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"Sag Schibbolet!": Grenzgänge im Jüdischen Museum München | BR24

© Bayern 2

Wer gehört dazu – und wer nicht? Das entscheidet sich an Grenzen, sichtbaren und unsichtbaren. Das Jüdische Museum zeigt spannende Arbeiten von zwölf Gegenwartskünstlern, die sich mit Grenzen befassen. Joana Ortmann im Gespräch mit Stephanie Metzger.

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"Sag Schibbolet!": Grenzgänge im Jüdischen Museum München

Wer gehört dazu – und wer nicht? Das entscheidet sich an Grenzen, sichtbaren und unsichtbaren. Das Jüdische Museum zeigt spannende Arbeiten von zwölf Gegenwartskünstlern, die sich mit Grenzen befassen. Und es geht keineswegs nur um Territorien.

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"Sag Schibbolet!" Damit zwangen zur Zeit der israelitischen Stammeskriege die Gileaditer am Grenzfluss Jordan alle Grenzgänger zu einer Sprachprobe. Denn ihre Feinde, die Ephraimiten, konnten statt "Schibbolet" nur "Sibbolet" sagen, verrieten sich also und wurden getötet, so berichtet es das Alte Testament.

Sprache als Instrument der Ausgrenzung

"Wie die Geschichte von Schibbolet zeigt: Ein Dialekt kann Zugehörigkeit erzeugen und Gemeinschaften wecken, aber in Zeiten, in denen Konflikte zutage treten, wird Sprache zu einem Instrument, das ausgrenzt und spaltet", so Boaz Levin, Kurator der Ausstellung im Jüdischen Museum München. Er hat ausgehend von dieser Geschichte internationale Künstler versammelt, die viele Arten der Grenze thematisieren: geografische, kulturelle, soziale, sichtbare, unsichtbare.

Lawrence Abu Hamdan zum Beispiel: Seine riesige Grafik mit unzähligen Symbolen auf blauem Grund ist eine fast ornamentale Kartografie der Sprachentwicklung bei Migranten. Sie ist angelehnt an Sprachanalyse-Verfahren, wie sie in Behörden bei Asylsuchenden zur Bestimmung ihrer Herkunft angewandt werden. Und zeigt zugleich deren Absurdität, denn Sprache ist gerade bei Migranten ein Hybrid.

© Lawrence Abu Hamdan

Lawrence Abu Hamdan, "Conflicted Phonemes" (2012)

Eine Grenze, die trennt und mischt

Bei Sophie Calle werden großformatige Fotos des Erouvs von Jerusalem zur Metapher von durchlässigen Grenzen. Erouv, das ist der Schabbat-Zaun, mit dem die Juden das Verbot unterlaufen, am Schabbat im öffentlichen Raum Dinge zu transportieren. Ein starkes Bild, voller Vision, die latent in vielen der anspruchsvollen Arbeiten in der Ausstellung steckt. "Erouv, das wäre eine gute Vision oder ein Ausdruck für eine Grenze, die trennt und zugleich mischt", sagt Kurator Boaz Levin. "Ich finde, das wäre eine gute Lösung: Erouv, zumindest metaphorisch und wenn man es ein bisschen abtrennt von der politischen Gegenwart. Als Metapher, finde ich, ist das ein starkes Bild."

© Franz Kimmel

Sophie Calle, "L'Erouv de Jérusalem" (1996)

© BR

Mit sichtbaren und unsichtbaren Grenzen beschäftigt sich eine Ausstellung mit dem Titel "Sag Schibbolet".

Die Ausstellung "'Sag Schibbolet!' Von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen" ist im Jüdischen Museum München bis zum 23. Februar 2020 zu sehen.

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