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Richy Müller ist als Raymond Babbitt im Theater unterwegs
© Philipp Mönckert, Alvise Predieri/Komödie im Bayerischen Hof
© Philipp Mönckert, Alvise Predieri/Komödie im Bayerischen Hof

Richy Müller ist als Raymond Babbitt im Theater unterwegs

Verblüffend, wie gut das diesmal funktioniert: Fast immer, wenn das Theater mit einem bekannten Film konkurriert, gehen die Zuschauer wenig begeistert nach Hause, manchmal sogar enttäuscht. Vor über dreißig Jahren startete "Rain Man" mit den Superstars Dustin Hoffman und Tom Cruise in den Hauptrollen in den Kinos. Die Geschichte zweier Brüder, von denen einer pleite, der andere in der Nervenklinik ist, wegen Autismus, also einer schweren Persönlichkeitsstörung. Schauplatz war immerhin Las Vegas, der äußere Aufwand groß, doch er fehlt überhaupt nicht. Richy Müller, bekannt als Stuttgarter Tatort-Kommissar, spielt diesen in sich versunkenen Raymond Babbitt in der Theaterfassung, die auch schon elf Jahre alt ist (Uraufführung in London 2008) , mit einer Intensität, die staunen macht.

Richy Müller: "Den Autisten in mir gefunden"

Und dass, obwohl er auf der Bühne der Komödie im Bayerischen Hof in München betont unaufgeregt, ja fast scheu und leise ist. Richy Müller im BR: "Das einzige, was ich wusste, war das, was alle wissen, dass Autisten in ihrer eigenen Welt leben und schwer zu erreichen sind, dass oft auch die Empathie für Dinge fehlt. Das haben wir dann in den sieben Wochen Probenzeit versucht, herauszuschälen. Ich habe letztlich meinen Autisten in mir selbst gefunden. Wir hatten auch Therapeuten aus Autisten-Zentren, die mir immer wieder bestätigt haben, dass das, was ich mache, nicht übertrieben ist. Dass das, wie spreche, wie ich gehe, wie ich mich benehme, durchaus möglich ist und sie waren ganz erstaunt, dass man das spielen kann.

Stars and Stripes im Bayerischen Hof: Versteht Raymond ein Lächeln?

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Richy Müller versteift seinen Nacken, ja seinen ganzen Rücken, so sehr, dass er die Rolle nach eigener Aussage maximal zwei Wochen am Stück spielen kann. Autisten bewegen sich extrem vorsichtig, kantig, fast wie Maschinenmenschen. Dieser Raymond Babbitt verzieht sein Gesicht zur Grimasse, verkrampft seine Finger, hat Panik bei Berührungen und Angst um seine Gegenstände, vom Notizbuch bis zum Lineal. Und er ist ein Genie, weil er sich nicht nur haufenweise Zahlen merken kann, sondern ganze Telefonbücher: "Ich habe mich mit den Therapeuten, die bei mir in der Vorstellung waren und die sich über einen Brief angemeldet hatten, unterhalten, und die sagten mir, dass Eltern, die die Diagnose Autismus für eines ihrer Kinder bekommen, glauben, sie haben ein Genie. Aber von hundert Autisten ist vielleicht einer dabei mit dem Asperger-Syndrom, also mit einer Inselbegabung, der etwas ganz besonderes kann."

Richy Müller und Maria Weidner mit einer Tanz-Szene: Freiheit durch Musik

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Tief beeindruckend, wie authentisch Richy Müller jetzt schon seit mehreren Jahren mit dieser Rolle unterwegs ist. Ein Seufzen der Ergriffenheit geht durchs Publikum, wenn er als Raymond seinem, neben ihm auf dem Boden schlafenden Bruder einen Zipfel von der Bettdecke drüberlegt, ein ganz zartes Zeichen der Zuneigung und eine ungeheure Anstrengung für einen Autisten, der Gefühle nur sehr schwer zulassen kann. Deshalb sind Küsse für ihn ebenso fremdartig wie der Paartanz. Beides versucht er zu lernen, sehr zu Herzen gehend bei den Zuschauern. Markus Frank spielt den machohaften Bruder Charlie mit viel Körpereinsatz, aber nie grell oder einfältig. Das macht ihn zu einem anrührenden Kerl, der mindestens so kompliziert ist wie Raymond und sich nur mühsam seinen Problemen stellt.

Raymond sucht nach Halt: Was bedeutet die Welt?

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Auch alle anderen Mitwirkenden in dieser Produktion des Kammertheaters Karlsruhe aus dem Jahr 2014 (Regie Christian Nickel) waren absolut glaubwürdig, gelassen, nie aufgekratzt oder exaltiert, was für ein Boulevardtheater wie die Komödie im Bayerischen Hof äußerst ungewöhnlich, ja ein Risiko ist. Eine wirkliche Ausnahme-Tourneeproduktion, die Hausherr Thomas Pekny da eingekauft hat, nicht nur wegen des völlig uneitlen Richy Müller. Großer Beifall des Publikums.

Täglich bis 28. April in der Komödie im Bayerischen Hof in München

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