Der oberste Kirchenmann Russlands hat seine ganz eigene Sicht auf den Ukraine-Krieg - und in russischen Medien bekommt er dafür viel Raum. Der Angriff sei erfolgt, meint Patriarch Kirill (75), weil es speziell im Donbass "eine grundsätzliche Ablehnung der sogenannten Werte" gebe, "die heute von denen angeboten werden, die die Weltmacht" beanspruchten.
Die Worte fielen während einer Predigt in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale am gestrigen "Sonntag der Vergebung". Russische Medien verweisen bei der Gelegenheit darauf, dass Kirill den Krieg zwar nicht "offen" unterstütze, aber Argumente bei der Hand habe, um ihn zu "rechtfertigen".
Kirill sieht im Kampf "metaphysischen Sinn"
Es sei eine Zumutung, von Menschen zu verlangen, "Schwulenparaden" zu ertragen, so der Patriarch; dies sei der wichtigste Punkt bei der "sehr einfachen und entsetzlichen Loyalitätsprüfung" zwischen West und Ost. Vergebung bestehe darin, auf der "Seite Gottes" zu stehen.
Die Bevölkerung im Donbass wolle diese Gay-Pride-Demonstrationen nicht. Der Kampf habe "keinen physischen, sondern einen metaphysischen" Sinn: "Schwule Paraden sollen zeigen, dass Sünde eine Spielart des menschlichen Verhaltens ist. Um in den Club dieser Länder aufgenommen zu werden, ist es daher notwendig, eine Gay-Pride-Parade abzuhalten. Ein politisches Statement abzugeben nach dem Motto 'Wir sind an eurer Seite' reicht nicht, Abkommen zu unterzeichnen auch nicht, sondern wir sollen eine Schwulenparade abhalten. Und wir wissen, wie sich Menschen diesen Forderungen widersetzen und wie dieser Widerstand gewaltsam unterdrückt wird."
Patriarch sieht "Grenze zwischen Heiligkeit und Sünde" verwischt
Er wisse, so Kirill, "dass orthodoxe Menschen, Gläubige, die in diesem Krieg den Weg des geringsten Widerstands wählen, leider nicht über alles nachdenken, worüber wir heute nachdenken, sondern demütig dem Weg folgten, den die Machthaber ihnen zeigten". Und weiter: "Wir verurteilen niemanden, wir werden dem Gesetz der Liebe treu sein und der Gerechtigkeit, und wenn wir Verstöße gegen dieses Gesetz sehen, werden wir uns niemals mit denen abfinden lassen, die dieses Gesetz zerstören und die Grenze zwischen Heiligkeit und Sünde verwischen, und noch mehr mit denen, die die Sünde als Modell (...) fördern."
Kirill rühmt den Frühling - ein Hinweis auf 2014?
Das alles sei keineswegs nur von "theoretischer" oder "spiritueller" Bedeutung, sondern so wichtig, dass darum gerade ein Krieg geführt werde. Daneben pries Kirill den Frühling als eine Jahreszeit, in der "die Säfte in die Höhe schießen" und Bäume wiederbelebten: "Der Frühling ist die Wiedergeburt des Lebens, er ist Erneuerung, er ist neue Kraft."
Russische Staatsmedien nahmen das als versteckten Hinweis auf den mitunter verwendeten Kampfbegriff vom "Russischen Frühling" zu den Ereignissen im Jahr 2014, als die ostukrainischen Gebiete im Donbass und um Luhansk bei einem Militäreinsatz von Separatisten mit Hilfe getarnter russischer Truppen de facto abgetrennt und annektiert wurden.
Propaganda berichtet von zwiespältigem "Blutwunder"
Daneben treibt die religiöse Propaganda immer grellere Blüten, die mitunter die Grenze zur Satire überschreitet: Das auflagenstarke Boulevardblatt "Komsomolskaja Prawda" meldete, an einer Ikone in der Hauptkirche der russischen Streitkräfte im Moskauer "Patrioten-Park" sei ein "Blutwunder" festgestellt worden. Was es bedeute, darüber könnten jedoch keine Angaben gemacht werden. Die Ikone werde verehrt, weil sie die "bösen Herzen der Feinde milde" stimme. Dabei hat das Bild keinerlei kunsthistorischen Wert: Es handelt sich um einen modernen Kunstdruck. Er soll das erste Mal beim Untergang des U-Boots "Kursk" im August 2000 rote Flüssigkeit abgesondert haben, was demnach kein gutes Zeichen für die russische Armee wäre.
Käßmann: Kirchen müssen zum Frieden aufrufen
Die evangelische Theologin Margot Käßmann hatte die Haltung der russisch-orthodoxen Kirche im Ukraine-Krieg kritisiert. Der Moskauer Patriarch Kyrill I. schweige und nehme das Wort "Krieg" nicht in den Mund, schrieb die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in der "Bild am Sonntag". Kirill habe die Gegner der russischen Armee in der Ukraine sogar als "Kräfte des Bösen" bezeichnet.
"Kirchen müssen zum Frieden aufrufen, und Krieg klar ablehnen", so Käßmann: "Niemals darf sich eine Kirche nationalistisch begründen und mit nationalen Zielen identifizieren", schrieb die Theologin in ihrer Kolumne weiter."
Ein Europarats-Gremium hatte Russland im vergangenen Oktober Versäumnisse vorgeworfen, was die Bekämpfung von Rassismus und Intoleranz betrifft. Ein Gesetz, das "positive Äußerungen über Homosexuelle vor Kindern" unter Strafe stelle, sei immer noch in Kraft, obwohl das Gremium schon im März 2019 die Abschaffung gefordert hatte.
In einer umstrittenen Verfassungsänderung wurde festgelegt, dass eine Ehe nur zwischen Mann und Frau möglich ist. Homosexualität als solche ist in Russland zwar nicht strafbar, sie wird aber weitgehend tabuisiert.
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