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Robert Koch: Schattenseiten einer Lichtgestalt | BR24

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Scheute auch vor Menschenversuchen nicht zurück: Robert Koch (r.) in Afrika

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Robert Koch: Schattenseiten einer Lichtgestalt

Keine Seuche war sicher vor ihm: Robert Koch sagte den Infektionskrankheiten den Kampf an. Und das ohne Rücksicht auf Verluste – zumindest wenn die Patientinnen aus Afrika kamen. Davon erzählt nun Michael Lichtwarck-Aschoff in seinem Tatsachenroman.

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Von
  • Hendrik Heinze

Robert Koch genießt den Status einer medizinhistorischen Lichtgestalt. "Bahnbrechender Erforscher der Krankheitserreger", so steht es, und ja auch völlig zu Recht, am Sockel seines Denkmals in Berlin. Robert Koch ist Namenspate eines Bundesinstituts, Schutzpatron im Kampf gegen Corona. Er ist aber auch: ein Arzt, dem es recht gleich war, ob ein Patient lebte oder starb. Zumindest, wenn diese Patienten Afrikanerinnen und Afrikaner waren, denen Koch im Kampf gegen die Schlafkrankheit das ärgste Gift spritzen ließ, um die Folgen zu dokumentieren – alles im Interesse der Medizin, versteht sich.

Leider keine (reine) Fiktion

Dass er sich damit ethisch und moralisch angreifbar machte, muss Koch klar gewesen sein. Davon geht zumindest Michael Lichtwarck-Aschoff aus: "Die Dinge, die er betrieben hat im sogenannten Schutzgebiet Deutsch-Ostafrika, die hätte er in der deutschen Heimat jedenfalls nicht durchführen können."

Lichtwarck-Aschoff, Augsburger Arzt und Schriftsteller, hat sich lange mit Kochs Menschenversuchen beschäftigt und sie nun zu einer Erzählung verarbeitet. "Robert Kochs Affe" erscheint beim Hirzel-Verlag als "literarisches Sachbuch" – und das trifft es. Nicht alles ist so gewesen, wie Lichtwarck-Aschoff es geschehen lässt, und doch ist es eindeutig der wirkliche, mit seinen eigenen Aussagen zitierte Medizinerpapst, den der Autor ins Fiktive fortschreibt.

Im Krieg gegen die Krankheit

Koch erscheint hier weniger als Arzt denn als Feldherr, der Kriege zu gewinnen hat, der Herr Professor im Kampf gegen die Erreger. Wer sich von denen besiedeln lässt, der hat halt Pech gehabt - und wird, etwa bei Kochs Kampagne gegen den Typhus 1903 im Raum Trier, von der Koch zuarbeitenden Staatsmacht abgesondert, eingesperrt, muss zur inneren Desinfektion Rizinusöl trinken und sich bei Untersuchungen demütigen lassen. Lichtwarck-Aschoff formuliert es so: "Wer für einen anderen in eine Glasschale scheißen muss, ist besiegt."

Am Infizierten ist eben vor allem interessant, dass er die Gesunden nicht gefährdet. Und an der Medizin nicht etwa, dass sie heilt, sondern dass sie Ansteckung und Ausbreitung verhindert. Die Fachwelt spricht bald von "Seuchenbekämpfung nach den Prinzipien Kochs". Und wie sich diese noch auf die Spitze treiben lässt, zeigt der Professor bald selbst in Ostafrika: Menschenversuche mit Schwerkranken, Behandlungen gegen deren Willen, Schwerste Nebenwirkungen, Erblindung und Tod. Dass sich das alles so zutrug, bestreitet nicht mal das Robert-Koch-Institut und spricht vom "dunkelsten Kapitel seiner Laufbahn", scheint an seinem Namensgeber aber festhalten zu wollen. Robert Koch – Propagandist und Profiteur einer rassistischen Kolonialpraxis.

Mehr als "nur" ein Kind seiner Zeit

"Sicherlich ist es so, dass er jemand war, der dem deutschen Kolonialismus zu dieser Zeit die ideologischen Stichworte gegeben hat", meint Lichtwarck-Aschoff. "In gewisser Weise ist er natürlich Kind seiner Zeit, aber ich denke, er ist schon ein besonders prägendes Kind seiner Zeit gewesen."

Und so ist dies der gar nicht so häufige Fall einer Erzählung, die über weite Strecken für ihre Hauptfigur wenig übrig hat, kaum Gutes über sie zu sagen weiß. Erst im letzten Viertel des Buches ändert sich das: Koch ist alt geworden, zerbrechlich und milde, und ganz der Willkür einer so unerträglich selbstgewissen, am einzelnen Erkrankten ganz und gar desinteressierten Medizin ausgeliefert, wie auch er sie vertrat.

Fragwürdiges Menschenbild

Lichtwarck-Aschoff hat hier das schriftstellerisch Richtige getan und die Erzählung nicht bei Kochs Übeltaten enden lassen. Wie er ja ohnehin an dieses Leben noch ganz andere Fragen stellt als nur die nach der moralischen Schuld. Ihn interessiert, wie Koch Vorstellungen prägte, die sich in der Medizin lange hielten. Die Trennung der Krankheit vom Kranken etwa, nach dem Motto: Was muss ich den Patienten sehen, wenn ich doch seine Stuhlprobe kenne. Genauso das Menschenbild, das dieser ganzen frühen Bakteriologie zugrunde lag: "Wir Menschen sind ein sauberes Gefäß, und wenn etwas Unsauberes – und das Unsaubere ist immer auch gleichzeitig das Fremde – eindringt, dann muss das beseitigt werden, rausgeschmissen werden, wir müssen uns sauber halten sozusagen."

"Allein das Wort: Erreger!", sagt der Arzt Lichtwarck-Aschoff – und hat zum Glück alles, was ihm bei der Recherche interessant vorkam, auch einfließen lassen in diese Erzählung, die beginnt bei dem titelgebenden Affen, den Robert Koch wirklich als Haustier hatte, die sich fortsetzt in Deutsch-Ostafrika und endet in New York. Eine Geschichte der Medizin in den Geschichten eines Mediziners.

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