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Tanz um den Pokal: "Roxy und ihr Wunderteam" in Berlin | BR24

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Einmal mehr räumte Paul Abrahams Swing-Operette von 1937 mächtig ab: Die Sport-Satire lebt von jazziger Tanz-Musik, anzüglichen Texten und hohem Tempo. An der Komischen Oper Berlin gelang Stefan Huber ein so rasanter wie überdrehter Show-Abend.

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Tanz um den Pokal: "Roxy und ihr Wunderteam" in Berlin

Einmal mehr räumte Paul Abrahams Swing-Operette von 1937 mächtig ab: Die Sport-Satire lebt von jazzigen Rhythmen, anzüglichen Texten und hohem Tempo. An der Komischen Oper Berlin gelang Stefan Huber ein so rasanter wie überdrehter Show-Abend.

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Kann das wahr sein, dass diese durch und durch irre, aber eben auch irre unterhaltsame Fußball-Operette fast sechzig Jahre vergessen war und nirgendwo aufgeführt wurde? Kaum zu glauben, aber tatsächlich wurde "Roxy und ihr Wunderteam" erst vor ein paar Jahren von der Dortmunder Oper wieder ausgegraben, im Ruhrgebiet steht der Fußball ja besonders hoch im Kurs. Seitdem war "Roxy" auch schon in Augsburg zu sehen und jetzt konnte sie an der Komischen Oper Berlin ihre Qualitäten beweisen. Um es vorwegzunehmen: Das Publikum war einmal mehr hingerissen, obwohl, oder gerade weil die Handlung total abstrus ist und im Übrigen auch nicht sonderlich viel mit Fußball zu tun hat.

© Iko Freese/Komische Oper Berlin

Internatsleiterin Tötössy (Andreja Schneider) auf dem Bock

So wollte Komponist Paul Abraham damit ursprünglich künstlerisches Kapital schlagen aus den Welterfolgen der ungarischen Wasserballer Anfang der 1930er Jahre. Später dichtete er die Operette auf die sensationellen Triumphe der österreichischen Fußballnationalmannschaft um, in der heute gezeigten Fassung sind es dann wieder die ungarischen Spieler. Genauso gut passt die rasante Musik auf Basketballer, Handballer oder auch Hockeyspieler, pendelt Abraham doch zwischen amerikanischem Jazz und Folklore. Wie es sich für die Operette gehört, geht es um Liebe, allerdings auch um eine Satire auf den Sport ganz allgemein, oder besser gesagt auf alle Leute, die ihn zu ernst nehmen. Das waren zur Zeit der Uraufführung, 1937, vor allem die Nazis, die die Olympischen Spiele im Jahr zuvor bekanntlich zur dubiosen Propagandashow gemacht hatten und den Körperkult zur Staatsideologie.

© Iko Freese/Komische Oper Berlin

Der Fußball wird es richten

Keusche Sportler auf erotischen Abwegen

Entsprechend hämisch kommentiert "Roxy" keusche Männer im Trainings-Wahn, die von Internatsschülerinnen auf erotische Abwege gelockt werden. Regisseur Stefan Huber und sein Ausstatter Stephan Prattes machten daraus in Berlin einen so fulminanten wie temporeichen Abend, der optisch, tänzerisch und musikalisch überzeugte. Klar, die Geschwister Pfister gaben dem Ganzen eine derb schräge Note nah am Varieté. Christoph Marti in der Titelrolle sang so tief wie Zarah Leander und tanzte so unbekümmert wie Madonna beim Eurovision Song Contest. Tobias Bonn, im wirklichen Leben sein Ehemann, gab den rabiaten Mittelstürmer mit kerniger Stimme gänzlich ohne tenoralen Schmelz. Da konnte selbstredend gar keine Operettenseligkeit, aber auch kein Kitsch aufkommen, das klang eher nach Musical.

Tormann rockte die Produktion

Und weil auch Andreja Schneider mit von der Partie war, die resolute Domina mit osteuropäischer Charakterfärbung, war das mit einer gehörigen Brise Comedy gewürzt. Zumal mit Jörn-Felix Alt ein in jeder Hinsicht überzeugender Tormann "Hatschek 2" mitspielte, der ebenso leidenschaftlich steppte wie liebte und dadurch die ganze Produktion rockte. Sie alle kreisen um einen riesigen Fußball, der auf der Drehbühne aufragt, und sich bei näherem Hinsehen als Showtreppe und Arena erweist.

© Iko Freese/Komische Oper Berlin

Wird der Mittelstürmer weich?

Zwischen Puszta-Sound und Jazz

Dirigent Kai Tietje begleitete die Abenteuer der Fußballer streckenweise mit dem vorgeschnallten Akkordeon. Seine schwerste Aufgabe war es, einigermaßen fugenlos zwischen dem streichersatten Puszta-Sound und dem scharfen, vom Saxophon geprägten Jazz hin und her zu schalten, bisweilen das Geschehen auch genau zwischen beiden Stimmungs-Ebenen in der Schwebe zu halten. Komponist Paul Abraham selbst liebte die Improvisation, die übrigens immer zur Operette gehörte, aber leider schon lange aus der Mode ist. Heute wollen Orchestermusiker Sicherheit und klare Abläufe, sind nicht mehr gewohnt, auf Winke des musikalischen Leiters eigene (Ab-)Wege zu beschreiten.

Aber auch ohne Spontaneität im Orchestergraben war "Roxy und ihr Wunderteam" eine dreistündige Swing-Party zum Mitwippen, Mitlästern, Mitklatschen. Kein bisschen alt klingt diese Musik, kein bisschen muffig die Dialoge, und das lag an einer zeitgemäßen Überarbeitung des Regieteams, das derbe Zoten nicht scheute und Geschlechterrollen kräftig persiflierte. "Roxy" wird gewiss noch auf manch anderem Spielplan jede Menge Tore schießen.

Wieder am 7., 13., 15. und 19. Juni, weitere Termine.

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