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Ruderboot in Seelen-Not: "Tristan und Isolde" in Frankfurt | BR24

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Ganz viel Leere und ein scharfer Schwarz-weiß-Kontrast dominiert bei Katharina Thomas' Inszenierung von Richard Wagners buddhistisch inspiriertem Musikdrama. Die Bilder sind zu wenig originell und zu harmlos, doch Dirigent und Sänger überzeugen.

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Ruderboot in Seelen-Not: "Tristan und Isolde" in Frankfurt

Ganz viel Leere und ein scharfer Schwarz-weiß-Kontrast dominiert bei Katharina Thomas' Inszenierung von Richard Wagners buddhistisch inspiriertem Musikdrama. Die Bilder sind zu wenig originell und zu harmlos, doch Dirigent und Sänger überzeugen.

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Wer im Tretboot in Seenot geraten will, der muss sich ja nur den gleichnamigen Schlager anhören. Im Ruderboot in Seelen-Not zu geraten dauerte an der Oper Frankfurt dagegen etwas länger, genauer gesagt knapp fünf Stunden, aber dafür endet die Reise auch nicht nur im Abendrot, wie bei Fräulein Menke, sondern im Nirwana, bekanntlich das buddhistische Paradies. Dort zu ertrinken, zu versinken, das war für Richard Wagner höchste Lust, und in "Tristan und Isolde" hat er sozusagen seine Vorfreude darauf komponiert.

Sehnsucht nach dem Verlöschen

Gar nicht so einfach, für soviel Philosophie passende Bilder zu finden, eigentlich sogar unmöglich, und so setzten Regisseurin Katharina Thoma und ihr Ausstatter Johannes Leiacker auf größtmögliche Leere - ins Nirwana gehen ja nicht mal Leidenschaften rein, eigentlich gar keine menschlichen Bedürfnisse, außer die Sehnsucht nach dem Verlöschen. Dafür steht sinnbildlich ein strahlend weißer Raum, rundherum beleuchtet von Neonröhren. Darin eine schwarze Fläche, Symbol der Nacht, der Finsternis, der Auflösung, des Scheiterns.

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Versinken, Ertrinken

Das erwähnte Ruderboot liegt in allen drei Aufzügen bereit, aber wozu? Zur Fahrt ins Nichts, wie am Ende deutlich wird. Bühnenbildner Johannes Leiacker bediente sich dabei beim berühmten Gemälde des Romantikers Caspar David Friedrich, "Das Eismeer": Dort zerschellt bekanntlich ein Forschungsschiff im Packeis, dramatisch türmen sich die Eisschollen, zerquetschen Takelage und Planken, längst eines der augenfälligsten und ganz nebenbei auch deutschesten aller Bilder der Vergeblichkeit.

Halb Schiffsdeck, halb Totenfloß

Leider wurde das Gemälde schon so oft von Ausstattern zitiert, dass die Idee nun wirklich nicht mehr originell ist. Und das galt letztlich für die Gesamtausstattung dieser Inszenierung. Alles weglassen ist eben noch kein schlüssiges Konzept, und die wenigen Ausrufezeichen, die dann in den Raum gestellt werden, müssten im Idealfall so aufwühlend, so erschütternd sein, dass sie "Tristan und Isolde" über fünf Stunden tragen. Katharina Thoma hat dieses Regieglück nicht. Immerhin, die schwankende schwarze Fläche am Anfang, halb Schiffsdeck, halb Totenfloß, machte was her.

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Auf der Schräge

Doch Irina Bartels hatte dermaßen hässliche Kostüme entworfen, dass sie ständig von den wenigen Stärken dieser Inszenierung ablenkten. So musste Isolde in einer Art Daunen-Schlafsack auftreten und später in einer Robe wie vom Abi-Ball Hof halten, das sollte sie wohl jugendlich aussehen lassen, war aber nur peinlich, ebenso wie der Bowler-Hut von König Marke und die Käppis und Parkas einer wohl britischen Jagdgesellschaft. Stimmt, die Oper spielt teilweise in Cornwall, aber das ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Rosamunde Pilcher. Und als Satire war das alles zu viel zu harmlos.

Kopfschmerzen im Paradies

Das gilt übrigens auch für die vielen Whisky-Flaschen, die Katharina Thoma auffahren ließ: Tristan und Isolde lassen sich bei ihr voll laufen, statt am Zaubertrank zu nippen. Auch eine Art Nirwana, allerdings eines, in das immerhin noch Kopfschmerzen reinpassen, also kein streng buddhistisches.

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Englischhorn als Trost

Dirigent Sebastian Weigle ging recht forsch und flott an die Arbeit, fast schon hemdsärmelig. Statt im Detail die philosophischen Abgründe auszuloten und sich dafür die nötige Zeit zu lassen, setzte er auf einen straffen Zugriff, ohne dabei freilich jemals effekthascherisch zu werden. Ein metaphysisches Hör-Abenteuer war es somit nicht, aber dafür überraschend unterhaltsam, textverständlich und bühnentauglich.

Nirwana ist das Schwerste

Gefeiert wurde Tenor Vincent Wolfsteiner als Tristan für seine beeindruckende konditionelle Leistung über alle drei Aufzüge hinweg. Als Schauspieler hätte er noch eine Spur leidenschaftlicher sein können, stimmlich und bei der Artikulationsgenauigkeit blieben keine Wünsche offen. Sehr überzeugend auch Andreas Bauer Kanabas als König Marke und Claudia Mahnke als Brangäne, beide verschluckten nicht eine Silbe. Für die britische Sopranistin Rachel Nicholls als Isolde galt das nicht: Kaum ein Wort von ihr war verständlich, ihre Stimme wirkte durchgehend überanstrengt, verhärtet und nervös. Den warmströmenden, "mild und leise" klingenden Ausdruck ließ sie völlig vermissen. Insofern ein durchwachsener Opernabend in Frankfurt, aber Buddhisten wissen natürlich: Nirwana ist das Schwerste.

Wieder am 25. Januar, sowie 1. und 9. Februar 2020 an der Oper Frankfurt, weitere Termine.

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