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Sattes Rot trifft harten Stahl: "Rot X Stahl" im Lechner Museum | BR24

© Werner Hutmacher, Berlin

"Rote Trombe" Ein nach untern offenes glockenartiges Zelt in Pink von Rupprecht Geiger hinter einer Stahlskulptur von Alf Lechner

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Sattes Rot trifft harten Stahl: "Rot X Stahl" im Lechner Museum

Zwei Künstler klotzen und erhöhen sich gegenseitig: Alf Lechner, der Mann, der tonnenschwere Stahlplatten fast zum Schweben bringt, und der Maler Rupprecht Geiger, dessen Rot alles energetisiert. "Rot X Stahl", eine Ausstellung in Ingolstadt.

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Zwei Künstler, die klotzen. Der eine mit roter Farbe, der andere mit Stahl. Rupprecht Geiger und Alf Lechner verbindet die große Geste. "Rot X Stahl" (gesprochen: Rot mal Stahl) ist der Titel der Ausstellung im Ingolstädter Alf-Lechner Museum, die die beiden Künstlerfreunde zu einem energiegeladenen Match verbindet, wie die Leiterin des Geiger-Archivs und Enkelin des Malers Julia Geiger betont. "Was mich sehr erstaunt hat, ist, dass die Werke von Alf Lechner und Rupprecht Geiger so gut zusammen passen. Sie haben eine klare, strenge, einfache Formensprache und so kann ein Dialog zwischen den Gemälden, in Farbe getränkt und den eher mächtigen, wuchtigen Rostarbeiten von Alf Lechner gut zusammen kommen."

"Rot ist Leben, Energie, Potenz"

Der erste Auftritt ist der Farbe vorbehalten. Eine sechs Meter hohe monochrome rote Leinwand nimmt den Besucher in Empfang. Ein Bild zum Eintauchen in vibrierende pure Farbenergie. Rot war dem Maler Erquickungsvorrat: "Rot ist Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe, Wärme, Kraft. Rot macht high", war Geigers Credo. Zurück auf den Boden holt einen dann eine Lechnersche Kugel aus Stahl mit schrundiger, fast erdiger Oberfläche, die wie zufällig in den Ausstellungsparcours gerollt zu sein scheint. "Dann schaut die ja so ganz handsome eigentlich aus, aber wenn ich Ihnen sage, dass die über zehn Tonnen Gewicht hat, dann merkt man erst, was da dahinter ist. Aber Sie spüren das Gewicht, man nimmt das nicht wahr, weil die Kugel als Form so leicht zu sein scheint, aber da ist eine physische Spannung da.", sagt Daniel McLaughlin.

© Werner Huthmacher, Berlin

Leuchtend rotes Gemälde von Rupprecht Geiger. Im Vordergrund zwei wellenförmig gebogene Stahlskulpturen von Alf Lechner

McLaughlin ist der ist der Adoptivsohn von Alf Lechner und hat zusammen mit Julia Geiger die Schau kuratiert. Als Hommage an zwei Künstler, die dem Zusammenspiel von Präzision und Mysterium auf der Spur sind, mal tonnenschwer und getränkt von Farbe, mal in filigranen Bögen und hauchzarten Farbmodulationen. Rupprecht Geiger und Alf Lechner erhöhen sich gegenseitig – ein geglücktes Zusammenspiel, bei dem das Karge der Abstraktion und die meditative Einfachheit irgendwann umschlagen in Unbegrenztheit und Freiheit. Da liegt etwa eine tonnenschwere Platte auf dem Boden, vor der sich wiederum eine kühne Stahlwelle erhebt, eindeutig ausbalanciert, sodass ihr Gleichgewicht ganz selbstverständlich, ja naturgegeben wirkt. "Es schaut eben leicht aus, und dieses Gefühl einer sehr präzisen Form aus dem Walzwerk und einer sich auflösenden Form dazu und das gegenseitige Stabilisieren schafft auch diesen Zusammenhang, der bei Alf Lechner so wichtig ist", erklart McLaughlin. "Dass er eben aus einer Intervention, sei es ein Schnitt, sei es eine Biegung, sei es eine Drehung, eine Veränderung oder verschiedene Teile schafft und dann aus diesen Elementen wieder ein neues Ganzes zusammenstellt unter einer neuen Ordnung."

Eine kühne Stahlwelle von Alf Lechner

Bögen, Romben, Kugeln, Platten, Kreise oder halbe Kreise: abstrakte Formen, gewonnen aus Stahl, einem industriellen Konstruktionsmaterial ohne poetische Erblast, das Alf Lechner zwischen Schwerkraft und Gleichgewicht zu geradezu leichtsinniger Eleganz treibt. Seine Arbeiten sind trotz ihrer Größe und Schwere nie aufdringlich oder anmaßend, sondern erinnern vielmehr an den Geist der Renaissance, als Skulptur ihr Umfeld zu aktivieren hatte.

© Werner Huthmacher, 2020

Das Alf Lechner Museum in Ingolstadt mit der aktuellen Ausstellung "Rot X Stahl"

Farbe tanken im pinken Zelt

Rupprecht Geigers monochrome rote oder in feine Farbübergänge aufgefächerte Malerei entwickelt im Dialog zu den rostigen Stahlplastiken eine Objekt-Selbständigkeit, die eine architektonische Qualität gewinnt und auch die Skulpturen zum Teil ihrer Farbenergie macht. Ihre fluoreszierende Intensität verdanken die Farbtafeln Tagesleuchtpigmenten, die das Militär üblicherweise für Markierungen einsetzt und Rupprecht Geiger als erster Künstler schon in den 1950er-Jahren in die Malerei eingeführt hat. Dass sich das Thema der Formen der Farbe und ihrer Energie nicht nur unendlich variieren lässt, sondern auch einen Quantensprung erlaubt, zeigt Geigers "Rote Trombe": ein sieben Meter hohes glockenartiges Zelt, dessen unregelmäßige Stoffbahnen in ein pinkes Rot eingefärbt sind. Man kann sich unter den Rand ducken und hineingehen."Rupprecht hat immer versucht, sich von der Gegenständlichkeit zu entfernen", sagt Julia Geiger. "Er reduziert immer mehr sein Formenvokabular, damit der Betrachter sich rein auf die Farbe konzentrieren kann. Es geht ihm darum, dass man Farbe tanken kann, für ihn hat die Farbe eine positive Energie, die auf den Betrachter überspringen sollte."

"Rot X Stahl" – eine Formel, die man aus der Schau mitnimmt und die sich bei Bedarf mühelos aktivieren lässt. Als Formel des Gleichgewichts und der Farbkraft, der Schönheit.

Mit der Ausstellung "Rot X Stahl" feiert das Lechner Museum Ingolstadt am 20. Februar sein 20-jähriges Bestehen.

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