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Salman Rushdie lässt modernen "Quichotte" durch die USA reisen | BR24

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Salman Rushdie entstaubt in "Quichotte" einen 400 Jahre alten Klassiker und macht daraus eine Road Novel durch das Amerika von Trump. Miguel de Cervantes hätte das wohl gefallen.

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Salman Rushdie lässt modernen "Quichotte" durch die USA reisen

In seinem neuen Roman "Quichotte" holt Salman Rushdie einen 400-jährigen Klassiker in die unwirkliche Wirklichkeit des Fernsehens. Miguel de Cervantes hätte das wohl gefallen.

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+++ Vom 13. November bis 1. Dezember 2019 findet im Kulturzentrum Gasteig das 10. Münchner Literaturfest statt. Der Diwan, das Büchermagazin von Bayern 2, lädt immer werktags um 18 Uhr bekannte Autor*innen zum Gespräch ein. Den Auftakt macht Salman Rushdie am Donnerstag, den 14. November. Im Gespräch mit BR-Moderatorin Cornelia Zetzsche wird er unter anderem über seinen aktuellen Roman "Quichotte" sprechen. Der Eintritt ist frei, das Gespräch wird live auf Facebook übertragen. +++

Das Rezept scheint ganz einfach: Man nehme einen Klassiker, hier den ersten Roman der Weltliteratur "Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha" von Miguel de Cervantes, switche die Zeit 400 Jahre weiter, mache aus dem ritterlichen Hidalgo einen amerikanischen Handlungsreisenden indischer Herkunft, aus Sancho Pansa einen magischen Sohn, der einem Sternschnuppenregen entspringt, aus Rosinante einen Chevy Cruze, Dulcinea zum bildschönen Fernsehstar, und schon hat man den Rahmen für eine Roadnovel in Trumps Amerika und einer Welt der Populisten und Fake News.

Einen Episodenroman mit einer Fülle an Figuren, Anspielungen, Themen und Geschichten über Migration und Rassismus, Trash-TV und irreale Realität, Vater und Sohn, Vergänglichkeit und Alter, Pharma-Konzerne und Korruption, Weltuntergangsfantasien und Erlösung durch die Liebe. All das und mehr enthält Salman Rushdies "Quichotte", französisch gesprochen wie Massenets Oper, die der alter Narr hört.

Rushdie: "Wir haben jede Menge Schundkultur"

Cervantes "Don Quijote" war gedacht als Satire auf die Romanzen seiner Zeit. Auch heute fände er genügend Schundkultur, sagte Rushdie im Interview mit Walter Isaacson: "Was Cervantes vor 400 Jahren gemacht hat, war: Er hat die Schundkultur seiner Zeit parodiert und gesagt, dass all diese Ritter-Romanzen die Menschen verdummen lassen und Don Quijote verdummen lassen. Und ich habe überlegt: Wenn er heute leben würde, was wären die Ziele seiner Angriffe, wen würde er sich vorknüpfen? Und meine Antwort darauf war: Wir haben jede Menge Schundkultur!"

Eine Heldenreise durch Amerika

Tatsächlich ist Rushdies Ritter der Straße deutlich milder und optimistischer als sein Modell. Aber auch er geht auf die "Quest", um sich seiner Geliebten als würdig zu erweisen - diese Reise der Aventuiren zwischen Atlanta und New York. Sieben Täler der Reinigung muss er durchwandern, bis er Salma R., der Angebeteten, begegnet. Täler der Liebe, der Erkenntnis, des Friedens und des Todes.

Zwar verliert Salman Rushdie seinen Quichotte manchmal aus dem Blick, dafür liefert er ein Karussell funkelnder Porträts: vom Pharmazeuten Dr. Smile etwa, der lächelnd mit tödlichen Opiaten Geschäfte macht; von Salma R., dem Star mit illustrer Familie und düsteren Geheimnissen. Oder Quichottes Schwester mit ihrem nüchternen Blick auf den treulosen, egomanen Bruder.

Allegorien einer zerbrechenden Welt

Die gebrochenen Familien sind Allegorien einer zerbrechenden Welt. Dazu gehören auch Quichottes Erinnerungen an die Kindheit in Bombays Warden Road, an die Qual als indischer Schüler im englischen Internat. Ausländer sein, klug sein und unsportlich, das waren die drei größten Makel. Rassismus zu allen Zeiten, in England wie den USA, ist ein roter Faden dieser Roadnovel: In New York wird Sohn Sancho verprügelt – seine braune Haut ist das Kainsmal. In New Jersey mutieren Bürger zu Mammuts und Motel-Betreiber Mr. Ionesco ist verzweifelt.

Auch Eugène Ionescos "Nashörner" waren zu seiner Zeit ein Bild für Nazis, sagt Rushdie: "Ionesco spricht in seinem Stück vom Faschismus, er spricht über Nazis. Er spricht darüber, wie deine Nachbarn plötzlich zu Monstern werden, die man nicht wiedererkennt. Aber es ist als leichte Kömödie verpackt."

Romane als Zauberwürfel

Alle Romane Rushdies sind Zauberwürfel, alles ist in alles verschachtelt und überbordend: Rassisten, Betrüger, Agenten und Hacker bevölkern die Szenen. Kafka, Nabokov, Hans Christian Andersen und die Beatles. Sancho wird zum Pinocchio und Salma R. zu Moby Dick. Namen ventilieren, dass einem die Luft wegbleibt. Dating Shows und andere Exempel von Reality TV vernebeln Quichotte die Sinne.

Die New York Times warf Rushdie vor, er werde vom Enzyklopädisten zum Googleisten und überreize sein Schema mit einem Klassiker, einer Femme Fatale, Mythen und einer Geschichte in der Geschichte. Da ist etwas dran. Zugleich aber besticht sein virtuoses Spiel mit Reality-TV und Realität, Fiktion und Wahrheit; ein verwirrendes Spiegelkabinett von realen und fiktiven Figuren und drei Erzählern: Quichotte, sein Autor im Roman und Rushdie als Erfinder von beiden. Einer spiegelt sich im anderen, alle drei kommen aus Indien, alle drei sind Vertreter einer versunkenen Welt, erzählen eine Vater-Sohn-Geschichte und haben eine todkranke Schwester, alle vereint das Migranten-Schicksal, die zunehmende Gefährdung und Entfremdung in Trumps USA und die beiden zentralen Fragen: Ist in diesem Amerika noch ein Platz für uns? Und: Was ist Realität, was Fiktion?

Diese Parallelen und biographischen Bezüge sind das Material in diesem turbulenten, mitreißenden, sehr persönlichen Roman. Mit nun 72 Jahren nimmt Salman Rushdie – wie sein Quichotte – Abschied vom Indien seiner Kindheit und weiß, die Zeit bis zum Tod ist kürzer geworden. Kein Wunder, dass ihm "Quichotte" so sehr am Herzen liegt wie einst die "Mitternachtskinder".

Salman Rushdie: "Quichotte", Übersetzung: Sabine Herting, Bertelsmann, 25 Euro

Die Lesung auf dem Literaturfest München, um 20 Uhr in der Großen Aula der Ludwig-Maximiians-Universität ist ausverkauft.

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