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Roman von Amélie Nothomb: Jesus in Ich-Perspektive | BR24

© Bayerischer Rundfunk

Zutiefst geprägt vom Katholizismus – Frankreichs Star-Autorin Amélie Nothomb hat einen neuen Roman vorgelegt

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Roman von Amélie Nothomb: Jesus in Ich-Perspektive

"Ich wusste schon immer, dass sie mich zum Tode verurteilen würden." Mit diesem Satz beginnt der neue Roman der französischen Bestseller-Autorin Amélie Nothomb. Protagonist des Buches ist Jesus Christus, der darin laut denkt.

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Von
  • Judith Heitkamp

Wenn es um Provokation, Skandal und Auflage ging, dann hat zumindest letzteres geklappt: Soif war von Beginn an ein Bestseller in französischen Buchhandlungen. Und dann kam auch noch der französische Literaturpapst Bernard Pivot und applaudierte.

Eine als wirklich exzentrisch bekannte Bestseller Autorin, die angeblich jeden Morgen um Vier aufsteht, immer riesige Hüte trägt und den Schlagabtausch vor Publikum sichtlich genießt, versetzt sich in die letzten Stunden des gekreuzigten Jesus. In der ersten Person. Es sei das Buch ihres Lebens, sagt sie.

"Ich hatte als Kind Katechismusstunden, komme aus einer sehr katholischen Familie, und lernte immer mehr Sachen, die nicht richtig gingen … und das Allerschlimmste war die Kreuzigung. Wir sollten das für etwas Gutes halten, und dabei war es offensichtlich grauenhaft. Warum hat Jesus das mitmgemacht?", fragt Nothomb sich bei radio France Inter. Also ist das auch genau die Frage ihrer Hauptfigur.

"Hatte ich eine Wahl? Anscheinend. Wie gelangte ich zu der Entscheidung, ich zu sein? / Die Kreuzigung ist ein Fehler. Mein Vater wollte damit zeigen, wie weit man aus Liebe gehen kann … Deine Erfindung ist dir einfach über den Kopf gewachsen, Vater", heißt es in ihrem neuen Buch.

In der Tat. Wir sind mitten in theologischen Fragen, die Amélie Nothomb ja durchaus nicht als erste berührt. Aber sie tut es mit so einer Verve und soviel Mut zur theologischen Unbedarftheit, dass man schon geneigt ist, ihr die Notwendigkeit abzunehmen, dieses Buch zu schreiben.

Nähe und Distanz

Ihr Text erlaubt Annäherung und gleichzeitig ironische Distanz. Das kann man ihm vorwerfen. Oder als Angebot verstehen. Im Buch gehen Jesus folgende Gedanken durch den Kopf: "Ich schätze die Strecke bis Golgatha. Ausgeschlossen. Bevor ich dort ankomme, sterbe ich. Und das ist fast eine gute Nachricht, denn dann werde ich nicht gekreuzigt."

Empathisch-flapsig vielleicht, voyeuristisch ist das Buch nicht. Auch wenn Jesus seine Qualen zu Protokoll geben muss. Es geht darum, dass er eigentlich sehr, sehr gerne "Körper" ist, dass die Menschwerdung Gottes – Nothomb und ihre Übersetzerin Brigitte Große wählen das ungewohnte "Verkörperung" – eine umwerfende, eine göttliche Idee ist. Jesus mit Lust an Bewegung, Berührung, körperlicher Liebe, auch das, an Essen, an Trinken. So wird Durst zum spirituellen Erlebnis, daher der französische Titel.

Aus "Durst" wurde "Die Passion"

Sie entheilige ihn nicht, sagt Nothomb, sie zeige ihn als Menschen der bis ans Äußerste seiner Möglichkeiten gehe. Dann können Wunder geschehen. Jesus' Lieblingswunder ist im Rückblick sein erstes, das bei der Hochzeit von Kana: "Fast hätte ich laut aufgelacht. Das also hielt mein Vater für die passende Gelegenheit, mir diese Gabe zu offenbaren: dass der Wein ausgegangen war. Er hatte schon einen speziellen Humor! "

Nachher beschweren sich die Hochzeiter übrigens, der Wein sei nicht gut genug gewesen. Es ist nicht der erst Jesus in der Ich-Form, Eric Emmanuel Schmitt schrieb so vor noch gar nicht langer Zeit ein Evangelium nach Pilatus, José Saramago schrieb "Das Evangelium nach Jesus Christus", fast 30 Jahre her – das war seinerzeit in Portugal sehr viel mehr ein Skandal als Nothomb 2019 in Frankreich. Sie wurde lange als aussichtsreichste Anwärterin auf den Prix Goncourt gehandelt, der ihr dann aber nicht zugesprochen wurde. Ab heute kann das deutsche Publikum sich ein Urteil bilden.

Die Passion (Soif) von Amélie Nothomb, übersetzt von Brigitte Große, 128 S., Diogenes, 20 Euro.

© Diogenes Verlag, Zürich

Cover des neuen Romans von Amélie Nothomb

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