Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Rom im Kernschatten: Düstere "Tosca" am Gärtnerplatztheater | BR24

© BR

Wenig Licht und viel Gewalt: Der italienische Regisseur und Ausstatter Stefano Poda zeigte Puccinis Opern-Reißer in München als fesselnde Sonnenfinsternis mit spektakulären Bildern, in denen brutale Glaubenskämpfer nach Belieben foltern und morden.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Rom im Kernschatten: Düstere "Tosca" am Gärtnerplatztheater

Wenig Licht und viel Gewalt: Der italienische Regisseur und Ausstatter Stefano Poda zeigte Puccinis Opern-Reißer in München als fesselnde Sonnenfinsternis mit spektakulären Bildern, in denen brutale Glaubenskämpfer nach Belieben foltern und morden.

Per Mail sharen
Teilen

Warum soll das nicht möglich sein? Wenn unser kleiner Mond ein paar Minuten lang die große Sonne verdüstern kann, dann kann ein einziger Kerl wie dieser Scarpia auch eine ganze Stadt wie Rom verdunkeln. Nicht auf Dauer natürlich, aber an diesem 17. Juni 1800 lagen die berühmten sieben Hügel auf jeden Fall in seinem Kernschatten, da wurde es politisch gesehen zappenduster am Tiber.

Totale Sonnenfinsternis

Es machte also Sinn, dass der italienische Regisseur Stefano Poda am Münchner Gärtnerplatztheater eine kohlrabenschwarze "Tosca" inszenierte, so düster, als ob das Firmament ausgelöscht und die Welt auf das dämmrige Restlicht einer totalen Sonnenfinsternis zurückgeworfen wurde. Der Mann ist üblicherweise sein eigener Ausstatter, Kostümbildner und Lichtdesigner und hat Puccinis Erfolgsoper so ähnlich schon vor ein paar Jahren in Klagenfurt und Wuppertal herausgebracht, was immerhin dafür spricht, dass er sich mit der "Tosca" über Jahre hinweg intensiv auseinander gesetzt hat. Das ist diesem bildstarken Abend jederzeit anzumerken.

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater München

Auf dem zur Folter

Tatsächlich spielt die Oper in einer einzigen, historisch verbürgten Nacht, nämlich der vom 17. auf den 18. Juni 1800, als das reaktionäre römische Schreckensregime zusammenbrach und die siegreichen Revolutionstruppen von Napoleon im Anmarsch waren. Zu spät allerdings für den Freiheitskämpfer Cesare Angelotti, den mit ihm befreundeten Maler Mario Cavaradossi, die Operndiva Tosca und auch für den Gewaltherrscher Scarpia, die allesamt in den recht kurzen knapp zweieinhalb Stunden der Handlung zu Tode kommen.

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater München

Monströses Kreuz

Stefano Poda entwarf dafür kerkerartige Kulissen: Ein monströses, querliegendes Kreuz, eine Art Führerbunker mit furchteinflößendem, meterlangen Schreibtisch und einer ramponierten Skulptur als Raumschmuck, die stark an die berühmte "Große Kugelkaryatide" des Bildhauers Fritz König erinnert, die 2001 beim Angriff auf das World Trade Center schwer demoliert und vor zwei Jahren an anderer Stelle als Mahnmal aufgestellt wurde.

Ungefähr wie London im November

Angst und Schrecken in jede Richtung: Ein faschistisch anmutender, überdimensionaler Adlerflügel senkt sich herab, ein Gestänge von Lanzen schwebt in der Luft. Und ein gewaltiger Schlusseffekt, der hier natürlich nicht verraten wird, sorgt dafür, dass die Tragödie optisch ebenso bombastisch endet wie musikalisch. Kein Zweifel, diese Inszenierung fesselt und fasziniert, ist aus einem Guss, ist plausibel, überwältigend, passt in jeder Hinsicht zum Puccini-Reißer. Es ist ein dampfendes, nebliges, schemenhaftes Rom, das hier vorgeführt wird, ungefähr wie London im November gegen zwei Uhr morgens.

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater München

Begraben unter ihrem Schicksal

Lauter kuttentragende Gestalten wimmeln herum, halb Mönche, halb Soldaten, auf jeden Fall gewaltbereite Glaubenskämpfer, die foltern und morden, wo immer sie hinkommen. Schauspielerisch ist das vom Chor und den Solisten packend dargestellt, der russische Tenor Artem Golubev hatte als Mario Cavaradossi sogar eine fast akrobatische Einlage, so schwungvoll, wie er sich über den Tisch warf. Und auch die Folterszene war ungewohnt realistisch, ohne deshalb peinlich zu werden. Der amerikanische Bariton Noel Bouley war als Baron Scarpia ein herrlich diabolischer Bösewicht, eine imposante Statur, langhaarig und respektheischend wie ein Rocker-Präsident.

Tosca - riesenhaft und unverletzlich

Die russische Sopranistin Oksana Sekerina warf sich ebenfalls mit einer Löwenmähne und robustem Ausdruck in ihre Rolle der Tosca, ihr fehlte allerdings alles elfenhafte, zarte, zerbrechliche Charisma, was eine verwöhnte Diva eigentlich auszeichnet. Dass sie Scarpia erst erschießt und dann ersticht, wirkte so gesehen zwar logisch, aber eigentlich machte sie den Eindruck, dass sie Waffen gar nicht nötig gehabt hätte, um ihn in Schach zu halten - so riesenhaft und unverletzlich sah sie in ihrem unvorteilhaft ausladenden Walle-Walle-Kostüm aus.

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater München

Kurzes, trügerisches Glück

Stimmlich blieben Wünsche offen, es fehlte bei Sekerina und Golubev vor allem am lyrischen Ausdruck, beide waren zu offensiv, aber insgesamt blieben die sängerischen Leistungen durchweg sehr ordentlich. Dirigent Anthony Bramall steuerte den passenden aschfahlen Klang bei zu diesem lichtfernen Spektakel. Mitunter hörte sich das Orchester geradezu spukhaft an, als ob es aus der Ferne herüber spielte, vielleicht auf irgendeinem Stern postiert, der noch nicht erkaltet ist. Wo Puccini sonst hell lodert, war hier bisweilen nur ein Glimmen zu vernehmen, was beklemmend, aber folgerichtig war. Sehr freundlicher, aber recht kurzer Beifall für eine "Tosca" mit Gänsehaut-Garantie.

Wieder am 16., 21., 23. und 25. November am Münchner Gärtnerplatztheater, weitere Termine im Februar und März 2020.