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Gegen die Hysterie: Wie sinnvoll ist eine "News-Diät"? | BR24

© Bayern 2

Der Schweizer Autor Rolf Dobelli verzichtet seit Jahren auf Nachrichten-Konsum. Keine Zeitungen, keine Tagesschau, keine Apps, kein Social Media. Er sagt, News würden süchtig machen, seien aber meist nicht relevant. Warum, erklärt er im Gespräch.

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Gegen die Hysterie: Wie sinnvoll ist eine "News-Diät"?

Der Schweizer Autor Rolf Dobelli verzichtet seit Jahren auf Nachrichten-Konsum: keine Zeitungen, keine Tagesschau, keine Apps, kein Social Media. Er sagt, News würden süchtig machen, seien aber meist nicht relevant. Warum, erklärt er im Gespräch.

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Seine Bücher tragen Titel wie: "Die Kunst des klugen Handelns", "Die Kunst des guten Lebens", "Die Kunst des klaren Denkens". Allesamt Besteller des Schweizer Autors und ehemaligen Unternehmers Rolf Dobelli, der in eloquenten Plädoyers ein Thema umkreist: auf welchen Wegen ein gelungenes Leben zu erreichen ist. So auch mit seinem neuen Buch. Es heißt "Die Kunst des digitalen Lebens" und propagiert den Ausstieg aus dem News-Konsum. Selbst seit zehn Jahren Nachrichten-Abstinenzler, schreibt Dobelli darin: News sind für das, was im Leben wirklich zählt, irrelevant. Barbara Knopf hat mit Rolf Dobelli gesprochen.

Barbara Knopf: Herr Dobelli, wie beginnt denn eigentlich Ihr Tag?

Rolf Dobelli: Der beginnt, indem ich die Jungs aus dem Bett hole – wir haben zwei Kinder. Ich helfe dann auch meiner Frau beim Frühstückmachen, einfach damit die Jungs in Schwung kommen. Das ist die Hauptaufgabe des Tages.

Also keine Zeitungslektüre und kein Radio?

Nein, nein! Keine Zeitungslektüre, kein Radio, keine Online-News, kein Fernsehen, kein Frühstücksfernsehen, komplett News-frei.

Sie halten News-Konsum ja für eine Sucht, reden gerne in Ihrem neuen Buch "Die Kunst des digitalen Lebens" von den News-Junkies. Sie setzen sozusagen die Leute, die News hören und konsumieren mit Alkoholikern gleich, sprechen auch von einem Gift – was ist denn so gefährlich an den Nachrichten, den News?

Die News sind aus verschiedenen Gründen sehr gefährlich, vielleicht die wichtigsten zwei oder drei: News geben Ihnen die Illusion, Sie würden die Welt verstehen. Aber das tun Sie natürlich nicht, denn die News sind oftmals zu kurz, oftmals irrelevant. Wissen Sie, Sie können tausend Meldungen über den Syrien-Krieg lesen – und Sie haben den Syrien-Krieg dennoch nicht verstanden, da braucht es eben längere Formate.

Ein anderes Problem der News ist, dass die Irrelevanz so hoch ist. Sie werden bombardiert mit Nachrichten, die komplett irrelevant sind. Irgendwo ist ein Flugzeug abgestürzt, auf der anderen Seite des Planeten; irgendwo ist ein Vulkan ausgebrochen; irgendwo gab es einen Terroranschlag; zwei Präsidenten haben sich die Hände geschüttelt; China baut einen neuen Flugzeugträger; Nordkorea hat eine Rakete getestet. Wenn Sie sich mal fragen, wie relevant diese Nachrichten tatsächlich für Ihr Privatleben oder berufliches Leben sind, dann werden Sie schnell feststellen, dass die Relevanzquote ziemlich nahe bei Null liegt.

© dpa / Arne Dedert

Der Autor Rolf Dobelli

Bei der Aufzählung Ihrer Beispiele merkt man schon, dass tatsächlich in den News ein gewisser Litanei-Charakter drin ist. Auf der anderen Seite scheinen es die Leute gerne zu hören. Warum ist es so?

Ja, das hat mit unserem Steinzeithirn zu tun. Wir haben gern "flashing news", Sachen, die sich schnell bewegen, idealerweise wenn man sie noch mit Bildern unterlegen kann und coolen Videos, und deshalb produzieren die Medien dann halt einfach das Zeug, das die Leute am liebsten konsumieren. Das ist wie Zucker. News sind wie Zucker: Es ist leicht aufnehmbar, man hat es gern, aber auf die Länge ist es eben schädlich.

Ihr Vorschlag am Ende jedes Kapitels klingt fast hypnotisch. Sie raten zu einem radikalen Entzug: Kein News-Konsum mehr. Was ist denn daran besser für den Menschen?

Es gibt viele Vorteile, wenn Sie auf News verzichten. Ich lese dann halt ein Buch über den Syrienkrieg, auch wenn das Buch vielleicht ein Jahr älter ist als die Geschehnisse, aber das spielt ja keine Rolle, denn ich kann ja eh nicht eingreifen. Aber ich habe dann ein besseres Verständnis dafür. Ich treffe deshalb auch bessere Entscheidungen. Was ganz wichtig ist: Die innere Unruhe, die ich früher hatte, die ist weg! Vielleicht hat es auch mit dem Alter zu tun, das kann sein, aber ich denke, die News spielen da mit rein, dass es eine innere Beruhigung gibt. Und der wichtigste Aspekt für mich: Ich gewinne so viel Zeit.

