Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Romantik im Matriarchat: "Das Mädchen, das lesen konnte" | BR24

© Bayern 2

Ein kleines Dorf in Frankreich - 1859, versehrt von den Napoleonischen Kriegen. Die Männer sind verschleppt, die Frauen tun sich zusammen und packen mutig ihr Leben an. Doch das pragmatische Matriarchat bröckelt, als ein junger Mann auftaucht.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Romantik im Matriarchat: "Das Mädchen, das lesen konnte"

Ein kleines Dorf in Frankreich 1859, versehrt von den Napoleonischen Kriegen. Die Männer sind verschleppt, die Frauen tun sich zusammen. Doch das pragmatische Matriarchat bröckelt, als ein junger Mann auftaucht. Ein Debüt von Marine Francens.

Per Mail sharen

Das Unglück naht unerwartet und schnell. Und es schlägt unerbittlich zu. 1851, Napoléon Bonaparte hat gerade die Zweite Französische Republik beendet, gehen seine Schergen mit der Opposition hart ins Gericht. Soldaten dringen in noch so entlegene Bergdörfer ein und verschleppen die Widerständler oder töten sie direkt. Frauen und Kinder werden verschont, aber mit ihrem Schicksal allein gelassen. Die Frauen beraten: "Wir müssen rausfinden, was passiert ist. Über sie muss doch irgendwie entschieden worden sein. - Ich geh freiwillig ins Tal. - Ich auch. - Keine verlässt das Dorf, habt ihr das kapiert? Denn dann würde jeder wissen, dass wir allein hier oben sind. Dann wären wir der Kirche ausgeliefert. Oder den Soldaten. Die würden sich sicher freuen. - Da wäre ich lieber tot."

Die pragmatische Frauengesellschaft weiß sich zu helfen

Die Ausgangslage des französischen Dramas "Das Mädchen, das lesen konnte", ist schnell skizziert. Die Dorfbewohnerinnen verzweifeln nicht, sondern nehmen die Sache selbst in die Hand. Felder bestellen, Ernte einholen und somit Nahrung und Unabhängigkeit sichern – alles kein Problem. Als es nach einem Jahr immer noch kein Lebenszeichen der Verschleppten gibt, geschweige denn IRGENDEIN Mann im Dorf aufgetaucht ist, werden die Frauen im heiratsfähigen Alter allmählich unruhig – und schließen einen Pakt. "Und wenn einer kommt? - Nur einer? - Ja, was tun wir dann? - Wir müssten ihn uns teilen. - Wieso sollen wir ihn uns teilen? - Damit es weiter geht. Damit wir Kinder kriegen. – Ihr würdet es mit einem Fremden tun? - Willst du als alte Jungfer enden? - Nein, aber so geht das doch nicht."

Ja, doch. Genau so und nicht anders wird es weitergehen. Denn die Reproduktion ist für den Fortbestand der matriarchalen Dorfgemeinschaft ebenso wichtig wie die Ernte. Und Fortschritt ist, wenn man pragmatisch denkt. Nicht umsonst lautet der Originaltitel des Films „Le semeur“, auf Deutsch: „Der Sämann“. Zweideutiger geht’s kaum.

"Le semeur", das ist auch der Titel diverser Gemälde, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden sind und die wie die optische Inspirationsquelle für das Drama wirken, das in eben dieser Epoche spielt. Denn viele der Szenen, die Regisseurin Marine Francen in ihrem Spielfilmdebüt komponiert, könnten auch gerahmt in einem Museum hängen. Insbesondere der französische Realismus-Vertreter Jean-Francois Millet und dessen Werke von Landarbeitern bei der Arbeit scheinen in der Bildgestaltung durch. In Kombination mit der oft sekundenlang auf einer Einstellung verweilenden Kamera entfaltet sich eine Stimmung, die das beruhigende Potential eines Landspaziergangs hat.

Fortpflanzungstrieb regt sich - schon verströmt der Film Groschenheft-Romantik

Aber eine einnehmende Optik und ein historischer Hintergrund mit gesellschaftspolitischer Aussage machen noch lange keinen perfekten Film. Denn ab dem Moment, in dem der von den jungen Dorfbewohnerinnen herbeigesehnte Erntehelfer tatsächlich auftaucht, entwickelt sich ein Handlungsstrang, der allzu oft Groschenheft-Romantik verströmt. Zwischen dem titelgebenden Mädchen, das lesen konnte – Violet, die perfekte Verkörperung der schönen Unschuld vom Lande – und ihm – Jean, einem sensiblen und belesenen Fremden, der ein dunkles Geheimnis zu hüten scheint – entwickelt sich eine Beziehung, die über das rein pragmatische Beackern sämtlicher Böden und Becken weit hinausreicht. Denn es ist die Liebe zur Literatur, die die beiden zusammenbringt.

Diese poetische Romanze ist ebenso wie die durchtrainierten und somit wenig zeitgemäßen Körper der beiden viel zu schön, um wahr zu sein. Der Fokus auf den feministischen Selbsterhaltungstrieb und somit die starke Ausgangsposition der Handlung rücken in den Hintergrund. Dass der Pakt der Frauen am Ende doch in die Tat umgesetzt wird und den Liebenden kein Happy-End beschert ist, hilft in dem Fall leider wenig.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!