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Robert Habeck, studierter Philosoph, geht nicht zum ersten Mal in einem Buch den Grundlagen seiner politischen Überzeugungen nach. "Von hier an anders" heißt sein neuer Band, Knut Cordsen hat mit dem Vorsitzenden der Grünen gesprochen.

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Robert Habeck: "Die Grünen müssen sich zur Mitte bekennen"

"Von hier an anders" heißt das neue Buch von Robert Habeck, eine Art politische Standortbestimmung. Warum die Corona-Krise keine Blaupause für die Klimakrise ist und wie er die Grünen zur Partei der Mitte machen will, erklärt Habeck im Interview.

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Von
  • Knut Cordsen

Als Robert Habeck in jungen Jahren seinem Vater mitteilte, dass er vorhabe, nach dem Zivildienst Philosophie zu studieren, erntete er einen skeptischen Blick – und die Frage, was er denn damit zu werden gedenke: Philosoph etwa? So schreibt es der promovierte Philosoph Robert Habeck in seinem neuen Buch "Von hier an anders. Eine politische Skizze". Der Bundesvorsitzende der Grünen wirbt darin mit Bezug auf Philosophinnen wie Hannah Arendt für eine neue Kultur des Miteinander, für eine neue Machtkultur gar, für eine Politik des Einvernehmens in Zeiten der zunehmenden Zersplitterung und Spaltung der Gesellschaft. Die kulturellen Fragen werden immer wichtiger, schreibt Robert Habeck in seinem neuen Buch, denn diese kulturellen Fragen bilden das Gerüst für den Bau der Gesellschaft. Knut Cordsen hat mit Robert Habeck gesprochen.

Knut Cordsen: "Von hier an anders", diese Formulierung entstammt dem neuen Grundsatzprogramm der Grünen. Parteiprogramme sind das eine, Bücher das andere. Das ist ja eher außergewöhnlich, dass aktive Politiker ihre Gedanken in Büchern bündeln. Was gab und was gibt Ihnen konkret den Anlass dazu?

Robert Habeck: Also, für mich ist das eine Form, über mein Leben, auch mein politisches Leben zu reflektieren, und bestimmte Gedanken mal auszuweiten und auszuhalten. Es ist ja nicht das erste politische Buch, das ich schreibe. Der konkrete Auslöser war das letzte Jahr. Wir erlebten unglaubliche Geschwindigkeiten in der Politik, gerade meine Partei: Die Grünen hatten in den letzten Jahren sehr große Erfolge, und wir haben auch einen großen Wandel und große Veränderungsprozesse durchlaufen. Mit dem Erfolg ist auch mehr Verantwortung gekommen – und alles war sehr schnell und sehr hektisch. Permanent musste ich Interviews geben und permanent musste ich reden. Und dann kam Corona, und die Zeit habe ich dann unter anderem genutzt, darüber zu reflektieren: Was ist jetzt eigentlich passiert? So habe ich die ersten Seiten geschrieben, als ich im Nachtzug von München nach Norden gefahren bin, heraus aus dem abgebrochenen Kommunalwahlkampf in Bayern. Das war dann der Auslöser.

"Wenn wir es von hier an anders machen wollen, dann nicht nur, indem wir die Laufrichtung verändern, sondern auch das Laufen selbst", so schreiben Sie an einer Stelle in Ihrem neuen Buch. Mit der Metapher des Laufens scheinen es die Grünen zu haben. Beim Marathon-Mann Joschka Fischer war es "der lange Lauf zu sich selbst", bei Ihnen ist es nun die Richtung, die wir verändern sollten. Was genau meinen Sie damit?

Damit meine ich politisch und sehr konkret, dass die Systeme, die unser gesellschaftliches Leben, unseren Wohlstand, unsere Ernährung und Mobilität prägen, durch Gegensätze definiert sind, die so in Zukunft nicht mehr aufrechtzuerhalten sind. Also, unter Billigkeit und Günstigkeit muss die Natur schon mal leiden, beispielsweise in der Landwirtschaftsproduktion. Da sind der ökonomische Erfolg einer Volkswirtschaft und die Klimakrise. Das nationale Interesse von Staaten, das deutsche Interesse und das europäische Interesse. Alles das sind Gegensätze, die die letzten Jahrzehnte geprägt haben. Und man konnte sich für oder gegen eine Position entscheiden. Aber ich sage jetzt, dass diese Konstruktion, diese Gegensatz-Stellung nicht mehr funktioniert. Also, ökonomischer Erfolg ist nur noch dann möglich, wenn er Klimaschutz möglich macht. Die richtige landwirtschaftliche Produktion setzt voraus, dass Umwelt nicht als Beschränkung, sondern als integraler Bestandteil gesehen wird. Der deutsche Erfolg als reiches Land in der Mitte Europas ist daran gebunden, dass Europa prosperiert. Und in der Politik selbst ist der Gegensatz: Die einen regieren, die anderen sind Opposition – das heißt, die einen bestimmen und die anderen nölen daran herum – auch nicht mehr fruchtbar. Jede Opposition muss sich so benehmen, als wäre sie schon in der Regierung. Und jede Regierung tut gut daran, selbstkritisch zu sein und die Kritik nicht der Opposition zu überlassen.

