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Roman Polanskis neuer Film "Intrige" und Antisemitismus heute | BR24

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Intrige

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Roman Polanskis neuer Film "Intrige" und Antisemitismus heute

Die Vergewaltigungsvorwürfe halten Roman Polanski nicht davon ab, weiter Filme zu machen: Mit "Intrige" zeigt er sich auf der Höhe seines Könnens – und führt am Beispiel der Dreyfuss-Affäre vor, wie zersetzend gewohnheitsmäßiger Antisemitismus wirkt.

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Wenn der einzige Jude im französischen Generalstab am 9. September 1899 in einem Berufungsverfahren ein zweites Mal wegen Landesverrats verurteilt wird, fährt die Kamera ruhig an den verantwortlichen Militärs im Publikum des Gerichtes vorbei und zeigt ihre oberflächlich emotionslosen Gesichter. Manche der Männer salutieren, als könne allein diese vermeintliche Geste der Vaterlandstreue ihr Gewissen beruhigen. Sie wissen, dass sie sich schuldig gemacht haben.

Roman Polanski hat sich in der Inszenierung von "Intrige" für eine eher gediegene Erzählweise entschieden, der nach dem Gewinn des Jurypreises bei den Filmfestspielen von Venedig auch Statik und eine kulissenhafte Künstlichkeit vorgeworfen wurde. Zu Unrecht. Dass Polanski das Drama um die antisemitischen Manöver des französischen Militärgeheimdienstes gegen den Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus nicht zum Thriller hochpeitscht – das ist gut so.

Der Dringlichkeit des Themas, einem in der Breite der Gesellschaft verankerten, zumindest gewohnheitsmäßigen Rassismus, verleiht die Besonnenheit der Inszenierung einen sachlich zwingenden Ton der Auseinandersetzung – mit diskriminierenden Denkmustern und antisemitischen Klischees. Es entspricht dem filmischen Stil Polanskis, die Dinge eher achtsam anzugehen. Das passt auch zu seiner Vorliebe für klaustrophobische Räume.

Hermetische Abhöratmosphäre

In "Intrige" lässt sich Polanski alle Zeit, die bedrückende Hermetik des lichtlosen Geheimdienstquartiers in Paris auszugestalten. Man glaubt, den bürokratisch intriganten Muff zu riechen, dem dort der neue Chef, Oberstleutnant Marie-Georges Picquart, begegnet. Er nimmt auf eigene Faust und teilweise gegen den Willen seiner Vorgesetzten Ermittlungen auf – nicht, weil er ein großer Gegner des offenen wie versteckten Anitsemitismus wäre, sondern weil er als militärisch korrekter Pedant gar nicht anders kann, als Unstimmigkeiten, Vertuschungen und betrügerische Machenschaften aufzudecken.

Eindringlich beleuchtet Polanski die Methoden des Geheimdienstes im Fahrwasser einer angeblichen nationalen Bedrohung: Gestohlene und manipulierte Briefe, Beschattungen, Abhörinstrumente. Wenn Marie-Georges Picquart als fast schon zwanghafter Rechercheur für die Gerechtigkeit schließlich zum Whistleblower wird und die Hintergründe der Dreyfuss-Affäre dem Schriftsteller Émile Zola zuflüstert, muss er selbst erleben, wie sich der Apparat gegen ihn wendet. Hier offenbart sich die abgeklärte Gegenwärtigkeit des Films. Hier kann der Zuschauer seine Schlüsse ziehen zu den immerwährenden Kontinuitäten in Sachen Machtmissbrauch, politischer Mobilisierung von Ressentiments und Manipulation der Öffentlichkeit.

Die Vorwürfe bleiben

Produzent Alain Goldman sieht den Film in großen geschichtlichen Zusammenhängen: "Die Dreyfuss-Affäre ist wahrscheinlich so etwas wie eine Vorahnung aller Ereignisse, die dann im 20. Jahrhundert folgen. Vor allem in Bezug auf den Holocaust. Picquart ist der beste Beweis eines aufrechten Mannes. Ein Held. Für mich ist er sogar der Held in der Dreyfuss-Affäre. Dreyfuss war ganz offensichtlich ein Opfer seiner eigenen Existenz und der seines Volkes."

Beeindruckend dechiffriert Roman Polanski die gesellschaftliche Textur der Intrige, ergründet die unheilvolle Mischung aus Vorurteilen und rassistischer Einstellung. In Frankreich sahen immerhin 1,4 Millionen Zuschauer den Film – obwohl der Regisseur zuletzt mit neuen Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert wurde. Manche Beobachter schreckten vor der Banalität nicht zurück, zu behaupten, Polanski wolle sich durch diesen Stoff mit Dreyfuss gleichsetzen und habe sich in Analogie selbst zum Opfer einer Verschwörung stilisiert. Das ist Quatsch, denn der Film kümmert sich gar nicht groß um den Apparat von Verfolgung und falscher Beschuldigung, sondern hinterfragt national verstiegene Denkarten. Er überzeugt als eigenständiges Werk – was nicht heißt, dass man sich nicht weiter mit den Verfehlungen des Regisseurs beschäftigen muss.

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