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Warum Berge eine so tiefe Faszination auf den Menschen ausüben | BR24

© Bayern 2

Eine Gebirgswanderung ist nicht nur Naturerlebnis, sondern auch Selbsterfahrung. Zum 150-jährigen Jubiläum des Deutschen Alpenvereins erklärt Soziologe Hartmut Rosa, wie sich das Erlebnis intensiviert und was die Stille der Bergwelt in uns bewirkt.

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Warum Berge eine so tiefe Faszination auf den Menschen ausüben

Eine Gebirgswanderung ist nicht nur Naturerlebnis, auch nicht bloß Sport, sondern ebenfalls: Selbsterfahrung. Aber wieso? Zum 150-jährigen Jubiläum des Deutschen Alpenvereins erklärt Soziologe Hartmut Rosa, was die Stille der Bergwelt in uns bewirkt.

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Hohe Gipfel, tiefe Täler: Viele Menschen lieben die Berge. Aber warum? Der Soziologe Hartmut Rosa, Professor an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, hat sich vor dem Hintergrund seiner Resonanztheorie mit der Faszination der Bergwelt auseinandergesetzt.

Christoph Leibold: In einem Vortrag an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München haben Sie den Ruf der Berge "resonanztheoretisch" gedeutet. Das muss man vielleicht erst einmal erklären, was das bedeutet. Es hört sich ja ein bisschen nach Echo an, meint aber doch etwas Anderes.

Hartmut Rosa: Ja, es meint in der Tat etwas Anderes, weil ich glaube, wenn wir in die Berge gehen, begegnen wir nicht nur uns selber. Das ist nicht ein reines Echo, wie wir es vielleicht tatsächlich vom akustischen Echo kennen, wo wir unsere eigene Stimme hören. Sondern wir erfahren uns selbst, weil wir mit etwas Anderem in Kontakt treten. Die Berge werden für uns zu so etwas wie einem Resonanzraum, wo wir etwas Eigengesetzlichem, Anderem begegnen. Und in dieser Begegnung bildet sich so etwas wie eine Achse heraus zwischen unserem Innersten, von dem wir das Gefühl haben, das können wir da endlich wieder spüren, und diesem großen weiten Raum der Berge, dem wir gegenüberstehen. Dieses Gegenüberstehen ist eben nicht nur ein reines Echo, sondern ist Resonanz, weil wir versuchen, auf die Natur, auf das Andere, auf die Berge oder vielleicht auch auf den Bach zu hören und dabei auch uns selber – sozusagen antwortend – ins Spiel zu bringen.

Ich zitiere Sie aus einem anderen Interview, um das zusammenzufassen: "Resonanz meint einen Zustand, in dem ich mich berührt oder bewegt fühle, aber zugleich auch die Erfahrung mache, selbst jemanden berühren oder bewegen zu können." Das klingt zunächst so, als bräuchte man ein Gegenüber, den Mitmenschen. Aber wenn ich alleine in die Berge gehe, kann sich ja auch einiges bewegen; wahrscheinlich sogar noch mehr, als wenn ich in Begleitung unterwegs bin, oder?

Das ist tatsächlich so. Die Naturerfahrung intensiviert sich, wenn wir alleine sind. Wenn wir mit einem geliebten Menschen zusammen sind, dann kann sich das gelegentlich auch verstärken. Aber spätestens bei einer Gruppenwanderung ist es tatsächlich so, dass der Kommunikationsraum der Gruppe zu überwiegen beginnt. Und was die Frage angeht, ob der Berg antwortet, das ist interessant: Da wird man erstmal sagen, natürlich tut er das nicht. Der Berg interessiert sich nicht dafür, was ich tue. Aber das Gefühl, das Menschen haben, wenn sie in die Berge gehen, ist tatsächlich eines von Verbunden-Sein und von Miteinander-Lebendig-Sein. Wir sagen ja auch häufig, diese Landschaft spricht mich an oder dieser Berg sagt mir was. Da hat man tatsächlich das Gefühl, dass sich fast so eine Art von Antwortverhältnis zu den Bergen einstellt.

© dpa

Professor Hartmut Rosa

Wer in die Berge geht, setzt sich bewusst auch dem Risiko aus, auch wenn das vielleicht heute nicht mehr so groß ist wie früher. Trotzdem: Die Gefahr oder vielleicht auch die Grenzerfahrung, wenn man sich verausgabt oder beim Bergsteigen an sein Limit geht – intensiviert das diese Resonanzmomente?

Das kommt ganz auf den Typ an. Man kann feststellen, dass es zwei Haltungen zum Berg gibt. Die eine Haltung ist die, die auf sportliche Leistung ausgelegt ist und wo die Idee ist: Ich muss den Berg bezwingen; ich muss da Leistung bringen oder mich beweisen. Das ist dann auf Optimierung angelegt und wird die Resonanz nicht vertiefen. Resonanz ist eine Haltung des Hörens und Antwortens, die gar kein bestimmtes Ziel hat. Ich spreche oft von Ergebnisoffenheit als einem Grundmoment von Resonanz. Wenn einer auf Wanderung geht, dann weiß er zwar in der Regel, wohin er geht. Aber was da passiert, an welcher Weg-Ecke ihn die Natur oder ein Tier oder eine Pflanze berühren oder welche Aussicht, welcher Himmel mit ihm etwas macht, das ist tendenziell ergebnisoffen. Wenn ich dagegen keinen Blick mehr habe für die Pflanzen, die Tiere oder den Himmel oder auch für das, was sich in mir bewegt, weil ich gegen die Uhr laufe oder weil ich so in der Steilwand hänge, dass ich um mein Leben fürchte, dann ist das etwas, was eher der Steigerung als einer Resonanz-Orientierung dient.

Jeder wird, je nach Typ, Resonanzmomente woanders suchen und finden, mancher zum Beispiel auch in der Kunst, im Kunst-Erleben wie im -Schaffen. Was unterscheidet die Berge von anderen Resonanzräumen, was ist das Spezifische?

Dass die Berge im wörtlichen Sinne einen Raum darstellen, und zwar einen sehr großen Raum. Man fühlt sich in einen weiten Raum hineingestellt, bei dem tatsächlich physisch so etwas wie eine Achse spürbar wird. Mein Innerstes ist irgendwie verbunden mit dieser riesigen Weite. Wir reden ja auch oft von der Majestät oder der Stille der Bergwelt. Diese Stille wird aber nie als Langeweile erfahren, sondern gerade als etwas Positives, weil es diesen Zugang von innen nach außen auch physisch stiftet. In den Bergen bin ich leiblich einbezogen, nicht nur über das Hören und Sehen, sondern auch über den Wind, über das Fühlen, über die Anstrengungen, die mir vielleicht das Steigen macht. Das ist eine ganz körperlichere Resonanz, als wir sie zum Beispiel im Museum haben. Da können wir zwar einem Bild gegenüberstehen, aber die Betrachtung ist im Wesentlichen nur eine kognitiv-symbolverarbeitende. Am Berg ist das eine noch stärkere leibliche, sinnliche Erfahrung.

© picture alliance/APA/picturedesk.com

Blick von der Marxenhöhe auf den tief verschneiten Watzmann.

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Autor
  • Christoph Leibold
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