Jetzt sprechen Sie natürlich mit einem Radiosender, Sie zielen ins Herz unserer Informationspolitik. Radiosender wollen auch Zuhörer, und sie wollen, dass diese möglichst lange dabeibleiben. Ist es ein Angriff auf den Journalismus, was Sie in Ihrem Buch schreiben?

Nein, es ist ein Angriff auf diesen News-Journalismus. Ich möchte ja als aufgeklärter Bürger die Generatoren der Events verstehen, nicht einfach dieses Flackern an der Oberfläche – da ist eine Bombe losgegangen und da hat irgendein Präsident irgendwas gesagt –, sondern ich möchte die Generatoren verstehen, diese unsichtbaren Bewegungen. Und dazu braucht es längere Formate. Hier kann Radio sehr gut helfen, Radio hat oftmals lange Formate. Es sind nur diese Kurznachrichten-Geschichten, die daherkommen, als seien sie wichtig, als seien sie relevant. Wenn Sie diese News-Diät mal durchziehen, werden Sie feststellen, Sie werden überhaupt nichts Wichtiges verpassen.

© Piper Verlag

Cover "Die Kunst des digitalen Lebens" von Rolf Dobelli

Ihr Buch sollte ursprünglich ja auch "News-Diät" heißen. Es hat jetzt den Titel "Die Kunst des digitalen Lebens". Diese News-Industrie gibt es ja im Grunde genommen, seit die erste Zeitung gedruckt wurde – und sie wurde auch immer über Schlagzeilen verkauft. Ist das Problem nicht eher, dass sich heute diese Medienindustrie unter den Bedingungen der Digitalisierung so stark verändert hat?

Das ist in der Tat so. Früher ging das alles noch mit gedruckten Zeitungen – man hatte noch Platz für längere Formate, man hatte Platz für Recherche, man hatte Geld für investigativen Journalismus. Das ist heute alles weggefallen. Heute geht es darum, möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren, möglichst viele Menschen dazu zu animieren, zu verlinken, Klicks zu machen, Likes zu machen. Dieses kurzfristige Optimieren der Werbeerlöse, die nebenher verkauft werden, das ist das Grundproblem.

Dieses "immer schneller, immer greller" ist aber auch eine Antwort der Medien auf veränderte Konsumentenwünsche, also Social Media, Smartphones. Wenn ich Ihr Buch lese, dann kommt es mir ein bisschen so vor, als hätten Sie so ein Täter-Opfer-Schema, also der böse schnelle News-Journalismus und die armen Konsumenten. Aber so ist es ja nicht.

Da haben Sie absolut recht, so ist es nicht. Vielleicht habe ich das ein bisschen falsch dargestellt in meinem Buch. Ich denke, die Konsumenten müssen auch ihren Teil machen, aber zuerst braucht es dieses Bewusstsein, dass eben dieses Kurzfutter nicht gut ist für das Hirn. Das ist die Botschaft meines Buches, das Kurzfutter ist nicht gut. Die zweite Botschaft: Wenn Sie aussteigen möchten, dann tun Sie es jetzt, denn es wird immer schwieriger aus dem News-Zirkel auszusteigen. Die künstliche Intelligenz, diese Programme werden News immer schärfer auf Sie ausrichten und genau Ihre emotionalen Punkte treffen, sodass Sie fast nicht mehr wegschauen können.

Sie stellen ja auch einen Zusammenhang her zwischen der anschwellenden Nachrichtenflut und einer möglicherweise deswegen sinkenden Qualität des politischen Diskurses.

Wir haben gesehen, dass News jetzt im Social Media-Bereich besonders zu einer Polarisierung der Gesellschaft geführt haben, der Fall ist ziemlich klar. Man streue möglichst kurze, skandalöse News über eine Gesellschaft, und sie wird polarisiert auseinanderfallen. Also ich würde heute so weit gehen und sagen: Wenn Sie ein guter Demokrat oder eine gute Demokratin sein möchten, verzichten Sie auf News.

Nun ist der Journalismus ja sowieso sehr in der Kritik. Insbesondere von rechten Parteien wird oft der Begriff der "Lügenpresse" verwendet. Inwiefern unterscheidet sich Ihre Kritik von diesem Vorwurf, der immer gern von rechts kommt?

Es ist ein komplett anderer Vorwurf. Ich gehe an dieses Thema News heran, weil ich im Grunde ein besseres Leben führen möchte, und ein Teil, ein besseres Leben zu führen ist, auf News zu verzichten – egal von welcher Couleur. Es würden mir zum Beispiel drei oder vier oder fünf Geschichten der Woche reichen, die wirklich relevant sind. Mehr brauchen Sie nicht zu wissen. Aber Sie müssen die Zusammenhänge darstellen können, damit Sie ein besseres Verständnis der Welt bekommen. Ich rede gern von diesem Begriff Kompetenzkreis, das ist ein Kreis, wo ich möglichst überdurchschnittlich gut sein möchte. Wenn Sie Arzt oder Architekt sind oder Sie sind …

… Journalist?

(lacht) Als Journalist sind Sie gezwungen, diesen Kompetenzkreis um diese News zu bauen. Das ist der Fluch. Aber das ist der einzige Job, wo Sie den Kompetenzkreis News drin haben. Alle anderen Jobs – da brauchen Sie es nicht! Wir können uns nicht permanent für alles interessieren! Sie müssen sich klar werden, wo möchten Sie überdurchschnittlich gut sein, und dort werden Sie alles verschlingen, was Ihnen hilft, bessere Entscheidungen zu treffen, und alles andere ausblenden.

"Die Kunst des digitalen Lebens" von Rolf Dobelli ist im Piper Verlag erschienen.

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