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"Antisemitismus war ein Werbebegriff, designt von Judenfeinden" | BR24

© Audio: BR / Bild: Ronen Steinke

Wer hat den Begriff "Antisemitismus" erfunden? Was bedeutet "israelitisch"? Und, wichtig: Welchen Beitrag leistet Sprache zur Verbreitung von Judenfeindlichkeit? Fragen, die uns Ronen Steinke beantwortet, fränkisch-jüdischer Journalist und Buchautor.

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"Antisemitismus war ein Werbebegriff, designt von Judenfeinden"

Wer hat das Wort "Antisemitismus" erfunden? Was bedeutet "israelitisch"? Und, wichtig: Welchen Beitrag leistet Sprache zur Verbreitung von Judenfeindlichkeit? Fragen, die uns Ronen Steinke beantwortet, fränkisch-jüdischer Journalist und Buchautor.

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Ronen Steinke, Jahrgang 1983, hat Jura und Kriminologie studiert und im Völkerstrafrecht promoviert. Danach arbeitete er nicht nur in Anwaltskanzleien, sondern auch in einem Jugendgefängnis und am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien. Als Außenpolitik-Redakteur der Süddeutschen Zeitung recherchierte er zum Thema Völkerrecht im Nahen Osten und in Ostafrika. Seine Biografie "Fritz Bauer. Oder: Auschwitz vor Gericht" wurde Grundlage für den preisgekrönten Kinofilm "Der Staat gegen Fritz Bauer". Seit 2017 beschäftigt sich Steinke als innenpolitischer Korrespondent mit Sicherheitsbehörden und Extremismus. In seinem neuen Buch "Antisemitismus in der Sprache. Warum es auf die Wortwahl ankommt" schreibt er über die lange Tradition, die judenfeindliche Begriffe im Deutschen haben. Vieles davon überrascht: Was etwa am Begriff "Mischpoke" falsch sein soll, wissen die wenigsten. Hendrik Heinze hat mit Ronen Steinke gesprochen.

Hendrik Heinze: Um mit dem Naheliegenden zu beginnen, mit der Überschrift Ihres Buches: Das rundherum merkwürdige Wort "Antisemitismus" – was hat es eigentlich mit dem auf sich? Judenhass, Judenfeindlichkeit, das würde man ja vielleicht eigentlich sagen. Aber warum Antisemitismus? Woher kommt das? Warum verwenden wir das?

Ronen Steinke: Das ist in der Tat eine sehr interessante Entstehungsgeschichte: Das Wort Antisemitismus wurde von denjenigen geprägt, die eigentlich dafür werben wollten, dass man doch Juden verachten und ausgrenzen soll. Es ist also eine Art Marketingbegriff, extra designt von Judenfeinden im 19. Jahrhundert. Wilhelm Marr war da die zentrale Figur. Die wollten den jahrhundertelangen, bereits bestens gepflegten, bestens etablierten Hass auf Juden ein bisschen edler klingen lassen. Deswegen also "Anti-" vorne, "-ismus" hinten, das klingt dann wie eine Art Philosophie schon fast – und in der Mitte das Wort "Semit", also die Behauptung letztlich, dass man sich da wendet gegen eine Ethnie, die fremd ist und die eigentlich in einen anderen Erdteil gehört. Das Wort "Antisemitismus" ist also eines, das impliziert, dass die jüdischen Nachbarn in Berlin, in München, in Frankfurt eigentlich einer anderen Rasse angehören. Das ist genau die Ideologie gewesen, die mit diesem Wort transportiert werden sollte. Und es ist auch heute immer wieder ein Punkt in Debatten, wenn Leute sagen: Moment, ich kann doch gar nicht Antisemit sein, ich bin doch selber Semit! Das hört man manchmal von arabischstämmigen Menschen. Da muss man natürlich dagegenhalten. "Semit" ist ein Begriff aus der Sprachwissenschaft, es gibt semitische Sprachen. Aber es gibt keine semitische Rasse, es gibt keine semitischen Ethnien.

Und doch verwenden Menschen mit kritischem Bewusstsein wie zum Beispiel Sie diesen Begriff. Wie kommt es, dass der sich so etabliert hat?

Er hat seine Giftigkeit verloren. Wenn jemand heute von Antisemitismus spricht, wird das nicht mehr so verstanden, dass er damit das, was er bezeichnet, beschönigt oder bagatellisiert, sondern das ist ein Wort, das heute in kritischer Absicht verwendet und verstanden wird. Deswegen nehme ich es auch. Und es ist halt das, was am klarsten verständlich auf den Punkt bringt, worum es einem geht: um ein Ressentiment.

"Welchen Beitrag leistet Sprache bei der Verbreitung von Antisemitismus" – das ist die Leitfrage Ihres Buches. Und wenn das einer beurteilen kann, dann ja Sie. Sie haben in diesem Sommer ein anderes Buch veröffentlicht, "Terror gegen Juden", da sieht man, wohin abwertende Sprache führen kann. Wie sind denn die Zusammenhänge zwischen dem Sprechen und dem Tun?

Sprachliche Klischees über Jüdinnen und Juden sind zum einen Ausdruck schon bestehender gesellschaftlicher Abwertung. Wenn man etwa daran denkt, dass das Wort "Jude" als Schimpfwort verwendet wurde und wird. Das ist ja etwas, was man ganz offiziell in Grimms Wörterbuch finden kann. Da steht also zu den Wortbedeutungen von Jude auch manch Negatives, das gar nichts mit Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft zu tun hat – und genauso heute auf Schulhöfen oder in Fußballstadien. Zugleich ist diese sprachliche Praxis aber natürlich auch ein Instrument, diese gesellschaftliche Abwertung oder Ausgrenzung zu verstärken und fortzusetzen. Die Sprache bildet ein Bewusstsein und schafft damit eigentlich den Boden, auf dem sich die Dinge dann später noch mehr zuspitzen können.