Viele sagen ja, dass eine tiefe Krise, wie wir sie gerade durch die Corona-Pandemie erleben, eine Art Blaupause sei für die Bewältigung einer anderen, im Moment eher im Hintergrund schwelenden Krise, nämlich der Klimakrise. Nun lese ich bei Ihnen aber, dass es "falsch, ja zynisch wäre, die Maßnahmen gegen die Corona-Krise als Muster für die Bekämpfung anderer Krisen zu nehmen, etwa für den Klimaschutz." Warum wäre das falsch?

Weil die Einschränkungen, die Freiheitsreduktion und die ökonomischen Konsequenzen, die wir im Moment erleben, ja ein Beispiel dafür sind, wie es gerade nicht gehen sollte. Also, wenn die gesellschaftlichen und persönlichen Kosten – auch die vielen Toten, wenn ich das so sagen darf – ein positives Beispiel dafür sind, dass wir die Klimakrise genauso wie die Corona-Krise bewältigen wollen, dann haben wir nichts gelernt und alles falsch gemacht. Ganz im Gegenteil. Wenn man eine Konsequenz zieht, dann ist es doch die, dass Krisen nicht so weit eskalieren dürfen, wie wir es jetzt gerade erleben. Also, die Corona-Krise sehe ich als Menetekel dafür, wie es nicht kommen sollte. Und das heißt, eine Politik auch in den anderen Feldern zu entwerfen, die die Dinge nicht so lange heißlaufen, die Widersprüche so groß werden lässt, dass wir in diesen Krisenmodus verfallen und dann zu unglaublichen gesellschaftlichen Kosten versuchen, da wieder rauszukommen. Nein, es bedeutet, eine präventive Politik zu entwickeln, die Vorsorge schon dann einkehren lässt, wenn die Krise noch gar nicht da ist. Sie erinnern sich, dass es immer hieß – auch Ihr Ministerpräsident in Bayern sagte das so – dass Kanzler wird, wer Krise kann. Eigentlich müsste es doch heißen, Kanzler sollte der oder diejenige werden, der oder die Krisen verhindert. Also, nicht erst die Dinge eskalieren lassen und dann gucken, wer sich darin bewährt, sondern dafür sorgen, dass es gar nicht erst so schlimm kommt.

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Robert Habeck "Von hier an anders. Eine politische Skizze"

Sie wenden sich, was ich interessant finde, als Grüner gegen einen "Klimatotalitarismus". Dieses Wort verwenden Sie selbst und stellen sich damit gegen die eher fundamentalistischen Richtungen in Ihrer eigenen Partei, die den Klimaschutz um jeden Preis durchsetzen wollen. Und sei es um den Preis, potenzielle Wählerinnen und Wähler mit zu harschen Forderungen zu verprellen. Das will ich mal pars pro toto nehmen für Ihre Herangehensweise an große politische Fragen – Sie sind da im Zweifel auch mal gern nonkonform mit der eigenen Partei, mit der eigenen Filterblase. Sie wollen ein möglichst breites Spektrum an Bürgerinnen und Bürgern ansprechen, wohl weil die Zeit der althergebrachten Klientelpolitik vorbei ist, oder?

