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Sänger und Dirigenten wollen gegen Bayerns Corona-Politik klagen | BR24

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Mindestens 25 Bühnenkünstler wollen gerichtlich gegen die Schließung von Theatern und Konzertsälen im Freistaat vorgehen. Sie sehen bei den aktuellen Maßnahmen den Verfassungsrang von Kultur nicht ausreichend berücksichtigt und fordern Lockerungen.

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Sänger und Dirigenten wollen gegen Bayerns Corona-Politik klagen

Mindestens 25 Bühnenkünstler wollen gerichtlich gegen die Schließung von Theatern und Konzertsälen im Freistaat vorgehen. Sie sehen bei den aktuellen Maßnahmen den Verfassungsrang von Kultur nicht ausreichend berücksichtigt und fordern Lockerungen.

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Von
  • Peter Jungblut

Selbst für gerichtliche Eilentscheidungen ist die Bayerische Staatsregierung mitunter zu schnell: Eigentlich wollten 25 international renommierte Bühnenkünstler noch heute gegen die Corona-Maßnahmen vor den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof ziehen, doch weil seit gestern mit der Ausrufung des Katastrophenfalls durch die Staatsregierung schon wieder eine neue Rechtslage gilt, dauert es jetzt noch ein paar Tage, bis die Initiative ihre Klageschrift aktualisiert hat.

Anwalt: Konzerte haben ähnliches Recht wie Gottesdienste und Demos

Konkret sehen die Künstler, darunter die Tenöre Kevin Conners und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, der Bariton Christian Gerhaher und der Dirigent Hansjörg Albrecht, den Verfassungsrang von Kultur beeinträchtigt. Wie Rechtsanwalt Wolfram Hertel von der Kanzlei Raue in Berlin bei einer Pressekonferenz in München erläuterte, steht die Kultur prinzipiell ähnlich weitgehend unter dem Schutz des Grundgesetzes wie die Religions- und Versammlungsfreiheit. Während jedoch Gottesdienste und Demonstrationen weiterhin stattfänden, seien Theater und Konzertsäle geschlossen. Das sei zwar im "Einzelfall" möglich, so Hertel, nicht jedoch "pauschal" und längerfristig. Daher rechne er damit, dass der Verwaltungsgerichtshof die bestehenden Einschränkungen für Kulturveranstaltungen aufheben werde.

Dass die Kultur von Bundes- wie Landespolitikern regelmäßig in einem Atemzug mit "Freizeiteinrichtungen" und "körpernahen Dienstleistungen" wie Nagelstudios und Masseuren genannt wird, erbost die Künstler ebenso wie den von ihnen beauftragten Anwalt. Der erläuterte, dass es juristisch gar nicht einfach sei, gegen den Teil-Lockdown vorzugehen. So hätten die 25 beteiligten Sänger und Dirigenten allesamt Engagements bis zum 20. Dezember gehabt und seien durch die Absage der Auftritte persönlich in ihren beruflichen Rechten eingeschränkt.

Weitere Künstler wollen sich anschließen

Das Datum galt ja bis vor kurzem als Stichtag, bis zu dem die kritisierten Infektionsschutzmaßnahmen in Kraft sein sollten. Jetzt, wo Ministerpräsident Markus Söder nach dem Beschluss des bayerischen Kabinetts verschärfte und verlängerte Regeln ausgerufen habe, könnten sich weitere von stornierten Auftritten betroffene Künstlerinnen und Künstler der Initiative anschließen. 77 haben bereits ihre Unterstützung signalisiert.

© Peter Jungblut/BR

Bariton Christian Gerhaher

Wenn der Spielbetrieb nicht baldmöglichst wieder aufgenommen wird, fürchtet Bariton Christian Gerhaher eine "Entwöhnung" des Publikums von Opern- und Konzertaufführungen. Er habe persönlich die Erfahrung gemacht, so Gerhaher, dass in der Schweiz selbst die vergleichsweise wenigen Plätze für seine Konzerte nicht alle verkauft werden konnten. Das liege einerseits sicherlich daran, dass Menschen Angst hätten, derzeit an Veranstaltungen teilzunehmen, aber auch daran, dass immer mehr traditionelle Besucher die Kultur buchstäblich aus den Augen verlören. Er fürchte, so der Bariton, dass die Corona-Krise auf die spätere "Akzeptanz" der Kulturangebote und auf die finanzielle Lage der Anbieter erhebliche Auswirkungen haben werde.

Staatsoper verweist auf erfolgreiches Hygienekonzept

Gerhaher verwies darauf, dass Künstleragenturen kaum in den Genuss von Entschädigungen kämen, dasselbe gelte für freiberufliche Sänger. Er jedenfalls sei auch schon vor fünfzig Zuschauern aufgetreten und habe damit kein Problem, antwortete Gerhaher auf die Frage, wie er sich denn eine Übergangsregelung für Theater vorstelle. Tenor Kevin Conners von der Bayerischen Staatsoper hielt das Hygienekonzept des Hauses für in jeder Hinsicht vorbildlich. Auch bei 500 Besuchern habe es keine Infektionen gegeben, wie dem Abschlussbericht vom 3. Dezember zu entnehmen sei. Mediziner vom Münchner Klinikum rechts der Isar hätten bestätigt, dass es keine "erhöhte Infektionswahrscheinlichkeit" gegeben habe.

Tenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke betonte die "besondere Verantwortung" der Politiker hierzulande, wenn es um den Schutz der Kultur gehe. Historisch habe Deutschland durch die Erfahrungen im Nationalsozialismus und in der DDR die Pflicht, Künstler bei ihrer Berufsausübung sehr viel umfassender zu unterstützen, als das in anderen europäischen Ländern der Fall sei. Gleichwohl verwies der Sänger auf die jüngste Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der ausdrücklich die Rolle der Kultur für sein Land gewürdigt habe - eine Haltung, die deutsche Politiker in dieser Deutlichkeit vermissen ließen. Im Übrigen öffneten die Theater in Frankreich wieder zum 15. Dezember und selbst die Ausgangssperre ab 21 Uhr ändere daran nichts, da Eintrittskarten für Passanten, die noch auf dem Nachhauseweg seien, gegenüber Kontrolleuren als Beleg gälten.

Auf Abstand üben: schwierig

Theater wie die Pariser Oper verlegten ihre Vorstellungen auf 18 Uhr und zeigten sich damit so flexibel, wie es die Lage erfordert. Ablinger-Sperrhacke kritisierte auch, dass bayerische Politiker im vergangenen Sommer die Salzburger Festspiele als "sportlich" verspottet hätten, weil dort im Großen Festspielhaus bis zu 1000 Zuschauer anwesend sein durften. Trotzdem habe es keine Infektionen gegeben, was der Tenor als Bestätigung dafür nahm, dass das "Schachbrettmuster" bei den Sitzplätzen funktioniert habe.

Das Argument, in den USA und Großbritannien seien die Bühnen fast durchweg bis September 2021 geschlossen, ließen die Künstler nicht gelten. Dort müssten sich die Kulturbetriebe rein privat finanzieren. Dirigent Hansjörg Albrecht fürchtet sogar, dass etwa Knabenchöre, die monatelang nicht proben könnten, nach der Pandemie erhebliche Nachwuchsprobleme bekommen könnten. Das Üben auf zwei Meter Abstand sei keine Alternative, "weil wir uns dann nicht ausreichend hören können".

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