele in ein Hier und Heute zu holen, einem Versuch, der dann aber oftmals doch nicht über Opernkonvention vor drapierten Chormassen hinauskommt.

Zwar hat sich Andreas Kriegenburg für seine Inszenierung von Harald B. Thor eine moderne riesenhafte Repräsentativhalle bauen lassen, die auf der einen Seite in schräger Wucht aufsteigt, während sie auf der anderen Seite im massiven Rund beeindrucken will – doch mehr, als dass sich die Figuren sichtbar in ihrer weiten Leere verlieren, kann auch die beeindruckende Kälte dieses Raumes nicht bewirken.

Trotz aller Schwächen: Ein Ereignis

Zugleich sieht man hier noch einmal besonders deutlich, wenn die SängerInnen ins stereotype Fuchteln geraten. Nein, dieser Simon Boccanegra gehört eindeutig der Musik, die von Valery Gergiev und den Wiener Philharmonikern in aller Vehemenz und Schärfe vorangetrieben wird, was dem düsteren Sujet dieser Oper nur gut tut. Und: er gehört neben dem rivalisierenden Väterduo Luca Salsi und René Pape dem jungen Paar Amelia und Gabriele, die in Gestalt von Marina Rebeka und Charles Castronovo dem Melodram jenen liebenden Schmelz verleihen, der diese letzte Opernpremiere der diesjährigen Festspiele trotz allem zu einem Ereignis macht.

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