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Rosa Luxemburg: Die zielstrebige Revolutionärin | BR24

© Kate Evans / Karl Dietz Verlag Berlin GmbH 2018

Illustration von Kate Evans aus ihrer Graphic Novel "Rosa"

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Rosa Luxemburg: Die zielstrebige Revolutionärin

Mit zwei sehr unterschiedliche Biografien beleuchten der Historiker Ernst Piper und die Illustratorin Kate Evans das Leben von Rosa Luxemburg zu ihrem 100. Todestag. Eine ausführlich, sanft und sachlich – die andere eindringlich mit starken Bildern.

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Rosa Luxemburg, das wird in Ernst Pipers Biographie deutlich, muss eine charismatische und unerhört zielstrebige Frau gewesen sein. Im Mai 1898 traf die 27-jährige Polin, aus Zürich kommend, in Berlin ein. Wenige Tage nach ihrer Ankunft begab sie sich schnurstracks zur Parteizentrale der SPD und verlangte den großen Vorsitzenden August Bebel zu sprechen. Der war gerade nicht da, aber auch Parteisekretär Ignaz Auer, ein gelernter Sattler aus dem Landkreis Passau, erkannte auf Anhieb, dass ihm da ein politisches Talent gegenübersaß. Sie wolle sich in den Dienst der mächtigsten Arbeiterpartei Europas stellen, erklärte Rosa Luxemburg. Dem konnte und wollte sich die SPD nicht verschließen: Ignaz Auer engagierte die glänzende Rhetorikerin, die ein halbes Dutzend Sprachen sprach, als Wahlkämpferin für die oberschlesischen Industriegebiete.

Revolution war ihr Credo - nicht Reform

Mit durchschlagendem Erfolg: Rosa Luxemburg wurde zu einer der populärsten, aber auch umstrittensten Politikerinnen des wilhelminischen Deutschland, wie Ernst Piper in seiner Biographie herausarbeitet. Wo sie auftrat, strömten die Massen zusammen. Oft mussten die Veranstaltungen von der Polizei abgesperrt werden, weil die Säle hoffnungslos überfüllt waren, so Piper: "Es gibt immer wieder Berichte aus kleinen Städten: Wenn der Parteivorstand einen Redner wie Friedrich Ebert oder Ignaz Auer geschickt hat, kamen 60 Leute, wenn Rosa Luxemburg kam, kamen 2.000, um sie zu hören."

Die Menschen hätten gemerkt, dass hier jemand spricht, der sich aus vollem Herzen einsetzt für die Rechte der Entrechteten und Bedrängten, sagt Piper: "Sie war eine Humanistin aus tiefstem Herzen, und das hat sich den Menschen offensichtlich mitgeteilt."

Von Anfang an positionierte sich Rosa Luxemburg am äußersten linken Rand der SPD. Revolution, nicht Reform lautete ihr Credo, das sie, anders als die Parteiführung um August Bebel, auch in die gelebte Praxis umsetzen wollte. Als die SPD-Fraktion Anfang August 1914 im Reichstag den Kriegskrediten zustimmte, brach für die leidenschaftliche Kriegsgegnerin eine Welt zusammen. "Das war der größte Schock ihres Lebens. Sie wollte sich sogar das Leben nehmen. Da war diese Beheimatung dahin."

Rosa Luxemburg war keine Sektiererin, betont Ernst Piper. Ganz im Gegenteil: Nach ihrer Revolutionstheorie waren die revolutionären Massen ungeheuer wichtig. "Und deshalb hat sie immer dafür gekämpft, in der SPD zu bleiben, weil sie gesagt hat: Wenn wir da rausgehen, verlieren wir den Kontakt zu den Massen."

Eine sachliche von Sympathie gezeichnete Biografie

Es war nicht Rosa Luxemburg, die ging – sie wurde gegangen. 1917 schloss die SPD unter ihrem Vorsitzenden Friedrich Ebert die linken Kriegsgegner aus der Partei aus. Knapp zwei Jahre später, am 1. Januar 1919, gründete die "Rote Rosa" zusammen mit Kampfgefährten wie Paul Levi und Karl Liebknecht die KPD. Das Ziel: der revolutionäre Umsturz in Deutschland. Die Reaktion war schneller: Am Abend des 15. Januar 1919 wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin von rechten Militärs ermordet.

Ernst Piper hat das Musterbeispiel einer Biographie vorgelegt. Unaufgeregt, sachlich und mit sanfter, aber kritischer Sympathie zeichnet er Rosa Luxemburgs abenteuerliches Leben von der Wiege bis zur Bahre nach. Die familiären Prägungen der Revolutionärin werden ebenso thematisiert wie ihre politischen Positionen, die Luxemburgschen Liebschaften kommen ebenso zur Sprache wie die frauenfeindlichen und antisemitischen Insultationen, denen sie zeitlebens ausgesetzt war.

"Rosa Luxemburg – Ein Leben" von Ernst Piper ist im Blessing-Verlag erschienen.

© Kate Evans / Karl Dietz Verlag Berlin GmbH 2018

Ausschnitt aus der Graphic Novel "Rosa" von Kate Evans

"Rosa" – Das Leben der Revolutionärin in Bildern

Einen ganz anderen Ansatz als Ernst Piper verfolgt die britische Zeichnerin und Autorin Kare Evans. Ihre Graphic Novel über Rosa Luxemburg, in fünfzehn Sprachen übersetzt, liegt nun auch auf Deutsch vor – eine akkurat gezeichnete, die entscheidenden Lebensstationen der Revolutionärin abbildende Biographie, die auch die zentralen theoretischen Einsichten Rosa Luxemburgs auf eingängige Weise thematisiert. Sie habe ihre Graphic Novel für ein möglichst breites Publikum gestaltet, erklärt die im südwestenglischen Somerset lebende Zeichnerin; für Leute, die sich überfordert fühlen würden, müssten sie sich durch 600 Seiten analytischen Texts kämpfen. Kate Evans hat viel gewagt und alles gewonnen. Nach der Lektüre ihrer Graphic Novel ist man mit den Rosa-Luxemburg-Basics vertraut und kann sich, wenn man möchte, andernorts eingehender In die Materie vertiefen. Mehr kann ein Comic nicht leisten.

Luxemburg war kein Friedensengel

Rosa Luxemburg, das wird deutlich, wenn man sich mit den aktuellen Neuerscheinungen beschäftigt, war alles andere als ein Friedensengel. Der Widerstand der Kapitalisten und ihrer Helfershelfer müsse mit "eiserner Faust" gebrochen werden, proklamiert sie Mitte Dezember 1918: Die "Gewalt der bürgerlichen Gegenrevolution" habe mit der "revolutionären Gewalt des Proletariats" beantwortet zu werden. Viereinhalb Wochen nach der Niederschrift dieses Aufrufs wird Rosa Luxemburg am 15. Januar von Angehörigen der rechtsextremen "Garde-Kavallerie-Schützen-Division" in Berlin ermordet. Die Gewalt der Gegenrevolution: Im Deutschland des Jahres 1919 war sie stärker.

"Rosa – Die Graphic Novel über Rosa Luxemburg" von Kate Evans und übersetzt aus dem Englischen von Jan Ole Arps ist im Karl Dietz Verlag herausgekommen.

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