Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Wieso Roberto Saviano Gefahr läuft, zur Marke zu werden | BR24

© Bayern 2

Noch immer lebt er im Untergrund: Seit Roberto Saviano 2006 die Camorra-Studie "Gomorrha" veröffentlicht hat, muss er um sein Leben fürchten. Auch in seinem neuen Roman prangert er die Mafia an – und tappt in die Falle der Verklärung.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wieso Roberto Saviano Gefahr läuft, zur Marke zu werden

Noch immer lebt er im Untergrund: Seit Roberto Saviano 2006 die Camorra-Studie "Gomorrha" veröffentlicht hat, muss er um sein Leben fürchten. Auch in seinem neuen Roman prangert er die Mafia an – und tappt in die Falle der Verklärung.

Per Mail sharen
Teilen

Das marode politische System Italiens sowie die Korruption und das organisierte Verbrechen lassen Roberto Saviano keine Ruhe. Der mafiöse Nachwuchs in seinen beiden Romanen "Der Clan der Kinder" und "Die Lebenshungrigen“ ist fiktional, existiert aber auch real in einer Spirale von Gewalt, organisierter Kriminalität und Drogenhandel: "Der Ort, an dem diese Kinder leben, ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin", sagt Saviano im Interview. "Das sind neapolitanische Kinder, Nachkommen der bürgerlichen Gesellschaft Neapels. Was mich dazu bewegt hat, diesen Roman zu schreiben, war, dass Kinder bis heute Teil der Mafia sind. Kinder aus Neapel. Kinder aus der Türkei – die werden bereits in jungen Jahren rekrutiert von der Mafia. Mittlerweile gibt es Mafiabosse, die kaum 15 Jahre alt sind. Das ist schon sehr ungewöhnlich. Dort gibt es Kinder, die 200.000 Euro im Monat verdienen."

Neapel und das wachsende Problem der Baby Gangs

Die Regierung aus rechter Lega und europakritischer Fünf-Sterne-Bewegung hat bisher wenig gegen die Mafia unternommen. Immerhin unterstützte die Regierung einen Gesetzesentwurf, der das Phänomen der sogenannten Baby Gangs angeht und das Alter für Straffähigkeit von 14 auf zwölf Jahre herabsetzen möchte. Nach Angaben der italienischen Beobachtungsstelle für Kindheit und Jugend zählen in der Camorra-Hochburg Neapel inzwischen rund sieben Prozent der Jugendlichen zu kriminellen Gruppen oder gründen selbst welche. Es gäbe richtige Strukturen, so Saviano – die Polizei müsse geschmiert werden, die Drogen auf ihre Qualität überprüft werden: "Im Grunde sind die Kinder alle Genies. Kinder mit großem Talent. Sie sind sprachgewandt. Intelligent. Sehr schnell. Manchmal töten sie auch ohne jeden Grund. Diese Kinder, die ich damals kennengelernt habe, sind fast alle schon tot. Zumindest die meisten davon."

© Hanser Verlag / Collage: BR

Buchcover von Roberto Savianos: "Die Lebenshungrigen"

Wie schon Roberto Savianos erster Roman über die Kindermafia besteht auch der zweite, "Die Lebenshungrigen", aus vielen Dialogen, unmittelbar und dynamisch erzählt. Annette Kopetzki hat in ihrer stimmigen Übersetzung einige Originalausdrücke des neapolitanischen Dialekts stehen lassen. Dazwischen immer wieder nüchterne Beschreibungen des Alltags. Szenen der Selbstvergewisserung von Macht und der Sehnsucht nach Reichtum. Das Fehlen von Zukunftsaussichten in einer von sozialem Abstieg und Arbeitslosigkeit geprägten Gesellschaft. Das ist spannend zu lesen, bietet aber letzten Endes keine neuen Erkenntnisse.

Als Romanautor fehlt ihm das literarische Talent

Das fiktionale Genre hat den Autor zudem zu Ästhetisierungen und manchen Verklärungen verleitet – bisweilen nah an den Vorbildern der großen Mafiafilme und weit entfernt von der unbarmherzigen Sachlichkeit und analytischen Schärfe seines epochalen Sachbuches "Gomorrha". Als investigativer Journalist ist Saviano großartig, als Romanautor fehlt ihm das literarische Talent, die Dialektik von Erschrecken und Faszination in eine andere Sprache zu überführen, Sachverhalte zu überhöhen oder eben auch poetische Bilder für Jugendliche ohne Jugend zu finden. Seine Werke laufen Gefahr zur Marke zu werden.

Das Label Saviano trägt auch ein Film, der diese Woche in die deutschen Kinos kommt: Es ist die Verfilmung vom ersten Kindermafiaroman "Der Clan der Kinder". Noch stärker als Saviano, der am Drehbuch mitschrieb, betreibt Regisseur Claudio Giovannesi die affirmative Stilisierung seiner jugendlichen Gangster, die den mörderischen Ernst als pubertäre Machtergreifung exekutieren. Phalanxartig durchstreifen sie mit ihren Motorrollern die Altstadt Neapels – und Nicola, die Hauptfigur, geriert sich in seinem Viertel sogar als eine Art Robin Hood, der den kleinen Geschäftsleuten das Schutzgeld erlässt. Wenig glaubwürdig. Das ist mit Laiendarstellern konventionell inszeniert, mitunter schön anzusehen, aber weit entfernt von visuell nüchtern konzipierter Kinokunst, die aufschreckt und verstört.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Hörspiele, Krimis, Kinder-Angebote, Features, Dokumentationen, Gespräche und vieles mehr finden Sie in der ARD Audiothek.