BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

"Höflichkeit ist immer echt" | BR24

© Audio: BR - Bild: picture alliance / AP Images/ Randy L. Rasmussen

Der Philosoph Robert Pfaller warnt vor den versteckten Hierarchien der Formlosigkeit. Judith Heitkamp hat mit ihm gesprochen.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Höflichkeit ist immer echt"

Der Philosoph Robert Pfaller warnt vor den versteckten Hierarchien der Formlosigkeit. In seinem Buch über die Macht der Form plädiert er für kleine Inszenierungen im Alltag und schlägt einen Bogen von der antiken Rhetorik bis zur modernen Kunst.

Per Mail sharen

Form follows function, sagte das Bauhaus. Der Form genüge tun, scheint uns oft lästig. Ein Formalist ist einer, der nur an Vorschriften denkt, Literatur wird erschaffen aus Form und Inhalt, die inneren Werte, setzen wir gern den Äußerlichkeiten entgegen - förmlich ist nicht unbedingt ehrlich und "nur Fassade" will sich keiner vorwerfen lassen. Für den österreichischen Philosophen Robert Pfaller, Professor an der Kunst-Uni Linz, sind Formen die blitzende Waffen des Alltags. Judith Heitkamp hat mit ihm gesprochen.

Judith Heitkamp: Was zählt alles zu den blitzenden Waffen, die Ihrem Buch den Titel geben?

Robert Pfaller: Der Titel stammt ursprünglich aus der antiken Rhetorik. Die Redekunst war damals eine sehr wichtige Kunst, weil sie auch Zugang zu politischen Ämtern, Erfolge in juristischen Verfahren und so weiter ermöglicht hat. Zugleich ist die Rhetorik aber auch so etwas wie eine allgemeine Formel dafür, was ästhetische Form leisten kann. Das haben die antiken Philosophen sehr gut erfasst. Sie haben immer gesagt, eine formvollendete Rede sei das Werk eines Genies und in der Lage, die Massen zu begeistern. Darum hat der Rhetoriker Quintilian geschrieben, der Redner dürfe nicht nur mit scharfen Waffen kämpfen, also mit guten und treffenden Argumenten, sondern diese Waffen müssten auch blitzen. Sie müssten auch eine bestimmte Schönheit haben.

Das ist ein Plädoyer für die Rhetorik. Aber Sie fassen den Begriff der Form viel weiter.

Das ist richtig. Da ich ja im Feld der Kunst arbeite, meine Studierenden sind hauptsächlich als Kunstschaffende tätig. In der Kunst da herrschen Großausstellungen vor, wie zum Beispiel die Documenta, die dadurch geprägt sind, dass Kuratoren Themen vorgeben. Die Künstler sind angehalten, fast journalistisch, nicht so sehr künstlerisch, etwas zu einem bestimmten Thema beizutragen, Migration zum Beispiel. Ich glaube, das tut nicht nur der Kunst nicht gut, sondern es schadet auch ihrer politischen Wirkung. Denn da haben die antiken Philosophen recht – wenn man jemanden ansprechen will, der anderer Meinung ist oder vielleicht noch unentschieden, dann braucht man ein Element von Form, um bei dem anderen ein Stück weit Aufmerksamkeit und Wohlwollen zu erzeugen, so dass Argumente überhaupt erst greifen können.

Die bildende Kunst, Hollywood-Komödien, schnelle Autos… in Ihrem Buch alles Dinge der Form. Oder Höflichkeit zum Beispiel. Geht es da nicht einfach nur um Äußerliches?

Das ist eine Fehl-Wahrnehmung der Höflichkeit. Höflichkeit ist philosophisch auch deshalb interessant, weil sie reine Form ist. Höflichkeit ist immer echt, man kann nicht sagen, das hat nur höflich ausgesehen, war aber nicht höflich – wenn es höflich ausgesehen hat, dann war es höflich. Deshalb muss man Höflichkeit auch lernen. Das beruht auf vielen Kulturtechniken, die wir zum Teil vorbewusst beherrschen. Wie wir zum Beispiel einen Händedruck gestalten: Wer die Hand zuerst ausstrecken darf, wie schnell man sie hinstreckt, wer die Hand des anderen zuerst drücken darf, wie lange man festhält und so weiter. Das sind alles sehr entscheidende Dinge. Man hat hier den Beweis dafür, dass Form ihr eigener Inhalt sein kann. Bei der Herzlichkeit oder der Freundlichkeit ist das anders. Das sind natürlich Inhalte, die durch eine Form ausgedrückt werden, und die Form kann trügen. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Wie ist es mit der Floskel "Wie geht es Ihnen?", die vielleicht in beide Felder fällt, auf die aber niemand ehrlich oder ausführlich antwortet? Hat sie einen Nutzen?

Ja, auf jeden Fall. Schon der Philosoph Immanuel Kant hat festgestellt, die Höflichkeit sei eine schöne Lüge, die man anwenden dürfe, weil sie niemanden täusche. Und wenn man sich eine Zeitlang höflich verhalte, dann werde man auch tatsächlich moralisch besser. Diesen umfassenden Anspruch hat Kant tatsächlich vertreten. Ich glaube, man kann sagen, dass die Höflichkeit jedenfalls eine Solidarität zwischen Menschen herstellt, die sonst möglicherweise nicht viel miteinander zu tun haben, weil sie unterschiedlicher Herkunft oder Kultur sind. Außerdem bringt sie innerpsychisch etwas in Gang. Wenn man sich nicht gehen und den anderen seine momentane Befindlichkeit spüren lässt, sondern zumindest die Form wahrt und fragt, wie geht’s, auch wenn einen das nicht interessiert, dann ist zumindest trotzdem ein kleines Theaterstück inszeniert, an dem beide Beteiligten festhalten. Und dieses Inszenieren schafft eine reale Solidarität zwischen den beiden. Man hat alles, was hässlich ist, hintangestellt, und dafür ist man dem anderen auch ein Stück weit dankbar.

Was ist mit den jungen Wilden, die in allen Disziplinen regelmäßig auftreten und die Form angreifen oder zersplittern? Die Verpflichtung auf bestimmte Formen kann sehr einschränkend sein, "das tut man nicht", "was sollen die Leute denken?", dagegen rebellieren Heranwachsende. Reden Sie der Konvention das Wort?

Na ja, das ist natürlich eine Gefahr bei dieser Sache. Das ist völlig klar. Man muss sich aber auch verdeutlichen, dass Hierarchie alles in den Dienst nehmen kann, sowohl die bestehende Form als auch die bestehende Formlosigkeit. Wenn wir die Formen los geworden sind, sind wir nicht unbedingt befreit – es gibt auch die antiautoritäre Hierarchie, Betriebe, wo alle den Chef duzen, wo man aber gleich ein schlechtes Gewissen hat, wenn man die Erwartungen des Chefs nicht vollkommen erfüllt. Wenn der Chef einen zumindest siezen muss, hat man eine bestimmte Basis, auf deren Grundlage man seinen eigenen Standpunkt besser vertreten kann. Man kann ja immer nur der größten drohenden Illusion widersprechen. Und da glaube ich, im Moment laufen wir eher Gefahr, der Form zu sehr zu misstrauen und zu wenig Misstrauen gegen die gängige Formlosigkeit und die in ihr versteckten Hierarchien zu hegen.

Robert Pfaller, Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form, ist bei S. Fischer erschienen.

© S. Fischer/Montage BR

Cover: Robert Pfaller, Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!