Ja, aber ich bin Parteivorsitzender der Grünen und bin natürlich nicht nonkonform mit meiner Partei. Ich arbeite seit drei Jahren daran, dass die Grünen diese breitere gesellschaftliche Aufstellung bejahen und suchen und annehmen und darauf hinarbeiten. Und das macht die Partei ja auch. Also, es gibt sozusagen keinen Gegensatz zwischen mir und den Grünen, sondern ein gemeinsames Arbeiten. Recht haben Sie in Bezug auf ein durchaus verändertes Politikmodell oder Politikverständnis. Und das heißt für mich: In einer Demokratie gibt es keine Wahrheit, die über den Mehrheiten steht. Glaubensgrundsätze sind wichtig und interessant in anderen Räumen, dafür haben wir solche Räume ja geschaffen. Aber in der Politik müssen gute Argumente zu Mehrheiten führen. Und wenn man sich darüber stellt, mag man individuell das Gefühl haben, man macht vieles richtig oder man ist mit sich selbst im Reinen oder ein Gewissen gebietet einem, so oder so zu handeln. Aber wenn man dann an der Macht ist und das so durchsetzt, indem man Widerspruch nicht nur als andere Meinung, sondern als Verrat an der Wahrheit wahrnimmt, dann kommt man auf einen Totalitarismus-Pfad. Und das wäre schädlich. Gerade in einer Zeit, wo wir sehen, was passiert, wenn Menschen nicht mehr miteinander reden, sondern anfangen, sich zu stürmen – wie soeben beim Sturm aufs Capitol in den USA – und dann möglicherweise aufeinander schießen, da sollte das unterbleiben.

Bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang Ihren Satz: "Wir brauchen keine höhere Wahrheit oder gar moralische Impertinenz."

Ja, Impertinenz ist nicht schön, oder? Wenn man immer mit dem erhobenen Zeigefinger herumfuchtelt, führt das ja in der Regel nicht dazu, dass Menschen sagen: "Ah, danke, du hast den Zeigefinger erhoben, jetzt ändere ich mein Verhalten", sondern man reagiert darauf emotional und sagt: "Du Blödmann! Ich kann auch anders!" Das ist vielleicht sogar für die Corona-Krise, jetzt für diese Tage, ein Warnsignal. Wenn man das Gefühl hat, die staatlichen Verordnungen werden immer autoritärer, aber die eigenen Verhaltensweisen immer schlechter, dann kann das nicht lange gutgehen. Also, ich glaube, da sollten wir sehen, dass wir jetzt konkret in der Gegenwart, wir als Gesellschaft, zu einer anderen, gemeinsameren Form zurückkehren.

Ich hatte beim Lesen Ihres Buches mitunter den Eindruck, Robert Habeck will die Grünen zur neuen Zentrumspartei machen, weil Sie den Begriff des Zentrums, der Mitte immer wieder hernehmen und stark machen. Sie definieren diese Mitte ja auch neu, und zwar anders als Ihr politischer Kontrahent und möglicher Koalitionspartner im Herbst, die CDU/CSU, die die Mitte zu repräsentieren vorgibt. Was ist für Sie die Mitte?

Darauf läuft das Buch dann nach knapp 400 Seiten hinaus, dass ich versuche, die gesellschaftlichen Verschiebungen der letzten Jahre, der letzten Dekade, nachzuzeichnen. Zu erklären, warum es Widersprüche gibt und worin die begründet sind, wie eine neue Politik aussieht. Es bildet sich eben ein neues Verständnis von Gesellschaft heraus, ein freieres, liberaleres Verständnis von Gesellschaft, ein gleichberechtigtes Verständnis von Gesellschaft, auch mit ökonomischen Konsequenzen, also mit neuen Modellen, Geld zu verdienen – und zugleich der Infragestellung von anderen Modellen. Wenn diejenigen, die die Profiteure oder Sieger dieser gesellschaftlichen Veränderung sind, ab einem gewissen Status nicht die Verantwortung für das Ganze suchen, dann riskieren sie erstens ihre eigenen Erfolge, und zweitens werden sie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht. An dieser Stelle sehe ich die Rolle meiner Partei und in gewissem Sinne auch meiner selbst. Wir sind eine Partei der Veränderung gewesen, aber gerade weil der Erfolg dieser Veränderung so groß geworden ist, reicht es jetzt nicht mehr, nur zu sagen: Wir machen die nächste Veränderung und die nächste Veränderung, sondern jetzt muss sich gerade diese neue Mitte auch zur Mitte bekennen und aus dieser Mitte heraus, aus einem Zentrum heraus, die Gesellschaft stabil halten, um Vertrauen und Sicherheit zu geben. Das sind durchaus neue Töne, das ist mir bewusst. Aber sie sind jetzt nicht exklusiv, sondern das ist meine Position seit Jahren. Und jetzt bin ich in der Lage, das eben auch nochmal größer vorzustellen.

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