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Riesen-Defizit: Muss das Metropolitan Museum Kunst verkaufen? | BR24

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Unter Druck: Museumschef Max Hollein

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    Riesen-Defizit: Muss das Metropolitan Museum Kunst verkaufen?

    Wegen der Pandemie fehlen 150 Millionen Dollar in der Kasse: Jetzt will sich MET-Museumschef Max Hollein alle Optionen offen halten – sogar den Not-Verkauf von einzelnen Werken. Das wäre wegen einer Sonderregel noch bis April 2022 möglich.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Museen in aller Welt sollen Kunstschätze bewahren, nicht gewinnbringend vermarkten, das gilt auch in den Vereinigten Staaten. Nach geltender Rechtslage dürfen öffentliche Sammlungen in den USA nur dann Objekte abstoßen, wenn sie mit den erlösten Mitteln umgehend wieder neue Werke ankaufen. Das soll die Pflege der Bestände ermöglichen. Doch wegen der Pandemie hat die Association of Art Museum Directors, der Verband der US-Museumschefs, noch bis zum 10. April 2022 ein Zeitfenster geöffnet, in dem eine Ausnahme gilt. Bis dahin dürfen in finanzielle Not geratene Häuser Kunstobjekte verkaufen, um sich über die besucherarme Pandemie-Zeit zu retten.

    Das haben auch schon mehrere große Institutionen genutzt. So erlöste das Brooklyn Museum bei mehreren Auktionen 31 Millionen Dollar. Das Baltimore Museum of Art dagegen schreckte zwei Stunden vor Beginn einer Versteigerung nach massiven Protesten dann doch noch davor zurück, Werke von Andy Warhol und Brice Marden zu Geld zu machen. In Großbritannien verschaffte sich das Londoner Opernhaus auf die Schnelle 13 Millionen Pfund, indem es ein Gemälde von David Hockney veräußerte.

    Max Hollein: "Kein weiß genau, was kommt"

    Offenbar kommt jetzt nicht mal mehr einer der größten Kunsttempel der Welt, das New Yorker Metropolitan Museum, ohne eine Finanzspritze aus. Das Haus musste bereits rund 400 Mitarbeiter entlassen und rechnet mit Einnahmenausfällen von 150 Millionen Dollar. Direktor Max Hollein, bis 2016 Chef der Frankfurter Schirn-Kunsthalle und des Städelmuseums, sagte der "New York Times" zum Thema Auktionserlöse: "Es ist an der Zeit, dass wir uns alle Optionen offen halten. Niemand von uns weiß ganz genau, welche Auswirkungen die Pandemie haben wird. Es wäre für uns unangemessen, nicht darüber nachzudenken, während wir in dieser nebelhaften Lage sind."

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    Bildrechte: Sergi Reboredo/Picture Alliance

    Yagim Maske im Metropolitan Museum of Art

    Der Aufsichtsrat des MET-Museums will sich nach Angaben der "New York Times" bei einer Sitzung im März damit beschäftigen, ob er eine grundsätzliche Wende in der bisherigen Sammlungspolitik ermöglicht. Dabei braucht das Museum nicht nur zum Ausgleich von Einnahmeausfällen Geld, sondern auch, um künstlerische Defizite im Bestand zu korrigieren. So soll in den nächsten Jahren verstärkt in Werke von schwarzen und weiblichen Künstlerinnen und Künstler investiert werden. "Ich möchte aber das Missverständnis ausräumen", so Hollein, "dass wir Objekte verkaufen, um diese Ziele zu erreichen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun."

    Es kommen nur noch 3.000 Besucher täglich

    Jedes amerikanische Museum sei derzeit mit Auktionshäusern im Gespräch, beteuerte Hollein. Es sei daher unverantwortlich, wenn sein Haus nicht auch darüber diskutieren würde, ob das aktuelle Zeitfenster genutzt werden muss. Bereits im vergangenen August hatte Hollein gegenüber dem "Spiegel" angekündigt, dass Museen Werke veräußern müssten, um den Herausforderungen der Corona-Krise standzuhalten. Im österreichischen "Standard" hatte Hollein Ende Oktober 2020 vorgerechnet, dass in normalen Zeiten täglich 30.000 Besucher ins Museum kämen, mittlerweile aber nur bis zu 3.000. Siebzig Prozent seien früher Touristen gewesen, die momentan fehlten.

    Die Zuwendungen von reichen Gönnern seien allerdings kaum rückläufig, so Hollein: "Richtig ist aber, dass viele Stiftungen oder Unternehmen derzeit andere Prioritäten haben als die Unterstützung von Museen. Das ist auch in Ordnung. Jetzt muss man soziale Einrichtungen unterstützen, kleinere Institutionen. Das MET sollte nicht die Priorität Nummer eins sein. Ich sage das ganz offen."

    Besonders drastisch ging übrigens das Indianapolis Art Museum vor: Es durchforstete seinen gesamten Bestand und ordnete alle 54.000 Werke in vier Kategorien von A bis D ein. Für Objekte der "untersten" Stufe soll gelten, dass sie grundsätzlich getauscht oder verkauft werden können, was auf insgesamt zwanzig Prozent der Sammlung zutreffen soll.

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    Bildrechte: Sergi Reboredo/Picture Alliance

    Afrikanische Kunst im MET-Museum

    Der Vorgänger von Max Hollein an der Spitze des Metropolitan Museums, Thomas P. Campbell, warnte am vergangenen Samstag auf seinem Instagram-Account vor der Haushaltssanierung mit Hilfe von Auktionserlösen: "Obwohl ich wie jeder andere weiß, wie komplex es ist, diesen Giganten zu führen, und ich großes Mitgefühl für die auf dem Fahrersitz habe, befürchte ich, dass dies ein rutschiger Weg ist. Die Gefahr besteht darin, dass der Verkauf von Objekten zur Norm wird, insbesondere wenn führende Museen wie das Met diesem Beispiel folgen. Die Aussonderung wird für den Süchtigen wie Crack-Kokain sein, ein schneller Treffer, der zur Abhängigkeit wird."

    Hollein sah das im "Standard" anders. Die Veräußerung von Kunst sei "kein Tabubruch" wie in Europa. Allerdings hatte der Museumsdirektor Ende Oktober auf die Frage, ob auch das Metropolitan Museum selbst an Verkäufe denke, noch geantwortet: "Wir wissen alle nicht, was noch passiert. Derzeit ist es aber kein Thema, vielleicht könnte es aber dazu kommen." Das scheint zumindest wahrscheinlicher geworden zu sein.

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