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Libellen, die es nicht gibt: Robert Seethalers Mahler-Roman | BR24

© Bild: picture alliance / blickwinkel; Audio: BR

Entspannen beim Anblick von Libellen: In "Der letzte Satz" schickt Robert Seethaler den Komponisten Mahler auf eine empfindsame späte Reise.

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Libellen, die es nicht gibt: Robert Seethalers Mahler-Roman

Erst Freud, jetzt Mahler: Robert Seethaler komponiert seine Romane gerne um berühmte Figuren herum. In "Der letzte Satz" begleitet er Gustav Mahler auf einer späten Reise. Ein atmosphärisches Buch – dessen Lektüre jedoch einen gewissen Argwohn weckt.

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In den Augen mancher Literaturpuristen und -puristinnen steht Robert Seethaler unter Verdacht: zu erfolgreich sind die Romane des gebürtigen Wieners, zu gefühlig-eingängig seine Plots, als zu "schön", manche sagen: zu preziös gilt die Sprache des 54-Jährigen. Dabei räumen Seethaler-Skeptiker durchaus ein, dass der in Berlin lebende Autor auch mit beachtlichen erzählerischen Fähigkeiten zu punkten weiß.

Gustav Mahler auf einer späten Reise

Da möchte man nicht widersprechen: Auch Seethalers aktueller Roman – dem Sujet "Abschiedselegik mit Stil" zuzurechnen – hat seine Qualitäten. Und vor allem: Er beginnt schon mal nicht schlecht: "Den Kopf gesenkt, den Körper in eine warme Wolldecke gewickelt, saß Gustav Mahler auf dem eigens für ihn abgetrennten Teil des Sonnendecks der Amerika und wartete auf den Schiffsjungen. Das Meer lag grau und träge im Morgenlicht. Nichts war zu sehen außer dem Tang, der in schlierigen Inseln an der Oberfläche schwamm, und einem überaus merkwürdigen Schimmern am Horizont, das aber, wie ihm der Kapitän versichert hatte, absolut nichts bedeutete."

Mahlers letzter Seufzer: So könnte man Robert Seethalers Abgesang auf den prominenten Spätromantiker übertiteln, wenn einem der Appetit nach ein klein wenig Ironie stünde. Aber wir wollen ernst bleiben. Seethalers Roman begleitet Gustav Mahler auf der letzten Reise seines Lebens: Im April 1911 überquert der Komponist nach einer Reihe erfolgreicher Gastspiele in den USA zum unwiderruflich letzten Mal den Atlantik, eine triumphale Konzerttournee hat den sterbenskranken Maestro zuletzt nach New York geführt, jetzt aber, von Fieberschüben geschüttelt, sinniert Mahler an Deck der "Amerika" seinem Leben nach.

Erzähltechnisch bedeutet das, dass sich Robert Seethaler von Rückblende zu Rückblende tasten muss. Auf den knapp 120 Seiten, die dieser schmale Roman umfasst, entsinnt Mahler sich der kulturkampfumtosten Jahre als Direktor der k. u. k. Hofoper, er erinnert sich an die antisemitischen Anpöbelungen, denen er als Operndirektor ausgesetzt war, an den qualvollen Tod seiner Tochter Marie, an einen nervtötenden Besuch bei Auguste Rodin, dem er in seinem 50. Jahr Modell sitzen musste.

© picture alliance/APA/picturedesk.com

Robert Seethaler

Naturmomente, Großstadtflair und die Nöte der Liebe

Auch im biografischen Rückblick, den Seethaler ersonnen hat, hadert Mahler immer wieder mit seiner prekären Gesundheit, die ihm zeitlebens zu schaffen gemacht hat. Erholung und Rekreation gönnt Seethaler seinem Helden vor allem in den Komponiersommern im sonnenwarmen Südtirol, wo sich Mahler beim Schwimmen und ausgedehnten Wandern zu entspannen pflegte: "Die Wärme tat seinen Gliedern gut, er fand wieder Gefallen an der Bewegung. Er wanderte übers Tal nach Aufkirchen und Radsberg oder in südlicher Richtung zum Toblacher See, über dessen schwarzer Oberfläche die Regenbogenlibellen schwirrten."

Das sind typische Seethaler-Momente, die es auch in diesem Roman – der eigentlich eine Erzählung ist – in reichem Maße gibt: Man sieht sie förmlich an sich vorübersurren, die Regenbogenlibellen am Toblacher See, und fast hat man hat den Eindruck, in der Betrachtung der Tiere finde man gemeinsam mit Gustav Mahler zu so etwas wie innerem Frieden.

Robert Seethaler kann indes noch mehr. Er kann auch Großstadt – in den intensiven, farbkräftigen Beschreibungen des frühmodernen Metropolenmolochs New York etwa. Er versteht sich aber auch auf die Gattung Liebesdrama, wie er in den Schilderungen der quälenden Auseinandersetzungen, die Gustav Mahler mit Gattin Alma durchkämpfen muss, beweist. Alma fühlt sich vom arbeitswütigen Genie an ihrer Seite zu wenig gesehen und flüchtet sich in die Arme des jungen Architekten Walter Gropius – im Roman immer nur "der Baumeister" genannt. Gustav Mahler kocht vor Wut, Alma erwidert: "Ich bin eine Frau. Er ist ein Mann. So einfach ist das. Davon hast du natürlich keine Ahnung. Mit solchen Dingen beschäftigt sich ein Genie nicht ... Ich habe es satt. Deine Launen. Deine Krankheiten. Dein Benehmen in Gesellschaft. Deine Wutausbrüche, deine Eifersucht, deinen grenzenlosen Egoismus. Ich habe mich in ein Kind verliebt, aber eine Frau braucht mehr als ein Kind an ihrer Seite!"

Ein Spiel mit ästhetischem Falschgeld

In Robert Seethalers Roman findet sich vieles von dem, was man als Durchschnittsleser mit Qualitätsanspruch begehrt: sensible Charakterzeichnungen und dramatische Szenen, einprägsame Naturschilderungen, fesselnde Dialoge und bedenkenswerte philosophische Sentenzen. Und trotzdem hat man immer wieder das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt in diesem Roman, dass der Autor mit ästhetischem Falschgeld spielt, dass er sich übernommen haben könnte. Ein Roman über Gustav Mahler wird – ob das gerecht ist oder nicht – auch an den musikalischen Schöpfungen des Komponisten gemessen. Und da kann Seethalers elegant gearbeiteter 120-Seiter naturgemäß nicht mithalten. Und letztlich ist es selbstredend ein Mahler aus zweiter Hand, den wir da kennenlernen. Auch das ist anders nicht möglich, weckt aber einen gewissen Argwohn.

Nachbemerkung am Rande: "Regenbogenlibellen" existieren nirgendwo auf unserem Planeten. Es gibt sie schlicht und einfach nicht. Im Internet finden die romantischen Insekten nur auf einigen wenig vertrauenerweckenden Esoterikseiten Erwähnung. Regenbogenlibellen sollen demnach vor allem im Elfenreich "Drusna" heimisch sein.

"Der letzte Satz" von Robert Seethaler ist im Hanser Verlag erschienen.

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