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Mit Kitsch stellte Rosamunde Pilcher fast alle in den Schatten | BR24

© picture alliance / AP Photo

Schriftstellerin Rosamunde Pilcher (Aufnahme von 2005)

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Mit Kitsch stellte Rosamunde Pilcher fast alle in den Schatten

Rosamunde Pilcher ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Für viele Kritiker waren ihre Romane nur leicht konsumierbarer Kitsch. Doch Pilcher verstand es, dort auch tiefe Weisheiten zu vermitteln.

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"Nennen Sie es ruhig Kitsch!", hat sie einem Reporter mal zugerufen. Wir können nicht umhin, ihr nun nachzurufen: Jawohl, wir nennen es Kitsch. Wir wissen nicht, ob Rosamunde Pilcher Hermann Broch gekannt hat. Wohl eher nicht. Aber besagter Broch, selbst Schriftsteller, hat zum Problem des Kitsches einmal bemerkt: "Der Kitsch ist nicht etwa 'schlechte Kunst'. Er bildet ein eigenes, und zwar geschlossenes System, das wie ein Fremdkörper im Gesamtsystem Kunst sitzt oder, wenn Sie wollen, neben ihm sich befindet: es lässt sich [...] mit dem System des Antichrist in seinem Verhältnis zu dem des Christ vergleichen."

Harte Worte sind das. Aber Broch hat gerechterweise darauf hingewiesen, dass kein Kitsch-Kunst-Produzent ohne den Kitsch-Kunst-Konsumenten auskommt, und von den "Kitsch-Menschen" - schönes Wort von Broch - gibt es reichlich, ja: Millionen. Sie leben, was Rosamunde Pilchers Publikum betrifft, vor allem in Deutschland. In keinem anderen Land der Welt hat sich die zigfach verfilmte sogenannte "Romantik-Queen" in so enormen Mengen verkauft.

Homestory mit feministischer Botschaft

Man muss nur eine Pilcher-Pilgrim-Fahrt unternommen haben, um zu ahnen, was ihr Werk auszeichnet. Ihr schmaler Roman "Ende eines Sommers" liest sich wie eine kaum verhohlene Homestory aus den schottischen Highlands, in denen sie seit Kriegsende lebte. An einer Stelle von "Ende eines Sommers" wird die Pilcher grundsätzlich: "Weibliche Wesen", liest man da, "Frau oder Freundin", seien in Schottland lange Zeit von allen Unternehmungen der Männer ausgeschlossen gewesen. Keine Pub-Besuche, keine Teilnahme an Begräbnisfeiern, keine Moorhuhn-Jagden. Ein schlimmer Zustand, dem Pilchers Erzählerin aber mit dieser großartigen Erkenntnis entkommt: "Wir mussten also selbst für unsere Unterhaltung sorgen."

Seit ihrer Heirat mit einem Textilunternehmer unterhielt sich die Pilcher und andere, indem sie ihre Stoffe zu leicht konsumierbaren Geschichten verwebte. Indem sie bis ins hohe Alter Bücher schrieb auf einer alten Hermes 3000. Dazu auf ihrem Küchentisch vermutlich eine Tasse kräftigen Klischee-Kaffee. Mädchen sind bei ihr zwar manchmal "hasenherzig". Aber was legt die Großmutter der Heldin, die sich "nie gewünscht" hat, "einen Beruf auszuüben", in "Ende eines Sommers" ans Hasenherz? "Jedes Mädchen sollte in der Lage sein, seinen Unterhalt selbst zu verdienen." Solche tiefen Weisheiten bügelte die schreibende Hausfrau Rosamunde Pilcher in Bücher.

Ein Kritiker bezeichnete ihr Werk als "Schöner-Wohnen-Pornographie"

Junge Männer sehen bei ihr "sauber und gebürstet" aus und riechen "köstlich nach Rasierwasser". Sie fahren Autos, deren Motoren entweder "knurren" oder "grollen" wie wütende Tiger. Ein wütender Tiger muss auch jener Kritiker gewesen sein, der vor Jahren mit eiserner Pranke Pilchers "Schöner-Wohnen-Pornographie" hinwegfegen wollte. Allein es glückte ihm nicht. Aus gutem Grund: Wenn man, mit einem Wort Theodor Fontanes, eine "Gemütlichkeitsrangliste" der Trivialliteratur erstellen wollte, dann war das Œuvre der Rosamunde Pilcher jener ganz oben an der Spitze rangierende heimelige Ort, an dem vor allem frau sich niederlassen wollte und sich gut einrichten konnte.

Die Liebesromancière, einst im Krieg Marine-Helferin beim Women’s Royal Naval Service, widerstand und trotzte allem Rezensenten-Unmut. Wie ihre Heldinnen, die am Ende siegen und auch vor Glück nicht weinen. Wie Jane Marsh, die sich am Ende jenes einen Sommers sagt: "Man weint nicht, wenn man glücklich ist, das machen nur Menschen in Büchern." Menschen vor Büchern ließen es sich gesagt sein, und dachten daran, dass Rosamunde Pilcher in Dundee am Firth of Tay lebte, wanderte und gärtnerte. Eben dort, wo Fontanes Ballade von der "Brück am Tay" spielt. Auch Rosamunde Pilcher, die in Cornwall geborene Muschelsucherin, wird sie gekannt haben, die Schluss-Zeilen der Hexe am Ende jenes Gedichts. Sie lauten, man höre die seltsame Weise: "Tand, Tand / Ist das Gebilde von Menschenhand."

© dpa

Der Nachruf auf Rosamunde Pilcher zum Hören

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