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Saisonarbeiter ohne Abzocke: Gemüsebauer beweist, dass es geht | BR24

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Der Preisdruck auf dem Lebensmittelmarkt ist immens. Man muss möglichst günstig produzieren, um auf dem Markt zu bestehen. Meistens bekommen das die Saisonkräfte zu spüren. Dabei geht es auch anders, wie ein Gemüsebauer aus Nürnberg zeigt.

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Saisonarbeiter ohne Abzocke: Gemüsebauer beweist, dass es geht

Der Preisdruck auf dem Lebensmittelmarkt ist immens. Man muss möglichst günstig produzieren, um auf dem Markt zu bestehen. Meistens bekommen das die Saisonkräfte zu spüren. Dabei geht es auch anders, wie ein Gemüsebauer aus Nürnberg zeigt.

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7.00 Uhr morgens im Nürnberger Knoblauchsland. Rund 60 Erntehelfer aus Osteuropa sind schon auf den Beinen. Sie ernten Tomaten, Paprika, Gurken und Auberginen – bei fast tropischen Temperaturen im Gewächshaus. Adrian David, 30, kam vor sieben Jahren zum ersten Mal zum Gemüsehof Scherzer. Inzwischen ist er der Vorarbeiter, er überwacht die Arbeit seiner Landsleute. Wie die meisten hier kommt er aus Rumänien. Er sei wegen des höheren Lohns nach Deutschland gekommen, erzählt er auf Deutsch. Zuvor habe er ein paar Jahre in Italien gearbeitet. In Rumänien sah er keine Möglichkeit, genug Geld für seine Familie zu verdienen.

300.000 Saisonarbeiter aus Osteuropa arbeiten in der Landwirtschaft

Jedes Jahr arbeiten rund 300.000 Saisonarbeiter aus Osteuropa in der deutschen Landwirtschaft. Einige bleiben nur ein paar Wochen, andere ein paar Monate und dann gibt es Leute wie Adrian – er wohnt inzwischen das ganze Jahr über in Nürnberg, gemeinsam mit seiner Frau Adina und seinem einjährigen Sohn Stefan. In Rumänien ist ein deutscher Mindestlohn viel Geld. Auch seine Schwester und seine Schwägerin arbeiten zeitweise hier, fast alle Saisonarbeiter kommen aus der Nähe seines Heimatdorfs in der Nähe von Satu Mare. Denn wenn ein Erntehelfer zufrieden mit den Arbeitsbedingungen ist, wollen auch Familie, Freunde und Nachbarn auf diesem Betrieb arbeiten und Geld verdienen.

Der Gemüsehof Scherzer in Nürnberg ist so ein Betrieb, seit Jahren kommen häufig immer wieder die gleichen Arbeiter. Für Geschäftsführer Stefan Scherzer hat das viele Vorteile. Zunächst sei es eine Bestätigung, dass der Betrieb als attraktiver Arbeitgeber geschätzt werde. Das steigere die Zuverlässigkeit und den Fleiß der Mitarbeitenden. Zum anderen sei es so, dass sie schon gut eingearbeitet seien und schneller arbeiten könnten als wenn immer wieder neue Saisonarbeiter.

Ohne Saisonarbeitskräfte bleiben die Regale leer

Stefan Scherzer führt inzwischen den Familienbetrieb und erinnert sich, dass schon der Großvater Saisonarbeiter beschäftigte, einige Arbeiter kennt er schon seit der Kindheit. Ohne Saisonkräfte sei die Landwirtschaft nicht vorstellbar: "Ohne Saisonarbeitskräfte, das muss man ganz ehrlich sagen, bleiben die Regale leer. Das Traurige ist ja, dass die Lebensmittel so billig sein müssen, dass die Arbeit keiner mehr machen will."

Der Preisdruck auf dem Lebensmittelmarkt ist immens. Man müsse möglichst günstig produzieren, um auf dem Markt zu bestehen, erklärt Scherzer. Manchmal so sehr, dass die Saisonkräfte das spüren. Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen Erntehelfer keinen Mindestlohn bekommen, obwohl er ihnen zusteht. Viele kennen ihre Rechte kaum oder wissen nicht, wie sie diese einfordern können. Die Saisonkräfte sind dem Wohlwollen ihres Arbeitgebers ausgeliefert.

Corona macht Probleme sichtbarer

Corona hat diese Abhängigkeit noch sichtbarer gemacht. Im niederbayerischen Mamming infizierten sich im Sommer mehrere hundert Saisonarbeiter mit Corona. Der Fall sorgte für Aufmerksamkeit und beleuchtete auch Probleme, die weniger mit Corona zu tun haben. Eine Beratungsstelle der DGB wirft dem Betrieb vor, die Arbeiter nicht korrekt bezahlt zu haben, die Personalausweise seien ihnen abgenommen worden, es hätte keinen Arbeitsvertrag gegeben. Zudem – ausschlaggebend für die Infektionen - seien zu viele Menschen auf engstem Raum in Containern untergebracht gewesen.

Eigene Küchen und Beachvolleyballplatz

Stefan Scherzer hat für seine Saisonarbeiter ein anderes Konzept. Sie sollen sich wohlfühlen, damit sie wiederkommen. Auch deshalb hat er vor ein paar Jahren ein Haus für sie gebaut. Die Zweibettzimmer sind mit eigenem Bad und Küche ausgestattet, es gibt zwei Waschräume, eine Grillstelle und einen Beachvolleyballplatz. Gerade baut er ein Apartmenthaus, in dem auch Familien wohnen können. Einige Landwirte im Knoblauchsland sind seinem Beispiel gefolgt.

Stefan Scherzer ist einer der wenigen, der ohne Bedenken Einblicke in das Leben der Erntehelfer in seinem Betrieb zulässt. Aber er weiß auch, dass seine Voraussetzungen andere sind. Durch seine Gewächshäuser ist er dem wechselnden Wetter nicht ausgeliefert, er hat er das ganze Jahr über Saisonarbeiter vor Ort, die in den Zimmern wohnen. Das unterscheidet den Betrieb von Landwirten, die beispielsweise hauptsächlich Spargel oder Erdbeeren anbauen und nur wenige Monate im Jahr viele Helfer aus Osteuropa beherbergen.

Irgendwann zurück nach Rumänien

Vorarbeiter Adrian David und seine kleine Familie wohnen im obersten Stockwerk des Hauses in einer richtigen Wohnung. Zwei Mal im Jahr fahren die beiden in die Heimat und besuchen ihre Familien. Sie fühlen sich wohl in Deutschland und wollen noch einige Jahre bleiben. Aber irgendwann möchten sie auch zurück. Mit dem in Deutschland verdienten Geld haben sie begonnen ein Haus zu bauen, in dem sie später leben möchten.