Uniformierter hält Drohne vor dem Start
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Drohnenkrieg: Ukrainischer Soldat im Einsatz

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Russlands Armee unter Druck: "Kleiner Rückzug, große Folgen"

Putins Generäle sprechen von einer Frontbegradigung auf "günstigere Positionen", Söldnerführer Prigoschin nennt es Flucht, Blogger warnen vor Panikmache: Der Kreml sieht stürmischen Zeiten entgegen, womöglich mit "großen Personalveränderungen".

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Die Sprach- und Sprechakrobaten der russischen Propaganda haben derzeit viel zu tun, gilt es doch, einen Teilrückzug zu beschönigen. Offiziell besetzten russische Truppen nördlich der umkämpften Stadt Bachmut "günstigere Positionen" in der Nähe eines Stausees, um "die Stabilität der Verteidigung zu erhöhen". Diese halbgare Formulierung der Armeeführung ließ Söldnerführer Prigoschin nicht ruhen: "Jetzt werde ich zum nächstgelegenen Hauptquartier gehen, wo ich es erklären kann, und ich werde erläutern, was es wirklich ist. Was [Armeesprecher] Konaschenkow gesagt hat, nennt man leider Flucht und nicht Umgruppierung." Es gebe leider immer noch russische Propagandisten, so Prigoschin, die die Lage verharmlosten und wie Rotkäppchen den "bösen Wolf für die Oma" hielten. Die Schönfärberei der Armeeführung werde zur "allgemeinen Tragödie" für Russland.

"Zumindest Anschein von Ordnung herstellen"

Inoffiziell war zunächst von einem Rückzug von zwei Kilometern die Rede gewesen, was nicht dramatisch klingt, aber nach Auffassung des kremlnahen Politologen Sergej Markow durchaus ernsthafte politische Konsequenzen haben könne, nach dem geflügelten Wort "kleine Ursache, große Wirkung". Markow will "große Personalveränderungen" nicht ausschließen: "Die Situation hat sich dort gravierend verändert, da die Feuerkontrolle der russischen Armee über die Straße von Tschassiw Jar nach Bachmut stark beeinträchtigt worden ist. Das heißt, die Versorgung der Streitkräfte der Ukraine in Bachmut geht jetzt für uns sehr nachteilig durch die Felder." Mittlerweile kommen allerdings immer neue Meldungen aus Bachmut, wonach russische Einheiten ihre Stellungen fluchtartig verließen.

Unter russischen "Ultra-Patrioten" haben die Generäle keinen leichten Stand: "Prigoschin bleibt leider keine andere Wahl, als Napalm auf diejenigen zu gießen, die, um es in einer derben Sprache auszudrücken, Chaos in Bezug auf die Munitionsversorgung anrichten. Und wir haben keine andere Wahl, als darauf zu reagieren, wenn auch nicht immer in der von uns zunächst erhofften Weise", heißt es in einer düsteren Analyse des russischen Fachportals "Topwar". Jeder, der die Söldner Prigoschins unterstütze, sei für die "echte" Niederlage der Ukraine und nicht etwa für einen Sieg "auf dem Papier", den die offiziellen Streitkräfte offenbar anstrebten. Putin müsse das Verteidigungsministerium "irgendwie wachrütteln" und "zumindest den Anschein von Ordnung" wiederherstellen.

"Lügen und mangelnde Kontrolle"

In russischen Telegram-Blogs wird zunehmend vor Panik und Hysterie gewarnt. Je mehr von einer ukrainischen Offensive die Rede sei, desto nervöser werde die Öffentlichkeit: "In den Köpfen von Menschen, die von der Front entfernt sind, entsteht wohl oder übel Angst, die dem Bewusstsein der Gesellschaft die kritische Distanz und die Konzentration auf reale Dinge erschwert." Bei der Ursachenforschung für die desolate Lage der russischen Armee in Bachmut und an anderen Frontabschnitten sind die Blogger nicht gerade zurückhaltend: "Einer der Gründe für das, was passiert ist, sind Lügen und mangelnde Kontrolle."

"Für Russland demütigend"

Andere Telegram-Kolumnisten räumten ein, Russland sei "mental nicht bereit" für eine Offensive der Ukraine, der "Kippschalter in den Köpfen" sei noch nicht umgelegt: "Ich möchte alle daran erinnern, dass die Kombination aus hoher psychischer Anfälligkeit und methodischer Informations- und Sabotagearbeit des Feindes uns in Panik versetzen kann, in der sich die Führung einer der an die Spezialoperationszone angrenzenden Regionen fast schon befunden hätte." Der gerade gegründete "Club der wütenden Patrioten" wetterte auf seiner ersten Pressekonferenz: "Die russischen Streitkräfte sind in ihrem derzeitigen Zustand nicht zu entschlossenem Handeln fähig. Diese Situation ist für den russischen Staat demütigend."

"Je böser, desto besser"

Das US-Portal "Foreign Affairs" glaubt unterdessen nicht, dass Putin in nächster Zeit vom zunehmend unwirschen Prigoschin abrückt. Dort ist von einem "verborgenen Machtkampf" im Kreml die Rede: "In dieser Situation könnten sogar Prigoschins ungeheuerliche Angriffe Teil des Plans sein: Je mehr er sich wie ein böser Hofnarr verhält, desto besser." So habe es schon Putins großes Vorbild Zar Peter gehalten. Allerdings übersehe Prigoschin dabei, dass sich die Welt seit dem 17. Jahrhundert weitergedreht habe: "Viele Teile der russischen Gesellschaft, insbesondere die Bürokratie des Landes, beobachten die Eskapaden des Wagner-Chefs mit Entsetzen und Abscheu. Im Moment verbraucht Wagner mehr Munition als jede andere russische Einheit, was nur gerechtfertigt sein kann, solange Wagner das tut, was Prigoschin versprochen hat – nämlich Fortschritte in Bachmut zu erzielen."

Wenn der Plan schiefgehe, so "Foreign Affairs", könne das wie eine "kolossale Verschwendung von Ressourcen" aussehen: "Aber ob Putin einen schweren Wagner-Rückschlag als Kapitalverbrechen ansehen würde, ist eine andere Frage." Der russische Präsident habe auch andere Handlanger sehr effektiv und nachhaltig "ausgenutzt", so die Analyse, etwa den Ex-Präsidenten und jetzigen Stellvertreter des Sicherheitsrats, Dmitri Medwedew, der nach dieser Sichtweise ebenfalls eine Art "Hofnarr" ist. Er hält sich mit extremistischen Blogs im Gespräch: So empfahl er dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj, sich "wie einst Hitler mit Hunde-Gift" umzubringen.

"Kein Rückhalt in russischer Elite"

Putin komme es vor allem darauf an, den undurchsichtigen Armee-Apparat unter Kontrolle zu halten, wofür Prigoschin ein ideales Gegengewicht sei. Dabei könne der Söldner-Chef und Kriegsunternehmer dem Präsidenten politisch nicht gefährlich werden: "Er ist sich bewusst, dass er niemals eine politische Bedrohung für Putin darstellen wird, da er außer Putins eigener Schirmherrschaft keinen anderen Rückhalt in der russischen herrschenden Elite hat. Und Putin hat darauf geachtet, dass das so bleibt." Es erscheint sogar wahrscheinlich, dass Putin die wüsten Beschimpfungen "genießt", mit denen Prigoschin die Armee überzieht. Jedenfalls wollen Blogger mit Beziehungen zum ukrainischen Geheimdienst erfahren haben, dass Putin seine Generäle selbst ständig schmäht, weil sie die ausgegebenen strategischen Ziele verfehlen.

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