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Sakrale Kunst: Du sollst dir kein Bildnis machen | BR24

© picture alliance

Eine hinduistische Gottesstatue

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    Sakrale Kunst: Du sollst dir kein Bildnis machen

    Manche Religionen stellen das Göttliche figurativ dar, andere komplett abstrakt. Was ist der Grund dafür?

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    Von
    • Nabila Abdel Aziz

    Von russisch-orthodoxer Ikonenmalerei über lebendig wirkende hinduistische Götterstatuen bis hin zur abstrakten Kunst islamischer Arabesken: abstrakt oder figurativ – verschiedene Religionen stellen sich Gott offenbar ganz unterschiedlich vor. Die islamische Kalligrafie und Ornamentik weisen rein symbolisch auf die Unendlichkeit des Kosmos hin. Ganz anders ist Kunst, die sich auf die menschliche Form konzentriert, um das Göttliche darzustellen, wie zum Beispiel christliche Ikonenmalerei.

    "In der christlichen Offenbarung wurde das göttliche Wort zum Menschen in der Figur Jesus Christus. Deswegen stehen Jesus Christus und seine Mutter Maria auch im Zentrum der christlichen Kunst", sagt Emma Clark. Sie ist Tutorin an der Prince's Foundation School of Traditional Art, einem Lehrinstitut in England, an dem die traditionellen, sakralen Künste der Weltreligionen unterrichtet werden.

    Im Islam ist die Kalligrafie die wichtigste Kunstform

    Während im Christentum die Bildnisse von Jesus Christus, den Heiligen und himmlischen Geschöpfen wie den Engeln die Kunst prägen, gibt es im Islam ein strenges Bilderverbot. Die Kunstformen der Wahl waren deswegen die Ornamentik und die Kalligrafie, sagt Bilal Badat. Er unterrichtet Kunstgeschichte an der Universität Tübingen und hat selbst fünf Jahre lang Kalligrafie in Istanbul studiert: "Die Idee dahinter ist, dass Gott sich dem Menschen über das Medium des Textes offenbarte. Gott sagt in den ersten Versen des Korans , dass er die Menschheit durch den Stift lehrte. Deswegen nehmen der Stift und das Schreiben eine besondere Rolle in der muslimischen Gesellschaft ein. Deswegen wurden Schreiber immer als nicht nur besonders intellektuell oder kultiviert wahrgenommen, sondern auch als besonders spirituelle Menschen." Schrift und geometrische Muster verschaffen in der islamischen Kunst einen Zugang zu Gott.

    Kann man das Göttliche in Worte fassen?

    Warum haben sich diese zwei unterschiedlichen Arten sakraler Kunst entwickelt - die figurative und die abstrakte ? Der Religionswissenschaftler Michael von Brück sagt, in den meisten Religionen existiert eine Spannung zwischen dem Hang zur Abstraktion und dem Bedürfnis, sich ein Bild zu machen vom Göttlichen: "Hier ist ein Widerspruch: Ich kann es nicht in Gedanken oder Formen fassen und es gibt die Notwendigkeit, in Formen zu denken; dieser Widerspruch durchzieht die gesamte Kunstgeschichte und die gesamte Symbolik der Religionen."

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    Abstrakte islamische Kunst in Fes, Marokko

    Das Bilderverbot verlor im Christentum seine Gültigkeit

    Im Hinduismus gab es bereits in den ältesten Schriften Hinweise darauf, dass alle Bilder nur Symbole sind und das Göttliche nicht in Menschen- oder Tiergestalt dargestellt werden kann, sagt Michael von Brück. Auch Christen diskutierten die Frage intensiv: Während im Alten Testament noch steht, "Du sollst Dir kein Bildnis machen", wurde im 8. Jahrhundert im Zweiten Konzil von Nicäa festgelegt, dass Gott durch die Fleischwerdung in Jesus Christus sichtbar wurde und das Abbildungsverbot deshalb nicht mehr gültig sei. Jedoch dürfen die Abbildungen selbst nicht angebetet werden. Sie dienen als Fokus für die Verehrung des letztlich nicht darstellbaren Göttlichen, so legte es das Konzil dar.

    Und auch im Islam ist es nicht eindeutig. Trotz des strengen Bilderverbots entstanden im Laufe der Geschichte immer wieder Miniaturen, die islamische Heilige und die Familie des Propheten Muhammad und den Propheten selbst zeigten. Muslime haben aber nie versucht, Gott selbst in Bildern auszudrücken.

    Die meisten Religionen besitzen figürliche und abstrakte Kunstformen

    Der Vorteil der figurativen sakralen Kunst: Sie bringt das Göttliche ganz nah an den Menschen heran. Wut, Liebe, Glückseligkeit, Lust, Zärtlichkeit, nackte Körper, prachtvolle Kleider, Tiere, Dämonen, Szenen von kriegerischen Göttern, von Meditierenden - alle irdischen Zustände sind in den Kunstwerken abgebildet. Michael von Brück sagt, es entwickle sich eine "mächtige Präsenz, die den Menschen auch direkt emotional treffe", wenn man das Göttliche bildlich darstelle. Gleichzeitig haben Menschen immer wieder über die Gefahr reflektiert, das Göttliche mit dem Abgebildeten zu verwechseln.

    Keine Religion scheint ausschließlich abstrakte oder ausschließlich figürliche Kunst zu besitzen. Es ist vielmehr eine Frage der jeweiligen Epoche und der vorherrschenden theologischen Strömung.

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