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Bildrechte: Sven Simon/Picture Alliance

Die italienische Sängerin und Schauspielerin Milva ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Ihre Karriere hatte in den 1960er Jahren in Italien begonnen. In Deutschland wurde Milva in den 70ern mit deutschsprachigen Chansons bekannt.

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Rot war ihre Farbe und Leidenschaft: Sängerin Milva gestorben

Sie war eine überzeugte Sozialistin, begeisterte mit ihren Interpretationen von Bertolt-Brecht-Songs. Der Tango war ihr ebenso wenig fremd wie der italienische Schlager: Beim Festival in Sanremo war sie Dauergast. Milva wurde 81 Jahre alt.

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Von
  • Peter Jungblut

Unvergessen der Augenblick, als Milva im August 2006 bei der Gedenkveranstaltung zum 50. Todestag von Bertolt Brecht auf die Bühne des Berliner Ensembles kam. Ganz langsam schritt sie nach vorn, warf ihre rote Mähne theatralisch aus dem Gesicht, fesselte das Publikum mit einem einzigen Blick und gurrte mit unglaublicher Präsenz los, obwohl sie damals schon gesundheitliche Probleme hatte.

Der Saal tobte. Die Diva hatte es noch drauf, war so kantig, lebenssatt und kämpferisch, und wie es sich für Brecht-Texte gehört. Als Kind war sie übrigens dürr und schwarzhaarig, ihr Markenzeichen, die roten Haare, verschaffte sie sich selbst: Mit 19 ging sie zum Friseur und verlangte "ihre Farbe".

Milva wollte eigentlich Schneiderin werden

"La Rossa", die "singende Sozialistin", Tochter einer Schneiderin und eines Fischers aus dem kleinen Ort Goro an der Adriaküste, wollte nach eigener Aussage "nie Sängerin werden", das sei "absolut nicht" ihr Traum gewesen: "In Wirklichkeit bin ich in einem kleinen Dorf zur Welt gekommen, wo die Leute eher einfach waren. Ich wollte zeichnen, malen, nähen. Ich wollte Schneiderin werden, tolle Kleider nähen."

Dauergast bei Schlagerwettbewerben

Ihre Herkunft aus einfachsten Verhältnissen hat Milva nie vergessen. Weil ihr Vater früh mittellos wurde, war sie weitgehend auf sich allein gestellt. Sie zog nach Bologna und nahm bei einem Gesangswettbewerb teil, um an Geld zu kommen: "In den 50er und 60er Jahren waren die Musikdirektoren und -produzenten um mich keine Intellektuellen, sondern ordinäre Arschlecker. Ich wurde aggressiv, um mich gegen sie zu wehren."

In Sanremo, beim dortigen berühmten Schlagerwettbewerb, war sie zwischen 1961 und 2007 Dauergast, siegte allerdings kein einziges Mal. Der zweite Platz mit "Tango Italiano" 1962 war ihre beste Platzierung. Sie war populär, aber musikalisch wohl zu anspruchsvoll unterwegs für das Schlagerpublikum. Deshalb nannte sie ihre Repertoire auch lieber "gute Unterhaltungsmusik", worunter sie neben Brecht-Gedichten Lieder von Theodorakis, Vangelis und Mikroutiskos verstand.

"Erotik ist eine Frage der Eleganz"

Als der "Focus" sie mit 57 noch "feurig" fand, antwortete sie trocken: "In meinem Alter von Erotik zu sprechen finde ich vulgär. Das geht mir auf die Nerven." Gleichwohl fand sie es natürlich großartig, immer noch "verführerisch" zu wirken: "Erotik ist etwas sehr Diskretes, Subtiles. Man hat sie, oder man hat sie nicht. Ich freue mich, wenn man mich in meinem Alter noch für erotisch hält. Aber es wird gefährlich, wenn ich auch noch mit 60 Jahren erotisch sein will. Das wäre ein Versuch, weiter den Männern zu gefallen. Ich denke, Erotik ist eine Frage der Eleganz."

Am Mailänder Piccolo Teatro war sie unter der Regie von Giorgio Strehler die Seeräuberjenny in der "Dreigroschenoper", Deutsch wurde nach und nach "ihre zweite Muttersprache". Zwar machte die Sängerin kein Hehl daraus, dass sie links stand, mit der praktischen Politik wollte sie allerdings nichts zu tun haben, von den italienischen Sozialisten war sie enttäuscht.

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Bildrechte: Bodo Schackow/Picture Alliance

Kämpferisch, erotisch: Milva

Zusammen mit Al Bano trat sie bei der ZDF-Hitparade auf, auch in der DDR ging sie auf Tour. Als talentierte Diva schreckte sie weder vor Edith-Piaf-Chansons zurück, noch vor Liedern, die einst Zarah Leander interpretiert hatte. 2006 bekommt sie das Bundesverdienstkreuz. "Manchmal bin ich glücklich, manchmal bin ich sehr müde", sagte Milva schon mit siebzig der österreichischen "Presse", damals probte sie gerade den "Besuch der Alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt: "Meine Stimmung schwankt. Ich wollte in Zukunft sehr viel weniger arbeiten, weil fünfzig Jahre, das ist doch einfach genug! Aber dann kam das Angebot mit dem Dürrenmatt, und ich war so fasziniert. Ich habe den Text ein Jahr lang studiert."

"Man sollte keine Idiotin aus Leidenschaft werden"

Zur politischen Lage ihres Heimatlandes hatte Milva klare, wenn auch nicht unumstrittene Ansichten: "Mit Italien geht es schon seit zwanzig Jahren bergab. Dabei hat dieses Land den größten Reichtum an Kultur im Verhältnis zu seiner Größe. Amerika, Deutschland, jedes andere Land hätte etwas Großartiges daraus gemacht. In Italien ist das leider nicht möglich."

Mit 21 heiratete sie den doppelt so alten Maurizio Corgnati. Ihre Tochter Martina, die später Kunstkritikerin wurde, empfand Milva als "Rivalin", sie sei nämlich bei der Geburt selbst noch ein Mädchen gewesen. Später habe sie bereut, dass sie "keine großartige Mutter" gewesen sei und ihre Tochter oft alleine gelassen habe. Sie sei selbst ängstlich gewesen und habe, bis sie 17 war, geglaubt, "dass nachts der Tod kommt und mich holt": "Ich war immer bei meiner Mama im Bett." Und dass sie ihren ersten Mann wegen einem anderen verließ, als sie 28 war, bedauerte die Sängerin sehr: "Man sollte keine Idiotin werden aus Leidenschaft. Und ich bin es geworden."

Milva wurde später selbst von ihrem Geliebten Massimo Gallerani nach 15 Jahren Beziehung sitzen gelassen und musste den Selbstmord ihres letzten Ehemannes, des Schauspielers Luigi Pistilli verarbeiten, der sich auf einer gemeinsamen Tournee im Kleiderschrank erhängte. Sie durchlitt Depressionen und klagte im Alter über Gedächtnisprobleme. 2010 beendete sie offiziell ihre Karriere, machte 2011 für Stephan Sulke und 2012 für den "Musikantenstadl" jedoch noch mal Ausnahmen.

Im Alter von 81 Jahren ist die Schauspielerin, Schlager- und Chansonsängerin gestorben. Das berichteten italienische Medien unter Berufung auf Milvas Tochter Martina Corgnati, mit der die Künstlerin in Mailand lebte.

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