Finden wir da ein Beispiel von unbedacht transportiertem antisemitischem Gedankengut in unserer Sprache? Also transportiert von Menschen, deren Sprecherabsicht das wahrlich nicht war?

Absolut. Der Antisemitismus ist in unseren Breitengraden Teil des kulturellen Vokabulars. Und auch wer sich ohne böse Absicht einfach in unserer Sprache bewegt, der stößt auf dieses Vokabular und verwendet es manchmal. Ein Beispiel ist: Mischpoke. Ein Wort, das aus dem Jiddischen stammt und dort eigentlich nur "Familie" bedeutet, völlig wertneutral. Aber wenn es im Deutschen heute als Lehnwort verwendet wird, dann hat das einen dubiosen, einen sinistren Beiklang. Es wird dann verwendet für einen irgendwie illegitimen Zusammenschluss von Leuten, für eine Clique, die dunkle Dinge betreibt. Und dieser Bedeutungswandel ist nur dadurch zu erklären, dass die Menschen, die Jiddisch als etwas Fremdes wahrnahmen und dieses Wort importierten in die hochdeutsche Sprache, dass die auch die Juden als sinister und dubios wahrnahmen – und dann dieses Bild in das Wort hineingelegt haben. Also: Wer heute das Wort "Mischpoke" für etwas Sinistres, für etwas Düsteres verwendet, der macht sich, ob bewusst oder nicht bewusst, dieses alte Klischee zunutze. Der greift es auf. Und der bekräftigt es auch. Deswegen ist das ein Wort, von dem ich sehr stark abrate.

Sie räumen dem Jiddischen viel Raum ein in Ihrem Buch und unterscheiden zwischen gutem und ungutem Jiddisch. Ein Beispiel für ungutes Jiddisch haben Sie gerade genannt was wäre denn ein Beispiel für gutes Jiddisch?

Da gibt es jede Menge. Mein Großvater hat Jiddisch als erste Sprache gesprochen, ich habe noch die "Knedlach" im Ohr, die Knödel. Und natürlich viele Wörter, die heute ganz geläufig sind: "Tacheles" für Klartext zum Beispiel. "Chuzpe" für Dreistigkeit. Das sind Worte, die importiert worden sind in die deutsche Sprache mit einer Art Anerkennung dessen, dass sie besonders pointiert sind, dass sie vielleicht auch einen charmanten Klang haben. "Chuzpe" klingt einfach gut, genauso wie "meschugge", das vielleicht charmanter klingt als "verrückt", dieser deutsche Konsonantensalat. Das ist ein Ausdruck von Respekt gegenüber der jiddischen Sprache. Und davon kann es gar nicht genug geben, finde ich.

© Sven Hoppe/dpa

Steht einer Israelitischen Gemeinde vor, wird aber oft für Israels Politik kritisiert: Die Münchnerin Charlotte Knobloch

Ihr Buch ist Sprachkritik und Begriffskunde gleichermaßen. Sie erläutern darin, was es auf sich hat mit Begriffen, die wir lange schon nicht mehr hinterfragt haben. Antisemitismus eben. Oder: "Israelitisch". Die Münchnerin Charlotte Knobloch ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Vielleicht bin ich ja gar nicht der einzige, der sich fragt, warum das eigentlich eine "Israelitische Kultusgemeinde" ist und keine jüdische Gemeinde. Können Sie uns die feinen Unterschiede erklären?

Im 19. Jahrhundert haben sich Juden die große Hoffnung gemacht, gesellschaftliche Emanzipation erreichen zu können, also endlich gleichberechtigt zu sein und deutsche Staatsbürger mit, in Klammern: jüdischem Glauben, zu sein – einfach Deutsche, die halt eine von verschiedenen Religionen haben, die man als Deutscher haben kann. Und im Zuge dessen hat man Abstand gesucht von dem damals schon sehr belasteten und als Schimpfwort verwendeten "jüdisch", und hat nach frischen Synonymen Ausschau gehalten. Eines davon war "israelitisch". Das war sozusagen der Anklang an die Bibel. Da dachte man, das löst eher positive Assoziationen aus. Das ist natürlich auch eine Zeit gewesen, wo noch lange nicht von einem Staat Israel die Rede war. Die Hoffnung, dass man mit diesem neuen Wort dem Antisemitismus entgehen könnte, die hat sich natürlich zerschlagen. Aber dieses Wort ist im Namen vieler jüdischer Einrichtungen auch heute noch enthalten, das ist alles auf diese Bewegung zurückzuführen. Die Tragik des Ganzen ist, dass heute die Israelitische Kultusgemeinde in München regelmäßig Hassanrufe bekommt von Leuten, die sagen, sie möchten sich mal über die israelische Politik beschweren. Weil die dem Missverständnis erliegen, dass man da bei so einer Art israelischem Generalkonsulat wäre. Also: Das Wort, von dem man dachte, es würde einem ein bisschen Ruhe verschaffen, ist heute eines, was einem eher noch mehr Anfeindungen einträgt.

"Antisemitismus in der Sprache. Warum es auf die Wortwahl ankommt" ist im September 2020 im Duden Verlag erschienen und kostet 8,00 Euro.

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